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21.12.2012

14:59 Uhr

Personen des Jahres 2012

Der Steuerzahler – der tragische Held

VonAxel Schrinner, Gabor Steingart

Der deutsche Steuerzahler ist der wahre Held des Jahres 2012. Er ist keineswegs ein Wutbürger, er ist notgedrungen die Stütze unseres Staates. Er leidet, fast ohne zu klagen - und zahlt dem Fiskus so viel wie nie zuvor.

Der Steuerbürger schultert gewaltige Lasten - und wird dennoch nicht zum Wutbürger. Getty Images

Der Steuerbürger schultert gewaltige Lasten - und wird dennoch nicht zum Wutbürger.

DüsseldorfAnfang Januar wird Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verkünden, Deutschland habe einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Doch der Dank dafür gebührt nicht dem Finanzminister, sondern seinem Gegenüber: dem deutschen Steuerzahler. Es ist seine Hand, die gibt. Es ist sein Fleiß, der ihn dazu in die Lage versetzt.

Der deutsche Steuerzahler ist von allen Helden unseres Landes der stillste. Er flucht nur ganz leise vor sich hin, um dann sein Portemonnaie weit zu öffnen. Im ablaufenden Jahr überwies er rund 600 Milliarden Euro an den Fiskus - so viel Geld wie noch nie zuvor.

Damit ist das deutsche Steueraufkommen größer als die gesamte Wirtschaftsleistung des Ölförderlands Saudi-Arabien oder fast zehnmal so groß wie die Gewinne aller Dax-30-Konzerne zusammen.

Pro Kopf zahlt jeder Deutsche im Schnitt fast 7 500 Euro pro Jahr beziehungsweise 20 Euro pro Tag an das Finanzamt, egal ob Baby oder Greis, Manager oder Arbeitsloser. Eigentlich müsste der Steuerzahlerbund nicht einen, sondern 365 Tage zum "Tag des Steuerzahlers" erklären.

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Schon die Demut der Interessenvertretung zeigt, dass wir es beim Steuerzahler mit einem Geber-Wesen zu tun haben. Dieses Wesen ist geduldig wie ein Schaf, fleißig wie eine Biene und mit der ausdauernden Zähigkeit einer Galapagos-Schildkröte ausgestattet. Niemand kann es am Geben hindern. Wer versucht hat, es aufzuwiegeln, wie Friedrich Merz und Paul Kirchhof, findet Gehör, aber keine Unterstützung.

Die Bundesregierung hat in einem Lebend-Experiment den deutschen Steuerzahler auf seine Leidensfähigkeit hin getestet. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Er ist in seiner stoischen Geberbereitschaft durch keine noch so dreiste Steuerneukreation zu erschüttern. Er zahlt die Alkopopsteuer genauso selbstredend wie die Zweitwohnungsteuer, er akzeptiert die Flugticketsteuer und bald auch noch eine Finanztransaktionssteuer. Die SPD in der ihr eigenen Keckheit will das Experiment im Wahlkampf auf die Spitze treiben und ruft zur Erhöhung von Erbschaft- und Einkommensteuer und zur Wiedereinführung der Vermögensteuer auf.

Kommentare (46)

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Micha

21.12.2012, 15:13 Uhr

Ich arbeite viel und lange. Daher brauche ich eine Haushaltshilfe. Damit diese auf netoo 1.500.- Euro kommt, muß ich mit Sozialabgaben etc. ca. 2.500.- Euro aufbringen - netto -, so daß ich 5.000.- Euro brutto verdienen muß! Einfach nur pervers! Ich werde sie wieder entlassen und meine Hausarbeit selber machen. Das ist unter dem Strich billiger!

Account gelöscht!

21.12.2012, 15:24 Uhr

@ Micha,
eine solche logische Konsequenz hat offenbar bis heute kein Politiker bedacht.

hermann.12

21.12.2012, 15:30 Uhr

Die Trägheit und Naivität des deutschen Michel sucht seinesgleichen. Solange noch ein erträgliches Auskommen möglich ist, scheut der Deutsche die Auseinandersetzung.
Dafür kommt sie dann, wenn es schließlich unerträglich geworden ist zum Supergau.
Hinzu kommt der wieder allgegenwärtige Untertanengeist der sich hinter vordergründige Moral und Staatsgläubigkeit versteckt und hinter Marktwirtschaft und Kapitalismus alles Übel vermutet, das in Wahrheit der Staat anrichtet.
Er äußerst sich in Beschuldigungen gegen die Reichen, der Forderung nach mehr Kontrolle durch den Staat und der Weigerung dem Verstand den Vorrang vor dem Glauben an ideologische Glaubenssätze einzuräumen.
Der Deutsche an sich ist also so gefährlich wie eh und je, eben weil er sich schlau wähnt, weil er sich opportunistisch anpasst oder in der Nische abtaucht.
Wenn es dann mal wieder schief geht, hat wieder nichts gewusst, wie den auch mit dem Kopf im Sand, wie dereinst Vogel Strauss?
In Deutschland gelten halten die Idioten als schlau und Elite und die Schlauen als Rücksichtslos und Asozial, eben weil unbequem und ruhestörend.
Solange die nahezu risikolose Existenz, die letztlich nur auf Kosten eines erhöhten Risikos Dritter zu haben ist, das Ideal deutscher Bürgerlichkeit bleibt, wird sich das auch nicht ändern.

H.

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