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04.09.2013

18:56 Uhr

Organspende-Skandal

Mehr Regelverstöße als bisher gedacht

Wie oft wurde bei der Organvergabe in Deutschland getrickst? Eine Kommission hat Zahlen auf den Tisch gelegt. Die zeigen: Verstöße waren keine Seltenheit – doch die Grauzone ist groß.

In einer deutschen Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. dpa

In einer deutschen Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist.

BerlinMonatelang war das Ausmaß des Organvergabeskandals in Deutschland unklar - jetzt hat die Prüfungs- und Überwachungskommission von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen lange erwartete Zahlen auf den Tisch gelegt. Doch wer gehofft hatte, dass sich nun zeigen würde, wie gravierend die Missstände wirklich waren, dürfte enttäuscht werden.

Der Bericht der Kontrolleure erscheint sehr konkret. Wie oft wurde im Prüfzeitraum 2010/2011 gegen die einschlägigen Richtlinien verstoßen? In Göttingen in 79 geprüften Fällen, in Leipzig in 76, in der Klinik München rechts der Isar in 38 und im nun offiziell neu in den Fokus rückenden Münster in 25 Fällen. Diese Kliniken bekommen den Stempel systematischer oder bewusster Falschangaben zugunsten der eigenen Patienten aufgedrückt.

Diese sollen deshalb bessere Chancen für ein Spenderorgan und somit eine Rettung bekommen haben. In weiteren 15 Krankenhäusern gab es demnach kleinere, zufällige Regelverstöße - Bewertungs-, Flüchtigkeits- oder Dokumentationsfehler etwa.

Wie läuft eine Organspende ab?

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Untersuchung des Spenders

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Der Spender wird gemeldet

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle „Eurotransplant" geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Die Organe werden entnommen

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden transportiert

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Die einzelnen Berichte zu den Kliniken lesen sich stellenweise wie Protokolle von Detektivarbeit. Im Fall München ist davon die Rede, dass unrichtige Laborwerte an die zentrale Stelle Eurotransplant geschickt worden seien. Für Münster wird festgestellt: „Bei den 30 Patienten, die in den Jahren 2010 und 2011 gegenüber Eurotransplant als dialysepflichtig gemeldet worden waren, hatte in fünf Fällen eine Dialyse gar nicht stattgefunden oder aber war vorzeitig abgebrochen worden, ohne dass eine Wiederaufnahme möglich oder beabsichtigt war.“ In neun Fällen habe eine Indikation für Dialyse gefehlt.

Wissen muss man dazu: Wer eine Blutreinigung braucht, bekommt mehr Punkte für die Warteliste. Die Kontrolleure vermerken in ihrem Bericht, eine Mitarbeiterin in Münster habe gesagt, dass sie bei bestimmten Therapien auch immer ein Kreuz bei Dialyse gesetzt habe, „weil nur das Punkte bringt“.

Kommentare (1)

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Selbstbestimmung

05.09.2013, 08:33 Uhr

Eurotransplant ist eine Organisation in den Niederlanden. Von hier aus wird die Zuteilung von Spenderorganen organisiert für die folgenden Länder:

Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, die Niederland, Österreich und Slowenien.

Nun stellt sich die Frage, wer garantiert denn, dass es in den anderen Ländern nicht genauso praktiziert wird wie in den genannten Transplantationszentren?

Oder glaubt irgendjemand, dass nur deutsche Ärzte Mitleid mit den eigenen Patienten haben könnten?

Die Geschehnisse machen doch deutlich, dass eine Manipulation des Systems möglich ist. Somit ist die Wahrscheinlichkeit reel gegeben, dass es in den anderen Ländern ähnlich praktiziert wird.

Ich bin kein Organspender und würde dies nur machen, wenn ich selbstbestimmt sagen kann, wem ich meine Organe überlassen will.

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