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31.10.2014

10:32 Uhr

Parteivize Henkel über AfD

„Ich schäme mich in Grund und Boden“

Hans-Olaf Henkel fremdelt mit der eigenen Partei. In der AfD gebe es besonders viele „schwierige Typen“, verriet der ehemalige BDI-Chef in einem Interview. Das Leben als Politiker sei „wirklich deprimierend“.

Hans-Olaf Henkel: Verwunderung über seine Parteifreunde in der AfD. dpa

Hans-Olaf Henkel: Verwunderung über seine Parteifreunde in der AfD.

HamburgDer stellvertretende Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Hans-Olaf Henkel, fühlt sich unter den Parteifreunden offenbar nicht ganz wohl: „Da sitzt man auf einem Parteitag und hört irgendwelche wilden Verschwörungstheorien. Ich werde dann ganz klein und schäme mich in Grund und Boden“, sagte der ehemalige BDI-Vorsitzende im Gespräch mit der „Zeit“. In der AfD gebe es halt „besonders viele schwierige Typen“: „Ideologen, Goldgräber, Karrieristen.“

Auch das Leben als Politiker missfällt dem 74-jährigen Neuparlamentarier, schreibt die Zeitung: „Es heißt die Steigerung von Feind sei Feind, Todfeind, Parteifreund.“ Darüber habe er früher gelacht. „Aber es ist nicht übertrieben. Der Satz stimmt.“ Innerparteiliche Kämpfe würden härter geführt als die mit dem politischen Gegner. „Das ist wirklich deprimierend.“

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

Wie viel Union steckt in der AfD?

Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.

Kümmern sich CDU und CSU um solche Themen nicht mehr?

Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.

Was steckt noch in der AfD?

Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.

Ist die AfD denn eine Gefahr für die Union?

Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.

Wie wehrt sich die Union gegen die AfD?

Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.

Was macht die AfD attraktiv?

Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.

Droht der AfD das selbe Schicksal wie den Piraten?

Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Am Wochenende hatte Henkel bereits kritisiert, dass ideologisch fixierte Mitglieder der Partei schaden könnten. „Wir haben Unvernünftige, Unanständige und Intolerante in unseren Reihen“, sagte Henkel dem „Spiegel“. Als Beispiel nannte er die Gegner des geplanten Freihandelsabkommens mit den USA und die Putin-Sympathisanten in der AfD. Henkel fordert von Bundessprecher Bernd Lucke eine Kurskorrektur.

Inzwischen ruderte Henkel zurück und beteuert, er sei missinterpretiert worden. Er habe sich anders als berichtet weder „über die Basis“ noch über „die Partei“ und schon gar nicht über „den Kurs“ beschwert, hieß es in einer Mitteilung. „Darüber hinaus erwähnte ich im Hinblick auf unsere Partei- und Programmarbeit ausschließlich Einzelfälle innerhalb unserer Partei, die uns die Arbeit erschweren, den Ruf verderben und uns immer wieder in Mithaftung für ihre Ausfälle nehmen.“

Kommentare (50)

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Frau Helga Trauen

29.10.2014, 11:13 Uhr

Henkel ist ein völlig überforderter Mann. Erst ist er für den Euro, der sich als Katastrophe herausstellt. Dann will er die Freien Wähler flottmachen - extrem kurzsichtig. Und dann meint er, die AfD sei eine liberale Partei, nur weil er so blöd war, die Stroch in die Hayek-Stiftung reinzuhieven.
Henkel ist bei der AfD von Keynesianern umgeben. Im Kern ist die AfD eine Partei der "Unfreiheit" - "christlicher Sozialismus" eben, der den Menschen genauso vorschreiben will, wie sie zu leben haben. (...)
Ja, Herr Henkel, Sie sind und waren nur ein nützlicher (...). Auf diese Rolle fällt man schnell rein, wenn man nur eitel genug ist...

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr wulff baer

29.10.2014, 11:16 Uhr

Ja Herr Henkel, dann machen Sie den Weg frei für den AfD-Nachwuchs.
Vielleicht sind Sie auch schon zu alt für den harten Polit-Betrieb.
Es gibt viele Argumente gegen das geplante Freihandelsabkommen und auch die Russen sind nicht mehr unsere Erbfeinde. Vielleicht eher umgekehrt!

Frau Helga Trauen

29.10.2014, 11:21 Uhr

Ab Ihrem dritten Satz unterschreibe ich, Herr Baer! Als Liberale kann man in diesem Punkt Henkel als Vertreter der Zweierlei-Mass-Theorien nicht ernst nehmen... Entsetzlich!

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