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22.09.2014

10:20 Uhr

Ohne Krankenschutz

Die Unversicherten

VonMartin Pirkl

In Deutschland ist eine Krankenversicherung per Gesetz Pflicht. Und doch gibt es Hunderttausende, die keine Versicherung haben. Eine Katastrophe im Krankheitsfall – nicht nur für die Betroffenen.

In Deutschland haben hunderttausende Menschen keine Krankenversicherung, obwohl das nach Gesetzeslage eigentlich unmöglich ist. Getty Images

In Deutschland haben hunderttausende Menschen keine Krankenversicherung, obwohl das nach Gesetzeslage eigentlich unmöglich ist.

DüsseldorfEs ist mal wieder soweit. Seine Muskeln verkrampfen sich, er hat sie nicht mehr unter Kontrolle und beißt sich auf die Zunge. Ihm wird schummrig. Dann kippt er um. Marek Majcrzak ist Epileptiker. Weil er seine Beiträge bei der Krankenkasse nicht bezahlen kann, lässt er sich bei der Malteser Migranten Medizin in Köln-Lindenthal nahe der Innenstadt untersuchen. Denn dort ist die Versorgung kostenlos.

In Deutschland haben hunderttausende Menschen keine Krankenversicherung, obwohl das nach Gesetzeslage eigentlich unmöglich ist. 2007 führte das Parlament die Versicherungspflicht für die gesetzliche, 2009 für die private Krankenversicherung ein. Die Bundesregierung hat die Gesetze erlassen, weil die Zahl der Unversicherten immer weiter anstieg. Nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes waren 2007 196.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Vier Jahre später waren es noch 137.000.

Diese Zahlen berücksichtigen allerdings nur Menschen mit festem Wohnsitz. Obdachlose oder Ausländer, die sich illegal in Deutschland aufhalten sind nicht mit eingerechnet. Es sind aber nicht nur Randgruppen, die keine Versicherung haben. Auch etliche selbstständige Unternehmer sparen sich aus finanziellen Gründen die Versicherung. Die Folgen: Unversicherte werden in Krankenhäusern nur behandelt, wenn es sich um einen Notfall handelt. Also bei lebensbedrohlichen Krankheiten oder akuten Schmerzen.

Eine Frau betritt die Malteser Migranten Medizin (MMM) in Köln. Sie kommt aus Angola und versteht kaum Deutsch. Die Empfangsdame versucht sich mit Zeichensprache mit der Frau zu verständigen, doch es klappt nicht. Eine Kollegin kann aber Portugiesisch und so kann die Behandlung beginnen.

Welche Krankenkasse ist die richtige?

Kriterien

Der Gesetzgeber lässt kaum einen Preiswettbewerb und nur einen eingeschränkten Leistungswettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen zu. Die Versicherten sollten deshalb zumindest die vorhandenen Möglichkeiten nutzen. Folgende Kriterien können bei der Wahl der richtigen Kasse wichtig sein.

Zusatzbeitrag

Für die Kassen gilt ein einheitlich-vorgegebener Beitragssatz vom sozialversicherungspflichtigen Einkommen. Eine Handvoll Kassen, die damit nicht zurecht kommen, erhoben zeitweise einen monatlichen Zusatzbeitrag von zumeist acht Euro im Monat. Die meisten Kassen schafften die ungeliebte Einnahmeform jedoch wieder ab.

Beitragsrückzahlung

Einige Kassen stehen finanziell so gut da, dass sie ihren Mitgliedern Beiträge zurückzahlen. Das kann sich jedoch von Jahr zu Jahr ändern.

Service

Freundlichkeit der Kassenmitarbeiter und gute Erreichbarkeit sind nach Umfragen für viele Kassenmitglieder wichtige Kriterien. Die AOK´s, die IKK-Classic und die großen Ersatzkrankenkassen wie die Barmer-GEK, DAK-Gesundheit und Techniker haben bundesweit die meisten Geschäftsstellen.

Wichtiger ist jedoch für die meisten Versicherten eine gute telefonische Erreichbarkeit und eine schnelle Reaktion auf Anfragen, was sich aber wie die Freundlichkeit der Mitarbeiter nicht exakt messen lässt. Über die Servicezeiten informieren in der Regel die Internetauftritte der Kassen.

Wahltarife

Kassen bieten für ihre Versicherten Spar- und Selbstbehaltsmodelle als Wahltarife an. Damit soll ein kostenbewusstes Verhalten gefördert werden. So kann beispielsweise bei Nichtinanspruchnahme bestimmter Leistungen ein Teil der Beiträge rückerstattet werden, auch können die Versicherten die Kostentransparenz von Ärzten wünschen, analog privater Krankenversicherung ein Kostenerstattung von Arztrechnung wählen.

Im Vergleich zu privaten Krankenversicherungen sind die Beitragsersparnisse jedoch gering, bei der Erstattung von Arztrechnungen stellen sich die Kassenmitglieder sogar oft schlechter, weil sie einen höheren Aufwand haben.

Bonusprogramme

Kassen zahlen ihren Versicherten für die Teilnahme an bestimmten Maßnahmen, etwa von Präventivkurse, weitergehende Vorsorgeuntersuchungen, Schutzimpfungen oder Sportkurse finanzielle Anreize.

Zusatzversicherungen

Gesetzliche Krankenkassen haben häufig mit privaten Krankenversicherer Kooperationen abgeschlossen und bieten deren private Zusatz- und Ergänzungs-Policen für stationäre Unterbringung oder Zahnleistungen zu einem Sondertarif an. Doch oft sind die Policen am Markt günstig erhältlich, ohne dass sich die Versicherten an den Kooperationspartner der Kasse binden müssen.

Innovative Leistungen

Zu den Krankenkassen, die vom neuen Gesetz Gebrauch machen und innovative Leistungen anbieten dürfen oder anbieten wollen, gehören unter anderem die Techniker Krankenkasse (Osteopathie), HEK (zusätzliche Vorsorge für Kinder und Schwangere), Siemens BKK (Heilpraktiker-Behandlungen/Osteopathie, BKK Henschel Plus (Heilpraktiker-Leistungen) und die BKK Wirtschaft & Finanzen.

Die MMM gibt es in 13 deutschen Städten und nicht nur Migranten suchen sie auf. In ihrem Standort in Berlin ist jeder dritte Patient deutsch, in München jeder Fünfte. Insgesamt arbeiten etwa 80 bis 90 Menschen ehrenamtlich für die MMM. Darunter befinden sich Allgemeinmediziner und Fachärzte wie Kinder- und Zahnärzte oder Gynäkologen. Außerdem helfen Empfangsdamen oder Dolmetscher.

Seit ihrem Bestehen besuchten 90.000 Patienten die MMM, 1300 Kinder wurden mit ihrer Hilfe geboren. Oft zögern die Patienten der MMM lange bis sie zum Arzt kommen. „Die Patienten kommen zu spät und so wird aus einer behandelbaren Krankheit ein ernste Erkrankung mit bleibenden Schäden“, sagt Claudia Kaminski, Pressesprecherin der Malteser. Häufige Erkrankungen der Patienten der MMM sind Zahnprobleme, Tumorerkrankungen, Infektionen oder Verletzungen durch einen Unfall.

Nicht nur Patienten ohne Versicherung werden nur im Notfall behandelt. Das gilt auch für Patienten wie Marek Majcrzak, die sich ihre Beiträge nicht mehr leisten können. Majcrzak, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Mitglied bei der „AOK“. Seit 18 Jahren lebt der Pole in Deutschland. Durch einen Gefängnisaufenthalt verlor er vor zwei Monaten seine Wohnung und seinen Beruf. Seitdem lebt er in Köln auf der Straße. Für seine Beiträge bei der AOK hat er kein Geld. Deshalb besucht er die MMM.

Kommentare (30)

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Herr Thomas Melber

22.09.2014, 10:33 Uhr

Da hilft nur eine allgemeine, aus Steuermitteln finanzierte Grundversorgung - dann könnte man sich auch einiges an Verwaltung sparen.

Herr Kurt Küttel

22.09.2014, 10:37 Uhr

Warum war Marek M. im Gefängnis? Warum ist er in Deutschland wenn er keinen Job hat? Warum soll der Steuerzahler für Illegale aufkommen?

Sergio Puntila

22.09.2014, 10:38 Uhr

Während der Neger Overseas eine gesundheitliche Grundversorgung noch erst herstellen möchte, wurde hierzulande die medizinische Grundversorgung der Tea-Party in vorauseilendem Gehorsam gleich pulverisiert.

Hoffentlich Allianz versichert?

Hoffentlich nicht!

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