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18.01.2015

12:46 Uhr

Pegida und die Zahlen

Wie groß ist Pegida wirklich?

Zu den Montagsdemos der Pegida kommen mittlerweile Tausende. Doch wieviele Menschen die Anti-Islam-Allianz wirklich auf die Straße bringt, scheint unklar. Die genannten Zahlen unterscheiden sich stark.

Wieviele Menschen stehen hier? Die Teilnehmer einer Demonstration zu schätzen ist gar nicht so einfach. ap

Wieviele Menschen stehen hier? Die Teilnehmer einer Demonstration zu schätzen ist gar nicht so einfach.

DresdenFast alle betonen, dass die Zahl der Demonstranten zweitrangig ist. Trotzdem schauen alle genau hin, wenn sich Anhänger und Gegner des Anti-Islam-Bündnisses Pegida montags in Dresden versammeln. Die Zahl der Teilnehmer wird je nach Blickwinkel unterschiedlich interpretiert: als Erfolg für die Zivilgesellschaft, als Beleg für den Frust vieler Menschen, als Indiz für Fremdenfeindlichkeit oder als Ausdruck echter Besorgnis von Bürgern, die sich unverstanden fühlen. Doch woher kommen die Zahlen und wer weiß, ob sie stimmen?

Zählen tun sie alle in Dresden, der Wiege der selbst ernannten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“: die Polizei, die Pegida-Organisatoren selbst und das Bündnis „Dresden für alle“, das sich mit seinen Aktionen für eine bunte und weltoffene Stadt einsetzt. Die Veranstalter richten den Blick nur auf die eigenen Leute, die Polizei zählt sie alle.

Und oft gehen die Zahlen auseinander. So sprach die Polizei nach der jüngsten Pegida-Demonstration am 12. Januar von 25 000 Teilnehmern, die Organisatoren hingegen von 40 000. Wer hat recht? Wie zuverlässig sind die Zahlen, und wie geht die Polizei vor?

„Wir halten die Durchgangszählung bei einem Demonstrationszug für die genaueste Methode“, sagt Marko Laske, Sprecher der Dresdner Polizei. Und weil zuletzt immer wieder Zweifel an den von der Polizei genannten Zahlen zur Pegida-Demonstration angemeldet wurden, gehe man nun auf Nummer sicher. „Am vergangenen Montag hatten wir zwei Zählpunkte eingerichtet.“ Beide Ergebnisse hätten nicht weit auseinandergelegen, sagt Laske. Nach einem Abgleich, der immerhin rund eine Stunde dauerte, wurde verkündet: 25 000 Pegida-Demonstranten.

Die Köpfe der Pegida-Bewegung

Köpfe und Wortführer

Wer sind die Köpfe und Wortführer der islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen in Dresden und anderswo? Einige Beispiele:

Kathrin Oertel

Sie ist die einzige Frau im zwölfköpfigen Organisationsteam von Pegida Dresden, die öffentlich in Erscheinung tritt. Laut Medienberichten ist sie 36 Jahre alt und arbeitet als Wirtschaftsberaterin. Neuerdings fungiert sie als Pegida-Sprecherin und Schatzmeisterin – und trat als Gesicht von Pegida bei Günther Jauch auf. In ihren Ansprachen schlägt Oertel vergleichsweise moderate Töne an, persönliche Angriffe überlässt sie anderen.

Sebastian Nobile

Veranstalter der Kögida-Demo in Köln und Pressesprecher der Pegida NRW, nennt sich „freiheitlich-christlicher Patriot“. Medienberichten zufolge war er Aktivist der „German Defence League“, die islamfeindlich und rechtsextrem ist. Laut Polizei hat er mehrfach Demos mit rechtsradikalen Anliegen angemeldet.

Melanie Dittmer

Sie organisierte zuletzt die Bonner „Bogida“-Demos. Medienberichten zufolge war die 36-Jährige im Landesvorstand der NPD-Nachwuchsorganisation „Junge Nationaldemokraten“. Dem „Spiegel“ sagte sie jüngst, es sei für sie unerheblich, ob es den Holocaust gegeben habe. Dittmer sitzt im Vorstand von Pro NRW. Pegida NRW teilte am Dienstag mit, wegen „inhaltlicher Differenzen“ sei die Zusammenarbeit mit Dittmer beendet.

Udo Ulfkotte

Ex-Journalist und Autor des Bestsellers „Gekaufte Journalisten“, gibt den „Lügenpresse“-Rufern Futter und sieht auch schon seit langem Europa von fanatischen Muslimen bedroht. Schon 2003 erschien dazu sein Buch „Der Krieg in unseren Städten“. In diese Richtung argumentierte auch das Buch „Heiliger Krieg in Europa“.

Karl Schmitt

Er organisiert in Berlin die Bärgida-Bewegung. Der promovierte Ingenieur (60) war 14 Jahre bei der CDU kommunal aktiv, trat 2008 aus und gründete die rechtspopulistische Partei „Die Freiheit“ mit. Die CDU habe zu wenig Distanz zur Linken gezeigt und die Gefahr der muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland nicht erkannt. Die „Freiheit“ verließ Schmitt auch nach einem Jahr.

Lutz Bachmann

Er war das Gesicht von „Pegida“ in Dresden: Bachmann rief die Facebook-Gruppe ins Leben, die das islamkritische Bündnis begründete. Er sei kein Rassist, betonte der wegen Diebstahls und Drogendelikten vorbestrafte 41-Jährige stets – doch er musste zurücktreten, da gegen ihn wegen Volksverhetzung ermittelt wird. Zuvor waren ein Foto Bachmanns mit Hitler-Bart und ausländerfeindliche Facebook-Einträge öffentlich geworden.

Das Pegida-Bündnis selbst fährt ebenfalls zweigleisig - hier wird gezählt und geschätzt. Die Zählungen erfolgten von Personen in den Demos, teilt ein Sprecher des Organisationsteams mit. Bei den Schätzungen werde die Fläche ausgemessen, auf der die Demonstranten stehen, und dann mit maximal 2,4 Menschen pro Quadratmeter multipliziert.

Und warum der Aufwand? Glaubt man den Zahlen der Polizei nicht? „Hierzu muss man zunächst sagen, dass überall, wo Menschen, und erst recht überall, wo politische Interessen im Spiel sind, Objektivität in reinem Sinne unmöglich ist“, sagt der Pegida-Sprecher. Hinzu komme, dass manche Zahlen gar nicht von der Polizei stammten: „Die zur Tillich-Gegendemo beruhte allein auf der Staatskanzlei als Quelle - weder Polizeibericht noch Rathaus-Pressestelle kommunizieren eine Zahl.“

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