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09.12.2014

09:41 Uhr

Pegida, Dügida & Hogesa

Die unerwünschten „Retter des Abendlandes“

VonMarcel Reich

Unter dem Deckmantel der Überparteilichkeit gehen in Deutschland tausende Menschen auf die Straße. Was sie tatsächlich motiviert: Ihre Angst vor dem Islam. Ein Besuch in Düsseldorf zeigt: Da braut sich etwas zusammen.

Gegen den Islam: Demonstranten in Dresden. Reuters

Gegen den Islam: Demonstranten in Dresden.

DüsseldorfZitternd und ziemlich durchnässt stehen die Demonstranten in der Dunkelheit vor dem Düsseldorfer Landtag. Vier Grad sind es gerade einmal, der stetige Regen hat aus dem Rasen zu ihren Füßen längst eine matschige Pampe gemacht. Das hält rund 500 selbsternannte Retter des Abendlands aber nicht ab, ihre Deutschland-Fahnen zu schwenken, immer wieder rufen sie „Wir sind das Volk“. Die Dresdner Bewegung Pegida hat mit Düsseldorf nun auch die erste westdeutsche Stadt erreicht, der Ableger nennt sich Dügida, „Düsseldorfer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Ein Besuch vor Ort zeigt: Da braut sich was zusammen.

Rund 500 Demonstranten sind gekommen, eine Enttäuschung für die Veranstalter - die waren von 2000 ausgegangen. Willkommen ist Dügida in Düsseldorf nicht, in allen Fenstern des Landtags klebt dasselbe Plakat mit der Aufschrift: „Wir sind alle NRW“. Daneben die Symbole des Islam, des Juden- und des Christentums. Man ist vorbereitet auf einen ungebetenen Gast. Doch wer genau ist Pegida oder Dügida, wie sie sich in Düsseldorf nennen, überhaupt?

Seit Mitte Oktober ziehen die „patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz Pegida, in Dresden jeden Montagabend durch die Stadt. Mittlerweile gibt es in vielen deutschen Städten Proteste, beispielsweise in Würzburg. Zu Beginn war es noch eine Mini-Demonstration mit wenigen hundert Teilnehmen, doch Pegida bekommt immer mehr Zulauf, zuletzt zählte die Polizei rund 10.000 Teilnehmer. Das Bündnis präsentiert sich als bürgerliche Bewegung, die gegen „islamischen Extremismus“ auf die Straße geht. Dabei soll das „christliche Menschenbild“ in Deutschland verteidigt, „islamistische Glaubenskriege auf deutschen Straßen“ verhindert werden. Das ist die niedrigschwellige Botschaft, die immer mehr Leute anzieht.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Auf die Politik wird geschimpft, die nicht handlungsfähig sei. Die Politikverdrossenen des Landes, die Enttäuschten und Verbitterten, werden so reihenweise eingesammelt. In Dresden ist das Publikum an jedem Montag bunt durchmischt. Wie klassische Nazis sehen die Demonstranten nicht aus, hier ziehen junge Männer und Frauen, Rentner und sogar Familien gemeinsam durch die Stadt. Die eigentlichen Stützen des christlichen Abendlandes, die Kirchen, wollen sich übrigens gar nicht von Pegida retten lassen. Vertreter nennen die Aktivitäten des Bündnisses „religiös verbrämten Rassismus“.

Während in Dresden keine Partei oder sonstige Organisation hinter den „Spaziergängen“ steht, wie sie von den Machern genannt werden, gehört mit Alexander Heumann in Düsseldorf ein AfD-Vertreter zu den Co-Organisatoren. Heumann ist Teil der „Patriotischen Plattform“, einer Gruppe des äußerst rechten Flügels der Alternative für Deutschland. Der Anwalt war sogar der Star des Abends, seine Rede der Hauptprogrammpunkt. Die war bereits für den Auftakt geplant – doch Heumann stand im Stau. Also zog die Menge früher als geplant einmal um den Rheinturm. Dann hielt Heumann doch noch seine Rede, und in der langte er ordentlich hin: „Warum werden 145.000 rechtskräftig abgewiesene Asylbewerber nicht konsequenter abgeschoben? Wir können nicht das Sozialamt für alle Wirtschaftsflüchtlinge dieser Welt sein!“.

Kommentare (95)

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Herr nur meine Meinung !!!

09.12.2014, 09:56 Uhr

..ich kann die Ängste und Sorgen der Menschen verstehen!!! Wir haben Meinungsfreiheit und es steht jedem frei, diese in friedlicher und demokratischer Art und Weise zu äußern! Das die Medien dann immer gleich die Nazi-Keule herausholen müssen, ist mit unverständlich! Auch ich habe Angst, das zukünftig einen weitere Islamisierung stattfindet! Es kommt zu einem Kampf der Kulturen!

Account gelöscht!

09.12.2014, 10:05 Uhr

Geht jetzt vom IS (Islamischer Staat) eine Gafahr aus oder nicht, liebe deutsche Traumwelt Medien!

Herr Peter Delli

09.12.2014, 10:06 Uhr

"Es kommt zu einem Kampf der Kulturen!"
Nazi-Keule, was Anderes können die nicht.
Es ist ein Kampf der Kulturen.

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