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21.09.2011

14:09 Uhr

Papstrede im Bundestag

Eine Chance, keine Zumutung

VonFlorian Kolf

Fast 100 Abgeordnete wollen die Rede von Papst Benedikt boykottieren. Damit geben sie nicht nur ein fragwürdiges demokratisches Vorbild ab, sie verschenken auch die Gelegenheit zu einem fruchtbaren Dialog. Ein Kommentar

Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch im September 2006. dpa

Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch im September 2006.

Was haben Richard Nixon, Jorge Semprún, Kofi Annan und Wladimir Putin gemeinsam? Sie alle haben schon vor dem Deutschen Bundestag eine Rede gehalten – so wie 28 weitere ausländische Staatsoberhäupter und Persönlichkeiten. Doch so umstritten die Ansichten einiger dieser Redner waren, um keinen Auftritt hat es einen so emotionalen Streit gegeben wie um die geplante Rede von Papst Benedikt XVI. im deutschen Parlament.

Fast könnte man meinen, ein Schwerverbrecher oder mindestens ein Diktator käme angereist, so vehement sind die Proteste einiger Parlamentarier. Obwohl der Papst von allen Fraktionen gemeinsam eingeladen wurde, wollen etwa 100 Abgeordnete der Rede fernbleiben – ein bisher einmaliger Vorgang im Deutschen Bundestag.

Offenbar haben einige Bundestagsabgeordnete eine merkwürdige Vorstellung von ihrer Rolle als gewählte Repräsentanten des deutschen Volkes. Statt im Reichstag zu sitzen und sich inhaltlich mit den Positionen des Oberhaupts von knapp 1,2 Milliarden katholischen Christen auseinanderzusetzen, spielen sie lieber außerparlamentarische Opposition und marschieren auf Anti-Papst-Demos durch Berlin.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist das Recht jedes Bürgers, anderer Meinung zu sein als der Papst, denn dafür gibt es durchaus gute Gründe. Und es hat auch in einer Demokratie zum Glück jeder das Recht, dafür auf die Straße zu gehen.

Die künstliche Aufgeregtheit vieler deutscher Politiker aber hat wohl mehr mit Populismus zu tun, als mit innerer Überzeugung. Kritik am Papst ist heute wohlfeil und bringt zielsicher Applaus. Doch wer den Papst als „unbelehrbar“ abstempelt, ihm selber aber nicht mal zuhört, gibt ein merkwürdiges Vorbild ab.

Die Chronologie der Papstbesuche

2006

Vom 9. bis 14. September 2006 stattete Benedikt XVI. seiner bayerischen Heimat einen viel bejubelten Besuch ab, bei dem er vor allem Stätten seiner Kindheit und seines frühen theologischen Wirkens aufsuchte - etwa in München, wo er viele Jahre Erzbischof war. Weitere Stationen waren Regensburg, Altötting, die Geburtsstadt Marktl am Inn sowie Freising, wo Joseph Ratzinger vor 60 Jahren zum Priester geweiht wurde.

Den Höhepunkt bildeten mehrere Messen, an denen Hunderttausende Gläubige teilnahmen. Mit seiner Vorlesung an der Universität Regensburg löste der Papst empörte Reaktionen in der muslimischen Welt aus, weil er einen byzantinischen Kaiser mit den Worten zitierte, der Islam sei eine intolerante und gewalttätige Religion. Der Papst bedauerte später mögliche Verletzungen.

2005

Knapp vier Monate nach seiner Wahl weilte Benedikt XVI. vom 18. bis 21. August 2005 zu Besuch in Köln. Anlass war der Weltjugendtag, zu dem noch sein Vorgänger eingeladen hatte. Es war die erste offizielle Auslandsreise des neuen Kirchenoberhauptes.

Höhepunkte bildeten eine Papstmesse auf dem Marienfeld nahe Köln mit mehr als einer Million junger Menschen aus aller Welt sowie ein Nachtgebet mit rund 800.000 Teilnehmern. In Köln besuchte Benedikt als zweiter Papst nach Johannes Paul II. ein jüdisches Gotteshaus. In der Synagoge verurteilte er jede Form von Antisemitismus. Zudem traf er sich mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften.

1996

Vom 21. bis 23. Juni 1996 kam der 1978 zum Papst gewählte Johannes Paul II. zum letzten Mal nach Deutschland. Stationen waren Paderborn und Berlin. In der Hauptstadt durchschritt das Kirchenoberhaupt das Brandenburger Tor.

Bei einem Gottesdienst im Olympiastadion sprach er die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ums Leben gekommenen Priester Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner selig. Im Mittelpunkt der Reise standen auch Begegnungen und Gespräche mit Vertretern anderer Konfessionen.

1987

Seine zweite Pastoralreise nach Deutschland vom 30. April bis 4. Mai 1987 führte Johannes Paul II. zunächst nach Köln, wo er die von den Nationalsozialisten ermordete Ordensschwester Edith Stein seligsprach. Es folgten Stationen in Bonn, Münster, Kevelaer, Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, München, Augsburg und Speyer.

In München sprach er den Jesuitenpater Rupert Mayer selig, der Widerstand gegen das Hitler-Regime geleistet hatte. Der Papst traf sich mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft ebenso wie mit Repräsentanten der evangelischen Kirche und des Zentralrats der Juden.

1980

Der erste Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1980 in der Bundesrepublik war nicht zuletzt deswegen eine Sensation, weil zuletzt 1782 ein Papst Deutschland bereist hatte. Stationen des gebürtigen Polen waren Bonn, Brühl, Osnabrück, Mainz, Fulda, Altötting und München. In seinen Botschaften richtete sich der Papst mehrfach an die Vertreter verschiedener christlicher und anderer Religionsgemeinschaften.

1782

Vor Johannes Paul II. war zuletzt mit Pius VI. am 22. Februar 1782 ein Papst zu Gast in Deutschland. Bei Neunkirchen traf er mit Kaiser Joseph II. zusammen. Von dort fuhren beide nach Wien.

1417

Der vorherige Papstbesuch wiederum lag 350 Jahre zurück. So weilte Papst Martin V. im Jahr 1417 in Deutschland. Am 22. April beendete er das Konzil zu Konstanz und verließ die Stadt am 16. Mai.

1020

Mit Benedikt VIII. war im Jahr 1020 in Bamberg und Würzburg auch schon ein Namensvorgänger des heutigen Papstes zu Gast.

799

Die erste Visite eines Papstes auf deutschem Boden ist aus dem Jahr 799 überliefert. Damals weihte Leo III. in Paderborn eine Kirche. Vor allem aber suchte er bei Frankenkönig Karl Hilfe gegen die Aufständischen in Rom, die Anhänger seines Vorgängers, Hadrian I., waren.

Kommentare (25)

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SirRobby

21.09.2011, 14:27 Uhr

Ich sehe das ein wenig anders. Die Kirche ist eine Institution die weder Zeitgemäß ist noch zeitgemäß handelt. Sie zu boykottieren - oder in diesem Fall ihr Oberhaupt - ist ansich sinnvoll. Das Problem ist, dass ein wahrer Dialog nie zustande kommen kann, da die Kirche nie von ihren Standpunkten abweicht und mit ungreifbaren Dingen wie "Glaube" argumentiert. Was soll da konstruktives bei raus kommen? Mit einem Putin, Nixon usw. kann man reden - mit dem Papst nicht. Demokratie sollte auch in alle Richtungen gelten. Sich einer unsinnigen Debatte zu entziehen ist ebenso demokratisch, wie an ihr teilzunehmen. Die Akzeptanz dieser Entscheidung - das ist ebenfalls Demokratie ausleben.

managersos

21.09.2011, 14:29 Uhr

Der Kreis der Zuhörer dieser Rede ist genauso unglaubwürdig wie die Wirtschaftsinstitution Kirche.Die Politiker sollten sich den Bürgern gegenüber lieber auf die Wahrheit besinnen und den Deutschen endlich reinen Wein einschenken.Gott jedenfalls würde sich bei derartigen kirchlichen aber auch politschen Vertretern vermutlich eine
gehörige Magenverstimmung zulegen.

Marcel

21.09.2011, 14:33 Uhr

Es geht dabei meines Erachtens nicht um Kritik am Papst, sondern daran, wie Sie selbst schreiben, er nicht als Staatsoberhaupt eines Staates auftritt, sondern als Religionsoberhaupt. Welcher religiöse Führer spricht denn noch im Bundestag? Wie ist das vereinbar mit der Trennung von Kirche und Staat?

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