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09.09.2012

17:22 Uhr

Ostdeutschland fällt zurück

Verblühende Landschaften

VonMichael Inacker, Axel Schrinner, Thomas Sigmund

Die Aufholjagd des Ostens kommt zum Erliegen. Außer einigen „Leuchtturmprojekten“ hat Ostdeutschland kaum Erfolge vorzuweisen. Die ersten Politiker treten mit mehr Investitionsforderungen auf den Plan.

Ein tiefes Schlagloch in einer Landstraße. Der Osten hat bei der Infrastruktur noch deutlichen Nachholbedarf. dpa

Ein tiefes Schlagloch in einer Landstraße. Der Osten hat bei der Infrastruktur noch deutlichen Nachholbedarf.

BerlinEs gibt die nach der Wiedervereinigung versprochenen "blühenden Landschaften". In Dresden, wo eine erfolgreiche Mikroelektronikbranche entstanden ist. In Jena, einem Zentrum der Optikindustrie. Oder rund um Chemnitz und Zwickau, wo Automobilzulieferer und Maschinenbauer Werke eröffnet haben.

Doch solche "Leuchtturmprojekte" können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirtschaftliche Aufholjagd im Osten faktisch zum Stillstand gekommen ist.

Die Wirtschaftsleistung je Einwohner der neuen Länder liegt auch 22 Jahre nach dem Ende der Teilung nur bei gut 67 Prozent des Westniveaus – und seit Jahren geht es kaum aufwärts. Ähnlich verhält es sich bei der Produktivität: Sie ist zwar von rund 35 Prozent des Westniveaus im Jahr 1990 auf 78 Prozent im Jahr 2005 gestiegen, seither aber leicht gesunken. Während ein Erwerbstätiger im Westen pro Arbeitsstunde heute 46,4 Euro erwirtschaftet, sind es im Osten nur 32,6 Euro.

Schwaches Steueraufkommen: Der Osten hängt am Tropf

Schwaches Steueraufkommen

Der Osten hängt am Tropf

Die neuen Bundesländer sind vom Länderfinanzausgleich abhängig wie nie. Auch auf Zahlungen vom Bund sind die ostdeutschen Länder angewiesen. Das Steueraufkommen beträgt nur ein Drittel des Westens.

Die "Leuchttürme" im Osten haben sich durch massive Investitionen – nicht zuletzt der öffentlichen Hand – entwickelt. Doch gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind die Investitionen im Osten von fast 45 auf gut 20 Prozent gefallen. Die Folge: Viele ostdeutsche Firmen haben keinen ausreichenden Kapitalstock.

Auf dem Arbeitsmarkt ist die Zahl der Erwerbstätigen im Osten seit 2005 um 3,6 Prozent gesunken, während sie in den alten Ländern um sechs Prozent gestiegen ist. Und die verfügbaren Einkommen erreichen in Ostdeutschland nur 80 Prozent des Westniveaus.

Alarmiert von diesem "Stillstand Ost" hat Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) die Unternehmensberatung Roland Berger beauftragt, eine Zukunftsstrategie für die neuen Länder zu entwickeln.

Konjunkturprognosen der vergangenen Monate

DIHK

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht von einem Wachstum von 0,3 Prozent aus. Bislang waren 0,7 Prozent erwartet worden. "Der Aufschwung in Deutschland ist vorerst verschoben", sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. "Die Unternehmen schätzen ihre Lage deutlich schlechter ein als zu Beginn des Jahres." Für 2014 geht das DIHK von einem Wachstum von mehr als einem Prozent aus.

BDI

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, rechnet mit robustem Wachstum von bis zu 0,8 Prozent. Er ist damit weit optimistischer als die Bundesregierung.

Bundesregierung

Die Bundesregierung geht für 2013 von einem Wachstum von 0,4 Prozent aus.

Sachverständigenrat

Genau wie die Bundesregierung rechneten auch die "fünf Weisen" aus dem Sachverständigenrat zuletzt mit einem Wachstum von 0,8 Prozent. Wegen des starken Einbruchs im vierten Quartal 2012 haben sie den Wert jedoch auf 0,3 Prozent mehr als halbiert.

RWI

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung rechnet für 2013 mit einem Wachstum von 0,3 Prozent. Im Vergleich zur Herbstprognose wurde die Schätzung um 0,7 Punkte zurückgenommen.

Internationaler Währungsfonds

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für 2013 ein Plus von 0,3 Prozent voraus. Im Oktober 2012 war er für 2013 noch von einem Wachstum von 0,9 Prozent ausgegangen.

EU-Kommission

Zum Lager der Optimisten gehört die EU-Kommission. Für Deutschland erwartet sie 2013 ein Wachstum von 0,5 Prozent. Das ist besser als die Erwartung für den Euroraum. Hier rechnet sie sogar mit einem Rückgang von 0,3 Prozent. Grund für die langsame Entwicklung sind die schlechte Binnennachfrage einiger Länder und große konjunkturelle Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten.

Bundesbank

Die Deutsche Bundesbank rechnet in ihrem Monatsbericht vom Dezember für 2013 mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2014 soll dies auf 1,9 Prozent steigen.

DIW

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet für 2013 mit einem Wachstum von 0,7 Prozent. Damit hat es seine Erwartungen nach unten korrigiert. Zuvor war es von einem Plus von 0,9 Prozent ausgegangen. Für 2014 rechnet das DIW mit einem Wachstum von 1,6 Prozent.

Ifo-Institut

Das Münchner Ifo-Institut geht für 2013 von einem Wachstum von 0,7 Prozent aus. Die Spanne der Schätzung reicht von minus 0,6 bis plus 2,0 Prozent.

Die Studie "Zukunft Ost", die dem Handelsblatt vorliegt, zeigt auf, wie die "Vollendung der wirtschaftlichen Einheit" doch noch machbar ist. "Wir brauchen eine konkreter definierte Industriepolitik für den Osten und müssen alle Kräfte bündeln, gleich, ob es um Forschung oder Fachkräftesicherung geht", fasst Roland-Berger-Chef Martin Wittig das Ergebnis zusammen.

Was er nicht sagt: Auch wenn gewaltige Anstrengungen der ostdeutschen Länder selbst gefragt sind, soll das Geld für eine wirkungsvolle Wirtschaftspolitik vor allem aus den alten Ländern und vom Bund kommen. "Um das Ziel zu erreichen, die Kapitallücke zum Westen zu schließen, sind bis 2030 Investitionen von mehr als eine Billion Euro in den neuen Ländern nötig", heißt es in der Studie. Angesichts der mindestens 1,4 Billionen Euro, die netto schon in den Aufbau Ost geflossen sind, und der Diskussion über den Länderfinanzausgleich eine gewagte Forderung.

Denn über den Zeitraum, den Ostdeutschland mindestens noch am Tropf des Westens hängen wird, machen sich die Autoren der Studie keine Illusionen. Sollte die gemeinsame Kraftanstrengung gelingen, dann könne der Aufholprozess im Jahr 2030 abgeschlossen sein.

Kommentare (34)

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MikeM

09.09.2012, 17:34 Uhr

Ich finde, da sollte man die EU einspannen! Warum sollten wir das selber aufbauen?

Account gelöscht!

09.09.2012, 17:43 Uhr

Kein Wunder, wenn sich einige Bundesländer gegen den Länderfinanzausgleich stemmen.

Ständig Geld für hoffnungslose Kandidaten.

Wenn das schon innerhalb Deutschlands nicht klappt, wie soll das jemals mit Europa funktionieren?

Man könnte ebenso den Versuch machen, Erdbeeren in der Sahara zu kultivieren.

Schlesier

09.09.2012, 17:47 Uhr

Falsch
Es muß AUFSCHWUNG MITTELDEUTSCHLAND heißen, den der OSTEN ist zur Zeit unter polnischer Verwaltung.
Oder warum heist es MDR Mitteldeutscher Rundfunk

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