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08.10.2016

12:04 Uhr

Ökostrom

Neue Vorschläge für EEG-Umlage

VonKlaus Stratmann

Strom aus erneuerbaren Quellen verschlingt von Jahr zu Jahr immer höhere Milliardenbeträge. Forderungen nach einem Systemwechsel werden immer lauter. Studien zeigen, dass die Energiewende auch günstiger sein könnte.

Die Kosten für die Förderung des Stroms aus erneuerbaren Quellen steigen. dpa

Windrad in Hessen

Die Kosten für die Förderung des Stroms aus erneuerbaren Quellen steigen.

BerlinDie Umlage zur Förderung der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen wird nach einhelliger Auffassung aller Fachleute zum Jahreswechsel erneut steigen. Derzeit wird jede Kilowattstunde Strom mit einer Umlage von 6,35 Cent belastet, 2017 dürften es wohl rund sieben Cent werden. Da ein Ende des Aufwärtstrends nicht in Sicht ist, fordern Fachleute ein Umsteuern.

Ein bislang unveröffentlichtes Gutachten des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag des Bundesverbandes neue Ernergiewirtschaft (bne) zeigt, dass die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) deutlich sinken könnte, wenn der Ausbau der Erneuerbaren auch über den Verbrauch fossiler Energieträger mitfinanziert würde.

Die derzeitige Konstruktion der EEG-Umlage verhindert nach Überzeugung des bne, dass neue Anwendungsbereiche für Strom aus erneuerbaren Quellen wirtschaftlich erschlossen werden. Beispiel „power to heat“: Immer häufiger kommt es vor, dass die Windräder im Norden Deutschlands über Stunden mehr Strom liefern als sinnvoll genutzt werden kann. Diesen „Abfallstrom“ könnte man einsetzen, um damit Wohnungen zu beheizen. Solche Anwendungen sind jedoch unwirtschaftlich, solange der Strom mit hohen Abgaben belastet wird. Die Verwendung von Strom fürs Heizen oder für die Elektromobilität, im Fachjargon „Sektorkopplung“ genannt, kommt daher nicht voran.

„Wenn wir die Basis der EEG-Umlage verbreitern, könnten wir einen deutlichen Impuls für die Sektorkopplung und damit für das Gelingen der Energiewende geben“, sagt bne-Geschäftsführer Robert Busch dem Handelsblatt. Anderenfalls „stirbt die Energiewende im Heizungskeller“, warnt Busch.

Für sinnvolle Wärmestromanwendungen auf Basis erneuerbarer Energien bedeutet die steigende Umlage einen Nachteil gegenüber fossilen Lösungen. Die jetzige Regelung leistet dem Einbau von Gas- und Ölkesseln in Gebäuden Vorschub, die dann für Jahrzehnte in Betrieb bleiben – aus Sicht vieler Klimaschützer eine hohe Bürde für die Erreichung der Klimaschutzziele.

Können teure Erdkabel den Stromnetz-Ausbau retten?

Warum ist der Netzausbau für Deutschland so wichtig?

Immer mehr grüner Strom aus Wind-, Solar- und Bioenergie drückt in die Netze. Die starken Schwankungen bei Wind und Sonne stellen die Stabilität des ganzen Energiesystems auf eine Belastungsprobe: Wenn sich etwa bei stürmischem Wetter regional Windstrom ballt, geraten die Leitungssysteme unter Druck. Windanlagen müssen gegen Kostenersatz abgeschaltet, Reservekraftwerke an anderen Stellen hochgefahren werden. Das kostet aktuell schon rund eine Milliarde Euro im Jahr, bis 2023, wenn alle Atomkraftwerke vom Netz sind, könnten sich laut Bundesnetzagentur die Kosten vervierfachen. Um die Versorgungssicherheit zu halten und Blackout-Risiken zu mindern, müssen daher dringend neue „Stromautobahnen“ her.

Was stört Kritiker an möglichen neuen Überlandleitungen?

Freileitungen können je nach Ortsbebauung bis auf 400 oder sogar nur 200 Meter an Privatgrundstücken vorbeilaufen. Anwohner und Naturschützer stören sich – wie bei Windkraftanlagen – am Anblick von Mastenwäldern. Auch Ängste vor „Elektrosmog“ spielen eine Rolle: Kritiker verweisen auf Studien, denen zufolge die Leitungen geladene Teilchen in die Luft abgeben und die elektrischen Felder ein Gesundheitsrisiko sind.

Welche Vor- und Nachteile haben demgegenüber die Erdkabel?

Zunächst mal: Man sieht sie nicht. Eigentümer müssen nicht fürchten, dass riesige Masten vor der Haustür den Wert ihres Grundstücks mindern. Die Netzbetreiber sind gleichzeitig froh, denn für Erdkabel gelten beim Leitungsbau kaum Abstandsgrenzen zur Bebauung. Das Netz kann sich stärker an der Luftlinie orientieren. Das spart Strecke.

Probleme machen gleichzeitig die ungleich höheren Kosten der Spezialkabel. Je nach Gelände dürften sie nach ersten Schätzungen der Fachleute bei bis zum Drei- bis Sechsfachen der Freileitungskosten liegen. Skeptiker fürchten außerdem, dass auch Erdkabel Gesundheit und Umwelt negativ beeinflussen könnten – zum Beispiel, indem sie den Boden erwärmen. Techniker fragen sich, was eigentlich bei einer Netzstörung passiert. Es wird möglicherweise aufwendiger, defekte Stellen zu orten, und zur Reparatur muss man den Boden aufreißen.

Wer zahlt die möglichen Zusatzlasten für den Netzausbau?

Erneut die Verbraucher. Ohnehin soll die EEG-Umlage, die den Ökostrom subventioniert, laut Expertenschätzung 2017 auf fast 7 Cent je Kilowattstunde steigen. Noch liegt sie bei 6,35 Cent. Ein teurerer Netzausbau und Betrieb würde über die Netzentgelte ebenfalls bei den Stromkunden landen. Schon jetzt macht dieser Posten rund ein Viertel des Strompreises aus. Die Grünen kritisierten Erhöhungspläne der Netzbetreiber: Im schlimmsten Fall drohe Stromkunden eine „Erhöhungsorgie“.

Wie teuer werden die Erdkabel denn?

Laut früheren Annahmen der Bundesregierung könnten Erdkabel die Kosten um 3 bis 8 Milliarden Euro erhöhen. Immerhin: Nach vielerorts langer Blockade nimmt der Netzausbau mit Erdkabeln nun langsam Tempo auf. Tennet, 50Hertz und der Südwest-Betreiber TransnetBW stellten in der vergangenen Woche Vorschläge für etwa 1000 Meter breite Kabel-Korridore vom Norden in den Süden vor. Dabei geht es um die beiden anderen nationalen Trassen SuedLink und SuedOstLink. Die Bundesnetzagentur will die Vorschläge ab dem Frühjahr 2017 prüfen. Für die Verbindung von Emden bis Philippsburg plant Amprion bis Mitte 2017 Trassenvorschläge.

Die Verbreiterung der EEG-Umlagebasis auf den Endenergieverbrauch im Wärme- und Verkehrssektor könnte nach Überzeugung des bne zur Lösung dieses Problems beitragen. Kohlendioxidintensive Energieträger wie Gas, Heizöl und Benzin und Diesel würden in die Finanzierung der Energiewende einbezogen. Bestätigt werden solche Überlegungen durch die IÖW-Studie. Demnach könnte die EEG-Umlage auf den Strompreis um mehr als die Hälfte sinken, wenn sie anteilig auch auf den Energieverbrauch im Wärme- und Verkehrssektor erhoben würde. Das IÖW hat dazu verschiedene Varianten berechnet, in denen der private Energieverbrauch für Wärme und Verkehr sowie der von Gewerbe und Handel und die Industrie in die EEG-Umlage einbezogen werden.

Aus Sicht der bne lässt sich die Sektorkopplung im derzeitigen Umlagesystem nicht voranbringen. Aus Klimaschutzgründen bedarf es daher einer Trendumkehr, denn die Wärmebereitstellung beruht nach wie vor zu großen Teilen auf fossilen Energien. „Wir haben im Moment eine wunderbare Gelegenheit, die Schieflage der Belastung der Energieträger zu korrigieren. Die Preise für Öl und Gas sind so günstig, dass eventuelle zusätzliche Belastungen bereits überkompensiert sind“, sagt Busch.

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