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28.07.2015

02:24 Uhr

Pegida

Neuer Auftrieb für den Fremdenhass

VonAlexander Schneider

Die Einrichtung eines Zeltlagers in Dresden hat der islamkritischen Bewegung Pegida neuen Auftrieb verliehen. Seitdem finden täglich rassistische Übergriffe statt. In Freital sprengten Rechtsradikale sogar ein Auto.

Kundgebung in Dresden

Lutz Bachmann: „Pegida ist friedlich!“

Kundgebung in Dresden: Lutz Bachmann: „Pegida ist friedlich!“

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DresdenUm die asylkritische Pegida-Bewegung in Dresden war es in den vergangenen Wochen ruhig geworden. Nach der Teilnahme an der Oberbürgermeisterwahl, bei der Kandidatin Tatjana Festerling 9,6 Prozent holte und zum zweiten Wahlgang nicht mehr antrat, verstrickten sich die selbsternannten „Retter des Abendlandes“ im orientierungslosen Klein-Klein. Mal verkündeten sie, sie würden nun den „rot-rot-grün-versifften Stadtrat“ per Volksentscheid aus dem Rathaus jagen, dann wieder wollten sie ein Feuerwerk an Bürgerbegehren auf den Weg bringen. Passiert davon ist nichts. Zuletzt sammelte Pegida Unterschriften, um den Freistaat Sachsen zu zwingen, den Rundfunkstaatsvertrag aufzukündigen.

Seit Ende Juni spazieren die asylkritischen Patrioten nur noch alle zwei Wochen durch die Dresdner City. An den anderen Montagen soll in Leipzig und Chemnitz auf die Straße gegangen werden, wo die Organisatoren auch auf Unterschriften gegen die verhassten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hoffen. 2.000 Menschen nahmen vor zwei Wochen an der Demo in Dresden Teil, dem ersten Montag der Sommerferien.

Gestern spazierten dann aber wieder mehr als 3.000 Pegida-Anhänger durch die Stadt - so viele wie seit dem Wahlkampf nicht mehr. Der Bau eines Zeltlagers für Asylbewerber hat der Bewegung offenbar neuen Auftrieb gegeben. Seit am Donnerstag auch in Dresden ein Camp für bis zu 1.100 Flüchtlinge errichtet wurde, ist die Stadt im Ausnahmezustand.

Täglich finden seitdem rassistische Übergriffe statt – auf Einsatzkräfte, Helfer, Gegendemonstranten, auf noch unbewohnte Asyl-Einrichtungen. Es gab sogar einen Sprengstoffanschlag auf das Auto eines Linken-Politikers in der Nachbarstadt Freital.

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Die islamfeindliche Bewegung Pegida möchte bei den vier Landtagswahlen im kommenden Jahr Kandidaten ins Rennen schicken. Der erste Versuch soll laut Mitbegründer Bachmann in Baden-Württemberg gestartet werden.

Lutz Bachmann, der schillernde Pegida-Chef, äußerte sich bislang nicht öffentlich zu der seit fünf Tagen anhaltende Gewalt. Wie gewohnt schimpft er auf die „Lügenpresse“, die wohl nicht wisse, wie sie „die Sommerpause füllen“ soll. Er betont: „Der Plan der Lügenpresse geht nicht auf.“ Pegida sei eine friedliche Bewegung. Mehrfach ruft er dazu auf, nicht vor die Zeltstadt – Bachmann spricht gern von „Campingplatz“ – zu ziehen.

Bachmann selbst jedoch war schon am Freitagmorgen dort. Als bekannt wurde, dass die NPD am Abend vor dem Areal zu einer Demo aufgerufen hatte, warnte er seine Anhänger via Facebook noch davor mitzumarschieren. Die Medien würden sich dabei nur auf Pegida konzentrieren.

Fast gleichzeitig machte sich Bachmann aber auch über die neue Flüchtlingsunterkunft lustig: „Kleine Wette am Rande?.. schon heute Nacht wird es die ersten Einsätze für Polizei und Rettungsdienst geben, da die armen, traumatisierten Ärzte und Ingenieure ihre Ankunft im gelobten Land des nimmer endenden Geldflusses begießen müssen... Dann wird es nicht lange dauern bis die Chirurgen sich gegenseitig operieren oder schlachten oder schächten, je nach Religion“, schrieb der 42-Jährige und postete einen Artikel über eine Auseinandersetzung unter Flüchtlingen in einer Unterkunft in Österreich: „Wie lange dauert es wohl, bis es in der Bremer Straße 25 so abgeht?“, fragte er und machte sich darüber lustig, dass wieder ein „Einzelfällchen“ passiert sei.

Wie lange dauert es wohl, bis es auf der Bremer Straße 25 so abgeht?(Kleine Wette am Rande?.. schon heute Nacht wird...

Posted by Lutz Bachmann on Friday, July 24, 2015

Doch Einzelfälle sind vor allem die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, Einsatzkräfte und Asylbefürworter nicht mehr. Im Raum Dresden, der Pegida-Hochburg, häufen sie sich massiv. In Freital hat ein ausländerfeindlicher Mob erst im Juni nächtelang unwidersprochen vor einer Unterkunft protestiert, es kam zu gewalttätigen Angriffen auf Asylbefürworter. In Meißen ging später eine geplante Asylbewerberunterkunft in Flammen auf. Aus diesen Städten stammen - neben Dresden - die meisten Pegida-Organisatoren.

Und jetzt auch noch Dresden selbst: Schon am Donnerstagabend wurden ehrenamtliche Helfer von Rotem Kreuz (DRK) und Technischem Hilfswerk (THW) angegriffen, die gerade dabei waren, den Platz auf einer seit Jahren verwahrlosten Industriebrache für die mehr als 30 Zelte freizuräumen. Zwei Dutzend junge Männer spazierten nachts über die Fläche, belästigten Helfer, mussten schließlich von der Polizei vertrieben werden.

Ein unbekannter Autofahrer sei auf einen Ehrenamtlichen zugerast und habe erst im letzten Moment das Steuer herumgerissen, berichtete der Chef des DRK-Landesverbandes Sachsen Rüdiger Unger sichtbar entsetzt. Die Helfer seien in vielen Krisengebieten der Welt im Einsatz gewesen, jedoch noch nie angegriffen worden. Eine neue Erfahrung.

Kommentare (51)

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Account gelöscht!

28.07.2015, 08:11 Uhr

In Baden-Württenberg hat die Rot-Grüne Regierung an den Runden Tisch geladen. Aber anstatt die Flüchtlingspolitik und damit die Asylpolitik strenger zu handhaben, hat sich die Politik dazu entschlossen, die Flüchtlinge und Asylanten nicht mehr in zentralen Erstaufnahmelagern zu sammeln, sondern diese über das ganze Bundesland zu verteilen. Dies wird nicht die Lösung des Flüchtlingsstromes lösen, sondern wird mehr Konfliktpotential hervorrufen. Das Chaos in der Politik nimmt unter der grün-sozialistischen Merkel-Union nicht nur in der Asylpolitik und EURO Politik alternativlos volle Fahrt auf, sondern auch zunehmend in der natur- und preistreibenden wie auch volkswirtachtlich zerstörenden Energiewendepolitik mit ihren marktfeindlichen (gesellschaftsfeindlichen) EEG VOLLE FAHRT auf!
(...)
Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Herr Thomas Albers

28.07.2015, 08:23 Uhr

"Dies wird nicht die Lösung des Flüchtlingsstromes lösen, sondern wird mehr Konfliktpotential hervorrufen. "

Ich verrate Ihnen etwas, was Sie vermutlich nicht gesehen haben: Es gibt keine Lösung, die Deutschland allein herbeiführen könnte. Das einzige, was man machen kann ist, bestmöglich mit der Situation umgehen und vorteile daraus ziehen, wenn man kann.

Radikale "Lösungen", wie etwa einfach die Grenzen dicht zu machen und den Kopf in den Sand zu stecken führt dazu, dass die südeuropäischen Länder vor für sie nur extrem schwierig zu bewältigende Aufgaben stehen. Nur: Wenn es Südeuropa schlecht geht, dann fällt das Deutschland als Exportland ungebremst auf den Kopf. Deutschland würde weltweit gehasst, geschnitten und mit Boykott-Aufrufen überzogen werden. Niemand würde mehr einen Mercedes fahren wollen, wenn er damit Deutsche Härte, die arme, im Mittelmeer absaufende Kriegsflüchtlinge verbindet.

Im Grunde genommen ist der Grün-Rote weg ein passabler pragmatischer Weg.

Herr Thomas Albers

28.07.2015, 08:29 Uhr

"Das Chaos in der Politik"

Sie haben jetzt gesagt, was Sie nicht wollen und wie blöd Sie jeden bis jetzt gemachten konstruktiven Vorschlag finden. Geschrieben haben Sie allerdings nicht, was Sie denn statt dessen möchten? Was wollen Sie denn mit den Flüchtlingen machen?

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