Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.05.2011

15:52 Uhr

Parteienforscher

Grüne auf dem Weg zur Volkspartei

Politikwissenschaftler raten der Partei zur Konzentration auf ihre Kernkompetenz. Eine Abbildung der Gesellschaft sei das rot-grüne Lager. Die Grünen-Chefin Claudia Roth will vom „vorbelasteten Begriff“ nichts hören.

Die Bremer Spitzenkandidatin Karoline Linnert (l.) mit den Parteivorsitzenden Roth und Özdemir. Quelle: dpa

Die Bremer Spitzenkandidatin Karoline Linnert (l.) mit den Parteivorsitzenden Roth und Özdemir.

BremenDie von Erfolg zu Erfolg eilenden Grünen weisen nach Auffassung von Wahl- und Parteienforschern zunehmend Merkmale einer Volkspartei auf. „Die Ansätze sind da. Sie sind auf einem guten Weg, aber noch nicht angekommen“, sagte der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann.

Ähnlich sieht dies der Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung: „Es gibt eine erkennbar starke Verbürgerlichung bei den Grünen.“ Zudem sei die Partei auch bei den älteren Wählergruppen nicht mehr so tabuisiert, wie das früher der Fall gewesen sei. Allerdings sei die Frage, ob Volkspartei oder nicht, nicht nur eine Frage der Stärke.

Die Grünen hatten am Sonntag bei der Bürgerschaftswahl in Bremen am deutlichsten hinzugewonnen und ein Rekordergebnis in dem Stadtstaat eingefahren. Von Alemann riet den Grünen, jetzt keine Debatte über den Begriff der Volkspartei zu führen, sondern sich auf ihre Kernkompetenz zu konzentrieren und Schwächen zu minimieren. „Das heißt nicht, eine gesichtslose Allerweltspartei zu werden, sondern die Stärken im Umweltbereich, beim Naturschutz und den Bürgerrechten auszubauen.“

Den starken Zuspruch verdankten die Grünen schließlich nicht ihrer Sozial- oder Arbeitsmarktkompetenz, sondern ihrem Kernthema Umweltschutz. Über das Stadium einer „Ein-Punkt-Partei“ seien sie hinaus. „Aber sie sind noch nicht so breit in der Bevölkerung verankert, in allen Programmbereichen“, sagte der Parteienforscher.

Wahlforscher Jung sagte, die Grünen seien bei den höheren Bildungsschichten wesentlich stärker verankert. Die eigentliche Abbildung der Gesellschaft, ein repräsentatives Gesamtbild, sei das rot-grüne Lager. „Dort gibt es sehr entgegengesetzte Schwerpunkte.“ Die SPD vertrete eher die älteren Wähler und die Menschen mit geringeren Bildungsabschlüssen. Bei den Grünen sei dies umgekehrt.

„Noch immer gibt es Bereiche, bei denen die Grünen nicht so repräsentiert sind“, sagte Jung. Allerdings sei der Begriff der Volkspartei sowieso ein sehr schwammiger. FDP und Grüne hätten nie ein Interesse daran gehabt, als solche eingestuft zu werden. Sie würden dann auch Gefahr laufen, möglicherweise als konturenlos zu gelten.

Die breite thematische Verankerung in der Bevölkerung trifft aus von Alemanns Sicht auf CDU/CSU und SPD trotz jüngster Wahlschlappen noch immer zu. „Zur Volkspartei gehört nicht, dass man 50 Prozent der Stimmen gewinnen kann“, sagte er. „Zur Volkspartei gehört eine breite, nicht auf enge Zielgruppen beschränkte Ansprache der Bürger. Das praktizieren CDU/CSU und SPD ganz deutlich.“ Die FDP habe sich in den vergangenen Jahren dagegen viel zu stark auf das Thema Steuern fixiert.

Die Grünen selbst sträuben sich gegen den Titel. „Wir sind keine Volkspartei“, sagte Grünen-Chefin Claudia Roth in Berlin. Der Begriff sei vorbelastet und stehe für Unverbindlichkeit und das Streben, unterschiedlichen Gruppen „nach dem Mund zu reden“.

Für die CDU gelte die Bezeichnung aber „definitiv auch nicht mehr“. Das Resultat in Bremen sei ein „weiterer Schritt hin zur Ablösung von Schwarz-Gelb auf Bundesebene“. Auch Renate Künast hält die Grünen trotz des andauernden Höhenflugs nicht für eine „Volkspartei“. „Wir ringen mit dem Wort“, sagte sie im ARD-„Morgenmagazin“. Die Grünen hätten sich als Gegenmodell zu den Volksparteien gegründet und hätten einen anderen Ansatz.

Eine Debatte um einen eigenen Kanzlerkandidaten halten die Grünen weiter für verfrüht. „Man soll die Dinge entscheiden, wenn sie anstehen“, sagte Künast. „Das ist noch lange nicht soweit.“ Roth sprach von einer „virtuellen Debatte“. Die Partei werde im Laufe des Jahres über die personelle Aufstellung für die Bundestagswahl 2013 reden, sagte Roth.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Worldwatch

14.06.2011, 09:26 Uhr

"Grüne auf dem Weg zur Volkspartei"

Fragt sich nur noch, fuer welches Volk?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×