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27.08.2012

14:08 Uhr

Organspende in Deutschland

„Das ganze System muss auf dem Prüfstand“

VonMaike Telgheder

Gesundheitsminister Bahr will mit schärferen Kontrollen neue Skandale bei der Organspende verhindern. Ärzten und Experten geht das nicht weit genug – sie beklagen strukturelle Fehler bei der Vergabe und den Finanzen.

In der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Jena wird einem Spender eine Niere entnommen. dpa

In der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Jena wird einem Spender eine Niere entnommen.

Berlin/FrankfurtMit schärferen Kontrollen sollen nach den Vorstellungen von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr Manipulationen bei Organspenden verhindert werden. Die Aufsicht und die Transparenz sollten verbessert werden, kündigte der FDP-Politiker am Montag in Berlin als Konsequenz aus dem Skandal um Manipulationen bei der Vergabe von lebensrettenden Organen an den Universitätskliniken in Regensburg und Göttingen an. Das Vertrauen in die Organspende müsse verstärkt werden.

Bahr hatte sich mit Vertretern von Ländern, Krankenkassen, Krankenhäusern und Ärzteverbänden auf einen Maßnahmenkatalog geeinigt, der unter anderem stärkere Kontrollen der Transplantationszentren vorsieht. Alle Transplantationszentren sollen auch auf Auffälligkeiten hin untersucht werden. An den Kontrollen sollen externe Fachleute beteiligt werden.

Zudem sollen künftig mindestens drei Personen über die Aufnahme von Patienten in Wartelisten für Organe entscheiden. Auch sollen die Transplantationen auch in Eilfällen besser und nachvollziehbarer dokumentiert werden.

Reform des Transplantationsgesetzes

Kontrollen

Die Transplantationszentren und die Entnahmekrankenhäuser wurden verpflichtet, der bestehenden Prüfungskommission unter dem Dach der Bundesärztekammer Unterlagen über Vermittlungsentscheidungen zu geben und Auskünfte zu erteilen. Die Kommission muss Erkenntnisse über Verstöße an die Behörden der Länder weiterleiten. Neben Vertretern der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken sind auch Ländervertreter in der Kommission vertreten.

Transplantationsbeauftragte

Sie sind nun in allen Kliniken Pflicht, um mögliche Spender zu identifizieren und den Gesamtprozess der Organspende zu koordinieren.

Lebendspenden

Jeder Lebendspender bekam einen Anspruch, dass die Krankenkasse des Organempfängers die Behandlung, Vor- und Nachbetreuung, Rehabilitation, Fahrtkosten und Krankengeld bezahlt. Im Falle der Arbeitsunfähigkeit bekam er Anspruch auf Lohnfortzahlung nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz.

Unfallversicherung

Unfallversicherungsschutz, so wurde klargestellt, bezieht sich auch auf Gesundheitsschäden im Zusammenhang mit einer Organspende.

Entscheidungslösung

Möglichst jeder Bundesbürger soll seine Bereitschaft zur Spende erklären - aber ohne Zwang, sich entscheiden zu müssen. Alle bekommen von ihrer Krankenkasse Post. Diese Regelung tritt zum 1. November in Kraft.

Vielen Ärzten gehen diese Vorschläge nicht weit genug. Das ganze System müsse auf den Prüfstand, fordert Transplantationschirurg Andreas Pascher von der Berliner Charité. „Honoriert wird die Zahl der Transplantationen, aber nicht deren Qualität“, sagt der Mediziner. So entsteht der falsche Anreiz, möglichst viele Fälle zu behandeln – statt möglichst gut zu arbeiten. Der Münchener Herzchirurg Bruno Reichart macht diese Schieflage sogar für die vermeintlichen Manipulationen verantwortlich.

Wenn die Ärzte nur die Steigerung ihrer Fallzahlen im Blick hätten, sei der Missbrauch programmiert, sagt der Transplantationsmediziner mit Verweis auf die Vorfälle in Göttingen. Die Sorge wegen weiterer Manipulationen schüren auch Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums: Sie belegen, dass immer mehr Organe auf dem ursprünglich als Ausnahmeregel gedachten Weg der beschleunigten Vergabe verteilt werden. Dabei handelt es sich um Organe, die abzusterben drohen und deshalb nicht nach der bundesweiten Warteliste, sondern regional vermittelt werden.

Geschäftszweig mit Prestige: Transplantationen als Wirtschaftsfaktor

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Transplantationen als Wirtschaftsfaktor

Für den gesamten Gesundheitssektor haben Organverpflanzungen nur eine geringe kommerzielle Bedeutung. Doch bei den Umsätzen von einigen spezialisierten Krankenhäuser spielen diese Operationen eine große Rolle.

Mehr Transparenz soll helfen, das Vertrauen der Menschen in das System wieder herzustellen. Deshalb setzt sich Gerhard Opelz, Ärztlicher Direktor für Transplantations-Immunologie an der Universitätsklinik Heidelberg, für mehr Ergebniskontrolle ein: „In Deutschland gibt es keine offiziellen Daten, die aufzeigen, wie erfolgreich Transplantationen sind“, sagt er. „Damit haben wir auch keine übergreifenden Kriterien, in welcher Klinik mit welchen Verfahren und unter welchen Voraussetzungen Transplantationen die besten Erfolgsaussichten haben.“

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

27.08.2012, 14:35 Uhr

Die überschrift triffts gut, das mißtrauen ist nicht nur der Organspende gegenüber...

Seit 1990 läuft einiges schief

Account gelöscht!

27.08.2012, 14:36 Uhr

Mein Problem ist nicht der Göttinger Arzt - es wird immer Menschen mit genug krimineller Energie geben, die ein System aushelben.
Viel mehr stören mich die zig Ärzte in den Kliniken, die nach Gutdünken die Spenderorgane so klassifizieren, dass Eurotransplant gar nicht erst informiert wird.
Da ist doch wohl der Fehler im System.

Account gelöscht!

27.08.2012, 14:52 Uhr

..ach sorry, bin falsch hier, ich dachte die Titelzeile würde sich auf die deutsche Politik beziehen ...

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