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09.08.2012

04:05 Uhr

Organspende

Zweifel am Reformwillen der Ärztekammer

Der Organspendeskandal hat Folgen: Gesundheitsminister Bahr fordert härtere Strafen, über wirksame Kontrolle berät heute die Bundesärztekammer. Doch eine Wissenschaftsexpertin stellt deren Arbeitsweise in Frage.

Die Bundesärztekammer berät über Transparenz und Kontrolle bei Organspenden. dpa

Die Bundesärztekammer berät über Transparenz und Kontrolle bei Organspenden.

BerlinGesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will den Organspende-Skandal gemeinsam mit der Opposition klären. Nach der Sommerpause lade er alle Parteien ein, um gemeinsam über Konsequenzen zu beraten und das Vertrauen zurückzugewinnen, sagte der FDP-Politiker der "Bild"-Zeitung.

Mehr staatliche Kontrolle müsse nicht im neuen Transplantationsgesetz verankert werden, mögliche Gesetzeslücken werde man allerdings schließen. "Der Ruf nach staatlicher Organvergabe ist aber keine Lösung", sagte Bahr, der bereits für Ende des Monats Vertreter des Gesundheitswesens zu einem Krisentreffen eingeladen hat.

Zugleich forderte Bahr kriminelle Machenschaften im System der Organtransplantation mit aller Härte zu bestrafen. "Die Gesetze in Deutschland sind klar formuliert. Versuche, sie zu umgehen, müssen mit aller Härte bestraft werden."

Hintergrund sind mutmaßliche Manipulationen in den Unikliniken in Göttingen und Regensburg. Dort sollen ausgewählten Patienten gegen Geld Spenderlebern verschafft worden sein. Die Bundesärztekammer berät heute auf einem Krisentreffen über den Skandal.

Neuer Verdacht im Organspende-Skandal

Video: Neuer Verdacht im Organspende-Skandal

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Bei einer Sondersitzung der Prüf- und Überwachungskommission in Berlin soll darüber gesprochen werden, wie größtmögliche Transparenz und eine effektive Kontrolle erreicht werden können, um neues Vertrauen in die Organspende zu schaffen. An dem Treffen nehmen neben der Ärztekammer auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung teil, die gemeinsam die Prüfkommission stellen. Auch ein Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums wird zugegen sein.

Vor dem Sondertreffen hat die Wissenschafts-Expertin Erika Feyerabend Zweifel am Reformwillen der Beteiligten angemeldet. „Die berufsständische Vertretung der Ärzteschaft stellt die Regeln zur Verteilung knapper Organe und der Hirntod-Diagnostik auf“, sagte die Geschäftsführerin des Essener Vereins BioSkop, der sich die kritische Beobachtung medizinischer Verfahren zur Aufgabe gemacht hat, der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Sie kontrolliert die Einhaltung dieser Regeln selbst, über die von ihr gegründete Prüfungs- und Überwachungskommission.“

Die Akteure von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen hätten selbst verschiedenste Interessen im Transplantationswesen: „Die Bundesärztekammer möchte das Selbstverwaltungsprinzip erhalten, das versagte“, kritisierte Feyerabend. „Auch die Ministerien und die Krankenkassen haben seit Jahren wenig getan.“

Organspende: Immer mehr Organe jenseits der Warteliste

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Laut Medienrecherchen suchen Kliniken die Spendenempfänger immer häufiger selbst aus.

Der Prüfungskommission der Bundesärztekammer seien in ihrem rund zehnjährigen Bestehen 119 klärungsbedürftige Auffälligkeiten bekannt geworden, sagte Feyerabend. „Die Öffentlichkeit erfährt von diesen Fällen nichts.“

Die Kommissionen arbeiteten nur stichprobenartig. Nur ein bis fünf Prozent der Transplantationen würden überprüft. Feyerabend forderte: „Die Kontrollkommissionen müssen mit unabhängigen Experten besetzt werden. Die Prüfberichte müssen öffentlich werden.“ Wer in einer Klinik Vergehen in der Transplantationsmedizin anzeige, müsse besser geschützt werden.

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Der Bedarf nach Transplantationsorganen ist noch lange nicht gedeckt. Das Problem liegt im karikativen Charakter der Organspende. Eine Lösung wäre die Organisation des Transplantationssystems als Solidargemeinschaft.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

09.08.2012, 06:45 Uhr

Der Organspendeskandal hat wie auch bei anderen Medizinskandalen bestätigt, daß Geldgier zu Fehlverhalten der Beteiligten führt. Ein Fehlverhalten, das sich vermutlich nicht nur auf die Vergabe der Spenderorgane bezieht sondern auch auf die Entnahme - der anderen Seite der Medaille.
Der Gehirntod ist ein Zustand, der extra für die Transplantationsmedizin definiert worden ist. Bei der Organentnahme muß der Mensch leben, sonst sind die Organe nicht verwendbar. Und nicht umsonst sollen die Gehirntoten bei der Entnahme narkotisiert und mit Muskelrelaxantien behandelt werden. Leider bringt die Transplantationsmedizin wesentlich mehr Geld (auch auf längere Sicht) als die Heilung eines Schwerverletzten. Wer vor diesem Hintergrund noch bereit ist, seine Organe zu spenden, ist selber Schuld.

milo

09.08.2012, 07:21 Uhr

Die Selbstbedienung garantiert durch die Selbstverwaltung ist der Aerzteschaft heilig. Da die Lobbypartei der Aerzteschaft (FDP) den Gesundheitsminister stellt,kann man sich ausrechnen was aus dem geplanten Gelaber herauskommt, nichts. Dieser Skandal, die Milliardensummen die Pharmafirmen regelmaessig fuer Fehlverhalten bis hin zu kriminellem Verhalten als Strafe zahlen, ist der klare Beweis dafuer, das System ist krank, schwerst krank.Der Patient und Steuerzahler ist der nuetzliche Idiot fuer die Aerzte und die Pharmaindustrie, bzw. das Gesundheitswesen.

RBern

09.08.2012, 09:55 Uhr

Dieses kranke System kann nur gestoppt werden, wenn keine Organe zum Transplantieren mehr zur Verfügung stehen. (...)
+++ Beitrag von der Redaktion editert +++

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