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10.07.2015

17:40 Uhr

Paternoster-Verbot aufgehoben

Lift-Oldies dürfen weiter ihre Runden drehen

Zunächst war das Paternosterverbot kaum jemandem aufgefallen. Doch dann regte sich Protest von Städten und Gemeinden, die die Einschränkung nicht hinnehmen wollten. Nun hat der Bundesrat die Verordnung gekippt.

Auch im Stuttgarter Rathaus läuft der Paternoster, hier mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) 2013. dpa

Paternoster

Auch im Stuttgarter Rathaus läuft der Paternoster, hier mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) 2013.

BerlinNach sechs Wochen hat der Bundesrat das umstrittene Paternoster-Verbot in Deutschland wieder aufgehoben. Die Länderkammer ließ am Freitag in Berlin eine Änderung der Betriebssicherheitsverordnung passieren. Betreiber müssen Benutzer künftig auf die Gefahren der historischen Aufzüge hinweisen - etwa mit Schildern.

Zunächst war am 1. Juni eine Neufassung der Verordnung in Kraft getreten, nach der Besucher etwa in Verwaltungsgebäuden die Aufzüge nicht mehr benutzen durften. Sie mussten die normalen Aufzüge nehmen oder Treppensteigen. Zunächst einmal war das Paternosterverbot kaum jemandem aufgefallen. Es versteckte sich in der Verordnung aus dem Bundesarbeitsministerium mit 58 Seiten. „Der Arbeitgeber“, stand dort, „hat dafür zu sorgen, dass Personenumlaufaufzüge nur von durch ihn eingewiesenen Beschäftigten verwendet werden.“

Dann regte sich bundesweit Protest. Viele Städte und Gemeinden wollten die Einschränkungen nicht hinnehmen. NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) nannte das Verbot „nah am Wahnsinn“. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) brachte darauf die nun beschlossene neue Verordnung auf den Weg, nachdem Bund und Länder in mehreren Runden über genaue Formulierungen verhandelt hatten.

Kleine Geschichte der Paternoster

19. Jahrhundert

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt der Paternoster als Revolution in der Aufzugtechnik. Heute sterben die charakteristischen „Beamtenbagger“ aus.

Duden-Definition

Der Duden nennt ihn einen „Aufzug mit mehreren vorne offenen Kabinen, die ständig in der gleichen Richtung umlaufen“.

Ursprung des Wortes

Den Ursprung des Begriffs Paternoster führen die Sprachwissenschaftler auf das katholische Rosenkranz-Gebet zurück.

Gebetskette as Vorbild

Neben einem Kreuz besteht die christliche Gebetskette aus 59 kleinen und großen Kugeln, die zwischen den Fingern weitergeschoben werden. Dabei stehen die kleinen Perlen für zehn Ave Maria, die jeweils größeren für ein Vaterunser - lateinisch „Pater Noster“.

Vorläufer des Rosenkranzes

Die schon im 3. und 4. Jahrhundert unter Mönchen als Vorläufer des Rosenkranzes entstandenen Gebetsketten wurden „Paternosterschnüre“ genannt. Denn das Vaterunser war das gebräuchlichste Gebet.

Ketten und Kabinen

Den Gebetsketten vergleichbar, die beim Beten durch die Finger gleiten, werden die Kabinen eines Paternoster über Rollen in einem Umlaufsystem wie in einer Endlosschleife bewegt.

Restbestand

250 Paternoster gibt es derzeit etwa noch in Deutschland – gegenüber 350.000 Aufzügen. 1885 ist der erste Paternoster in Hamburg in Betrieb genommen worden. Seit 1974 ist der Neubau in Deutschland aus Sicherheitsgründen gesetzlich verboten, die Benutzung soll jetzt nur noch nach Einweisung erlaubt sein.

Nun sind viele erleichtert. Die Stadt Stuttgart feiert am 28. Juli die Wiederinbetriebnahme ihrer Rathaus-Paternoster mit einer Party. „Ich halte die Paternoster für ein zeitloses, praktisches und sicheres Fortbewegungsmittel“, sagte Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle (Grüne). Sie seien im Rathaus zudem ein echter Besuchermagnet.

In Duisburg, wo seit den 1950er Jahren zwei der rumpelnden Lift-Oldies laufen, herrscht ebenso Freude über die Berliner Entscheidung wie in Wuppertal: „Der Paternoster ist ein beliebtes Hochzeitsmotiv“, sagte eine Sprecherin. „Jetzt ist das Rathaus wieder vollständig und wir sind erleichtert.“

1885 fuhr der deutschlandweit erste Paternoster in Hamburg - noch etwa 250 Exemplare drehen in Deutschland ihre Runden. Laut Duden handelt es sich dabei um einen „Aufzug mit mehreren vorne offenen Kabinen, die ständig in der gleichen Richtung umlaufen“. Auch dass der Volksmund diese besondere Art von Fahrstuhl gern „Beamtenbagger“ nennt, verschweigt der Duden nicht. Den Ursprung des Begriffs Paternoster führen Sprachwissenschaftler auf das katholische Rosenkranz-Gebet zurück.

Von

dpa

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