Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.05.2012

17:26 Uhr

Ökostrom-Produktion

Der Sonnenstrom-Rekord kostet viel Geld

Zu Pfingsten wurde von Solaranlagen in Deutschland kurzzeitig so viel Strom produziert, wie in fast 20 Atomkraftwerken. Doch der Weltrekord hat seinen Preis. Es droht ein satter Aufschlag bei den Strompreisen.

Module einer Freiflächensolaranlage: Zu Pfingsten wurde von Solaranlagen kurzzeitig so viel Strom produziert, wie in fast 20 Atomkraftwerken. dpa

Module einer Freiflächensolaranlage: Zu Pfingsten wurde von Solaranlagen kurzzeitig so viel Strom produziert, wie in fast 20 Atomkraftwerken.

BerlinEingeklemmt unter seinem Arm trägt Boris Schucht einen brisanten Schatz spazieren. In der Aktenkladde hat der Chef des Netzbetreibers 50Hertz erste Schätzungen für die Ökostrom-Umlage im kommenden Jahr. Es ist eine Information, die für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Sprengstoff birgt - steht und fällt mit der Umlage doch die Akzeptanz der gesamten Energiewende.

Zwar will Schucht die Prognose nicht preisgeben, die bis zum 15. Oktober veröffentlicht werden muss. Je nach Ökostrom-Produktion kann sie sich noch nach oben oder unten verändern. Aber nach allem, was aus der Branche zu hören ist, droht eine böse Überraschung.

Schucht verwaltet mit den Chefs der anderen drei Betreiber von Stromautobahnen eines der wichtigsten Konten in Deutschland: Das Konto, über das die Förderzahlungen für Strom aus Sonne, Wind und Biomasse abgewickelt werden. Dreht das Konto zu stark ins Minus, droht im Bundestagswahljahr 2013 eine satte Strompreiserhöhung, weil der Milliarden-Fehlbetrag dann wieder reingeholt werden muss.

Gemäß des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zahlen die Bürger die Förderkosten per EEG-Umlage automatisch über ihren Strompreis mit. In diesem Jahr fallen pro Kilowattstunde (kWh) 3,59 Cent an, pro Jahr macht das pro Haushalt bei einem Verbrauch von 3500 kWh 125 Euro. Die Regierung hatte es sich vergangenes Jahr zum Ziel gesetzt, dass die Grenze von rund 3,5 Cent nicht überschritten werden soll. Als Norbert Röttgen noch Bundesumweltminister war, sagte er, es sei schon erstaunlich, wie sehr das Thema EEG-Umlage den Politikbetrieb bewege, viele Bürger aber mit dem Begriff kaum was anfangen könnten.

Herkulesaufgabe Energiewende

Mammutprojekt Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

Solarstrom-Reform

Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Speicher und Netze

Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

Koordinierung

Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

Geld für Energiewende-Projekte

Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

Atom-Endlager

Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

Asse

Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

Doch das könnte sich nun ändern. „Es gibt Indizien, dass die neue Umlage bei 5 Cent je Kilowattstunde liegen dürfte“, sagt Holger Krawinkel, Energieexperte der Verbraucherzentrale Bundesverband. Das würde 50 Euro mehr pro Jahr bedeuten, hinzu könnten steigende Netzkosten kommen, auch weil die Anbindung der See-Windparks hakt und es dafür eine weitere Umlage geben soll.

Kommentare (25)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

28.05.2012, 17:41 Uhr

"Der Atomausstieg wird nicht die Strompreise beeinflussen "
konnten wir damals hauptsächlich aus der rot/grünen ecke hören !
Sehr viel kompetentere und Objektive Ergebnisse wurden einfach von Trittin und Co vom tisch gewischt .

Account gelöscht!

28.05.2012, 18:00 Uhr

Volkswirtschaftlichher Unsinn, so Brüderle und die anderen
Was wollen sie denn, dass ist Planwirtschaft nach Art der DDR. Nur dass es in der DDR wenigstens noch ordentliche 5-Jahrespläne gab.
Hier macht unsere Politik mittlerweile Kindergarten-Politik und Politik für einen Tag, immer für denjenigen, der am lautesten kreischt
Da stellt jemand Strom her, verkauft den, aber die Herstellung/Gewinnung dürfen wir Bürger auch noch bezahlen, noch blöder geht es nicht mehr
Der ganz normale Bürger finanziert mittlerweile das gesamte Land, weil das Steurgeld ins Ausland geschafft wird
Unsere Politiker aller Parteien müssen endlich vor Gericht und haftbar gemacht werden für die Ausbeutung der Bürger

Account gelöscht!

28.05.2012, 18:22 Uhr

Welche Rechenkünstleer aus Münster sind das?! Ich werde demnächst mal nachfragen.

Eine Münsteranerin

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×