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06.01.2015

10:02 Uhr

Pegida-Demo in Köln

„Nazis essen heimlich Döner“

VonCaroline Biallas

Zum großen Protest der Pegida-Bewegung in Köln kommen nur wenige hundert Personen. Doch Tausende strömen zu den Gegenveranstaltungen. Eindrücke aus der im Dunkeln liegenden Domstadt.

Der Widerstand wächst

Pegida-Proteste: „Das ist nicht Deutschland“ - oder?

Der Widerstand wächst: Pegida-Proteste: „Das ist nicht Deutschland“ - oder?

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KölnEs ist schon dunkel in Köln. Immer mehr Menschen drängen durch den Deutzer Bahnhof, wollen nach draußen auf den Ottoplatz. Dahin, wo die Demonstrationen stattfinden. Polizisten versperren ihnen den Weg, fangen die Menschen ab: „Wollen Sie zu Pegida oder zur Gegendemonstration?“

Die Kölner Untergruppe der bundesweiten Pegida-Bewegung, die sich auch „Kögida“ („Köln gegen die Islamisierung des Abendlandes“) nennt, hatte für den Montagabend zur Demonstration auf den Kölner Ottoplatz geladen. Von dort aus sollte ein Marsch über die Deutzer Brücke durch die Innenstadt zum Dom führen. Rund 500 Demonstranten hatten die Veranstalter um den ehemaligen German-Defence-League-Aktivisten Sebastian Nobile im Vorfeld erwartet.

Das Phänomen „Pegida“ und was dahinter steckt

„Pegida“

Als Ende Oktober die ersten paar Hundert Leute demonstrierten, stießen auf wenig Beachtung. „Pegida“-Anhänger protestieren gegen die vermeintliche Islamisierung Deutschlands und angeblichen Asylmissbrauch. Das neue Ausmaß der Demos schreckt Politiker und Experten auf, auch im Bund. Sie warnen vor „Hetze“ und „Pogromstimmung“. (Quelle: dpa)

Was wollen die „Pegida“-Leute?

Die Anhänger der Bewegung fordern eine strengere Asylpolitik und sind gegen die Aufnahme von „Wirtschaftsflüchtlingen“ – also Asylbewerbern, die ihrer Ansicht nach keinen Anspruch auf Schutz haben und angeblich nur auf Sozialleistungen aus sind. Sie wettern gegen muslimische Extremisten und vermeintliche Glaubenskriege auf deutschem Boden.

Wer steht hinter „Pegida“?

Der Initiator ist Lutz Bachmann. Der gelernte Koch ist mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Drogendelikten. An seiner Seite demonstrieren viele Bürger, die sich ausdrücklich nicht in die Nähe von Rechtsextremen gerückt sehen wollen. Auch Bachmann betont immer wieder, er lehne jede Art von Radikalismus ab. Es haben sich aber längst Hooligans, Neonazis und bekennende Islamfeinde unter die Protestler gemischt. Auch zahlreiche Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) sind dabei.

Ist das Phänomen auf Dresden beschränkt?

Nein. Inzwischen gibt es auch in anderen Regionen Ableger von „Pegida“ – etwa in Düsseldorf („Dügida“), Kassel („Kagida“), Bayern („Bagida“) oder Ostfriesland („Ogida“), aber auch in einigen anderen Städten. Die Bewegung wächst schnell – nicht zuletzt durch das Internet. Die Macher sind sehr aktiv bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken und mobilisieren so stetig neue Anhänger.

Warum halten Politiker und Experten die Bewegung für gefährlich?

„Pegida“ verallgemeinere extrem und vermische wild Themen, meinen Fachleute. Die Gruppe werfe „Kampfvokabeln“ in die Menge, nutze Ängste in der Bevölkerung und lade sie zu Ressentiments auf, sagt der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke. Das sei klassischer Rechtspopulismus. Funke sieht bereits Ansätze einer rechtsextrem inspirierten Massenbewegung. Sicherheitskreise befürchten, dass Rechtsextreme die Bewegung systematisch unterwandern könnten. Auch viele Politiker sprechen von besorgniserregender ausländerfeindlicher Stimmungsmache. Die AfD zeigt dagegen Verständnis für die Proteste.

Wie konnte „Pegida“ entstehen?

Auslöser der Proteste ist die Asylpolitik. Die Zahl der Asylbewerber in Deutschland steigt seit langem. Experten meinen, Bund und Länder hätten viel zu spät darauf reagiert. Das Ergebnis: Viele Kommunen sind mit der Lage überfordert, müssen Flüchtlinge in Wohncontainern oder Zelten unterbringen. Mancher Bürger hat daher das Gefühl, Deutschland könne damit kaum fertig werden – auch wenn das für die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sicher nicht zutrifft. Funke klagt, die politischen Verantwortlichen hätten es versäumt, auf solche Ängste in der Bevölkerung einzugehen. Die Linke wirft den Innenministern der Union vor, sie hätten für all das überhaupt erst den Boden bereitet – durch ihre Warnungen vor „Armutszuwanderung“ oder „Asylmissbrauch“.

Wie geht es weiter?

Bisher wurden die Dresdner Demos jede Woche größer. Inzwischen formiert sich aber einiger Widerstand gegen die neue Bewegung. Die Gegendemonstration in Dresden war am Montag fast so groß wie der „Pegida“-Aufmarsch. Experten mahnen, wichtig sei nicht nur breite Gegenwehr dieser Art. Entscheidend sei, vernünftig mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen umzugehen und so den Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen. Das Thema „Pegida“ kommt Ende der Woche auch bei der Innenministerkonferenz in Köln auf den Tisch.

Auf dem Kölner Ottoplatz stehen Kleingruppen von zwei bis drei Personen zusammen, gucken verunsichert um sich. „Ich habe die ganze Zeit Angst, gefilmt zu werden. In meinem Beruf ist das tödlich“, sagt die 53-jährige Bettina, eine Frau mit blondierten Haaren, schwarzer Vollrandbrille und schwarzem Daunenmantel, die im Gesundheitswesen arbeitet. Ihren genauen Beruf und auch ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen – aus Angst, erkannt zu werden. „Wir wollen ja nicht sofort als Nazis abgestempelt werden.“

Die Kölnerin ist gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter zur Anti-Islam-Demonstration der Kögida gekommen, weil sie sich unverstanden fühlt – vor allem von der Politik. „Wir wünschen uns eine Partei, die durchgreift, konservative Interessen vertritt und die Zuwanderung gezielt steuert“, sagt die 53-Jährige. Und ihr Ehemann ergänzt: „Wir brauchen gute Leute in Deutschland, auch gute Ausländer, aber eben keine Wirtschaftsflüchtlinge, die hier nur kassieren.“ Beide bezeichnen sich als gläubige Katholiken. „Wir lieben alle Menschen, aber es sollten eben nur Leute ins Land gelassen werden, die wir auch brauchen und die hier arbeiten.“

Kommentare (118)

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Frau Frauke Müller

06.01.2015, 10:20 Uhr

Ich war erschreckt über die Aggressivität der Gegendemonstranten.

Es ist sehr befremdlich zu sehen, wie eine ehemals großartige Kultur förmlich nach dem eignen Untergang giert.

Das ist "Décadence" in Sinne Nietzsche's in Reinform...

Herr Johnathan Drake

06.01.2015, 10:27 Uhr

Die Feinde des Deutschen
sind die Deutschen selber. Schon Napoleon hat davon gewusst:

Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.“

Nein, für diesen Selbsthass darf man nicht die Muslime verantwortlich machen. Die lachen nur über die Deustchen, mit Recht.

Herr Georg Th. Kiss

06.01.2015, 10:32 Uhr

Das Eintauchen des Kölner Doms in das Licht des Mittelalters ist bezeichnend für die Organisatoren der Gegendemo!

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