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15.12.2012

04:28 Uhr

Opel in Bochum

„Die Politik kann nicht Standorte gegen Unternehmen sichern“

Opel lässt die Autoproduktion in Bochum auslaufen, Tausende Jobs sind bedroht. Nun warnt Bundestagspräsident Lammert vor zu hohen Erwartungen an die Politik. Anschaulich erklärt er ihre Grenzen.

Ein Solidaritätsplakat des Schauspielhauses Bochum zum Opel-Aus. dpa

Ein Solidaritätsplakat des Schauspielhauses Bochum zum Opel-Aus.

Berlin/BochumNach dem angekündigten Aus für das Bochumer Opel-Werk warnt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) vor zu hohen Erwartungen an die Politik. Man dürfe "ihre Möglichkeiten weder überschätzen noch überdehnen", sagte Lammert in einem Interview der Nachrichtenagentur dapd in Berlin.

Die Politik habe für die Zukunftsperspektiven von Regionen und Standorten zweifellos eine erhebliche Rolle. "Aber man sollte der Politik nicht Produktentscheidungen oder Marktsicherungsaufgaben zuweisen wollen, die nach allen Erfahrungen wirklichkeitsfremd sind. Wenn der Staat anfängt, Autos zu produzieren, dann kommen Trabis raus."

Politik könne Voraussetzungen dafür schaffen, dass es Betriebsansiedlungen gibt. "Aber die Politik kann nicht Standorte gegen Unternehmen sichern." Lammert fügte hinzu, da, wo es eine originäre politische Verantwortung gebe wie bei der Infrastruktur, "wird sie offenkundig wahrgenommen".

Mit Ausnahme der neuen Länder gebe es keine andere Region in Deutschland, die in ähnlicher Weise von der Politik im Strukturwandel begleitet worden sei wie das Ruhrgebiet. Allein in Bochum hätten Stadt, Land und Bund hohe dreistellige Millionenbeträge investiert.

Aus für Opel-Werk

Berichte von Tumulten in Bochum

Aus für Opel-Werk: Berichte von Tumulten in Bochum

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Opel hatte am Montag angekündigt, 2016 die Autoproduktion in Bochum auslaufen zu lassen. Es droht der Verlust Tausender Jobs. Lammert hat seinen Wahlkreis in Bochum.

Opel in Bochum

1962

Das Werk entsteht nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dammbaum. Das erste Auto, das vom Band rollt, ist ein Kadett A. Das Werk ist für 10.000 Beschäftigte konzipiert, viele der damaligen Arbeiter kommen aus dem Bergbau.

1967

Der Mittelklassewagen Olympia kommt ins Programm. Drei Jahre später sind es der Ascona und der legendäre Manta, die ab 1970 in dem Werk vom Band rollen.

1979

Höchststand bei der Beschäftigung: Zum Jahresende arbeiten mehr als 20 000 Menschen im Bochumer Opel-Werk.

1991

Der Astra löst den Kadett ab. Bis 2004 wird das Fahrzeug gefertigt, ab 1999 der Siebensitzer Zafira.

2004

Die Konzernmutter General Motors legt einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter auf, bei der bis 2006 rund 10 000 Stellen gestrichen werden sollen. Opel beschäftigt in Bochum noch etwa 9000 Mitarbeiter.

2005

Betriebsrat und Management unterschreiben einen „Zukunftsplan“, der die Existenz des Bochumer Werks sichern soll. In dem Jahr kommt ein neues Zafira-Modell nach Bochum.

80er und 90er Jahre

Der Personalstand schwankt nach Angaben der Bochumer Werksleitung zwischen 15 000 und 17 000.

2009

GM kündigt einen weiteren drastischen Stellenabbau von Opel in ganz Europa an, rund 9000 der noch 55 000 Stellen sollen wegfallen.

2011

Seit dem Jahr wird der Zafira Tourer in Bochum gebaut. Es ist vermutlich die letzte Produktionslinie an dem Standort.

2012

Opel beschäftigt noch rund 3200 Menschen in Bochum. Seit Bestehen wurden in dem Werk 13,5 Millionen Autos gebaut. Das Werk besteht nun seit 50 Jahren.

2013

Die Bochumer Belegschaft sagt Nein zu einem neuen Sanierungsplan, der die Autoproduktion bis Ende 2016 vorsieht. Der Opel-Aufsichtsrat beschließt darauf das Aus für das Werk. Nur ein Warenverteilzentrum soll erhalten bleiben.

Der CDU-Politiker sagte, er sei "in jeder Beziehung und seit vielen Jahren" persönlich enttäuscht vom Opel-Mutterkonzern General Motors (GM). "Es gehört zur Tragödie des Unternehmens, dass aus Sicht des Opel-Managements notwendige Entscheidungen zu neuen Produkten und neuen Märkten nicht umgesetzt werden können, weil in der GM-Konzernzentrale in Detroit ganz andere Absichten bestehen", betonte Lammert.

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Er fügte hinzu, das, was auf Bochum zukomme, sei "am bittersten für die unmittelbar betroffenen Menschen". Ihm erscheine aber die Einschätzung übertrieben, "dass der Verlust an Arbeitsplätzen eine Größenordnung habe, die die Region nicht bewältigen kann".

Lammert empfahl, "sich auf Optionen zu konzentrieren, die Zukunftspotenzial haben". Der erst vor wenigen Jahren angesiedelte Gesundheitscampus biete etwa in einer Wachstumsbranche Beschäftigungsperspektiven.

Von

dapd

Kommentare (21)

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Account gelöscht!

15.12.2012, 06:35 Uhr

Sehr geehrter Herr Lammert. Niemand erwartet von der Politik, das Sie Marktsicherungsaufgaben übernehmen. Aber die Politik kann sehr wohl auf diese Entscheidungen Einfluß nehmen, z. B., indem mit sofortiger Wirkung alle steuerlichen Vergünstigungen einggefroren oder abgeschafft werden. Unternehmen wie GM oder in der Vergangeheit auch Nokia saugen über viele Jahre das deutsche Steuersystem leer, um sich dann irgenwann zu veranschieden. Wann reagiert die Polituk endlich darauf, diese steuerlichen Vergünstigungen nur noch zu gewähren, wenn eine dauerhafte Beschäftigungs-Garantie gegeben wird. Berücksichtigung der Vergünstigungen nach hinten zeitlich versetzt, so das die Unternehmen sich nicht mehr vorher aus dem Staub machen können. Es geht hier um deutsche Arbeitsplätze, die aus Profitgier vernichtet werden.

guldukat

15.12.2012, 08:31 Uhr

Meister, wenn Unternehmen steuerliche Hilfen nur gegen dauerhafte Beschäftigungsgarantie erhalten soll und im Fall einer Schließung alles wieder zurück zu geben hätte, käme hierzulande niemand mehr um überhaupt noch Arbeitsplätze zu schaffen.
Übrigens "dauerhafte Beschäftigungsgarantie" .... wo leben Sie?

Account gelöscht!

15.12.2012, 08:36 Uhr

Politiker sind wirtschaftspolitisch wie Pilotfische, aber keine Akteure, die eine Richtung bestimmen. Das kann auch einmal mainstreamartig vor die Wand laufen.

Deutschlands Zukunfts heißt Mittelstand fördern, da Mittelstand im eigenen Land investiert und die bestehende Industrie im globlen Ringen zu stärken. Leider wird aber nicht investiert, sondern bequem gehortet. Die Reichen Deutschlands vergangener Jahrzehnte sind aber satt geworden und risikoarm. Deutschland leidet auch an zunehmender Dekadenz. Beschäftigungsverhältnisse können aber nur dort entstehen, wo Menschen leben und nicht dort wo viele ihr Geld leben lassen. Das können halt zwei Paar Schuhe sein.

In GB ging die Entwicklung schon "stärker in die Hose". Der vermeintlich bequeme Weg schnell und einfach reich zu bleiben, in dem Geld sonst wo angelegt wird, nur nicht im eigenen Umfeld, um Jobs zu schaffen. Auch in GB waren einmal Menschen vorhanden, die Mittelstand und Fabriken gründeten und loslegten. Heute sind die, die es könnten schlicht satt & bequem, um loszulegen. Warum sollte man denn auch ?

Warum soll bildlich gesehen in eine T-Shirt Produktion investiert werden, wenn es doch so ungleich lukrativer ist, einen Karton zu öffnen und ein Bangladesh/China/Indien-Tshirt herauszuziehen ? Warum soll ein CORSA in Ostdeutshland oder ein ASTRA/ZAFIRA in Bochum gebaut werden, wenn es lukrativer ist den MOKKA aus Südkorea zu importieren ?

Deutschland wird sich noch solche Fragen in den kommenden Jahren sehr zahlreich stellen. Branche für Branche.

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