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17.09.2012

16:16 Uhr

Peter Hintze

Störrischer Pfarrer stellt sich Enders entgegen

VonMichael Inacker

Der ausgebildete Theologe, Peter Hintze, wettert gegen die Mega-Fusion zwischen EADS und BAE Systems. Doch außer Argumenten hegt der Koordinator für Luft-und Raumfahrt persönliche Antipathien gegen EADS-Chef Tom Enders.

Staatssekretär Peter Hintze. dapd

Staatssekretär Peter Hintze.

BerlinMit der Bergpredigt ist das Betreiben operativer Politik nicht einfach. Man kann es machen, aber das erfordert intellektuelle Flexibilität. Wenn man dann eine der größten Industrie-Fusionen der Rüstungs- und Luftfahrtbranche wie die zwischen EADS und BAE Systems begleiten muss, bewegt man sich im Grenzbereich. Für Peter Hintze, ausgebildeter Theologe und ehemaliger Pfarrer in Königswinter sowie heute parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium mit dem klingenden Nebenamt "Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt" sind Grenzerfahrungen dieser Art nichts Neues: Er hat in der Politik fast alles gesehen. Er war unter Helmut Kohl Minister, später CDU-Generalsekretär sowie Erfinder der "Rote-Socken-Kampagne". Und er hat den innerparteilichen Regimewechsel von Kohl zu Angela Merkel überlebt - das will gelernt sein.

Ein solcher Mann ist nicht zu unterschätzen. Er ist inzwischen zum mächtigen Gegenspieler des EADS-Vorstandschefs Thomas Enders geworden. Dessen Plan zur Schaffung eines paneuropäischen Luft- und Raumfahrt- sowie Rüstungsgiganten wird inzwischen von vielen in der Bundesregierung befürwortet - Hintze aber hält dagegen.

Er formuliert inhaltliche Kritik und fürchtet Nachteile für die deutschen Standorte und die Aufteilung der Produktionskette. Obwohl Enders diese Kritik inzwischen adressiert hat und auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler seinen Staatssekretär zurückgepfiffen hat, lässt der Theologe und CDU-Politiker nicht locker.

Offenbar geht es hier auch um einen persönlichen Konflikt. Hintze mag Enders nicht. Hintzes Bild vom deutschen Manager an sich scheint so vorurteilsgeladen, dass er - um neutestamentlich zu sprechen - beim Blick auf den Splitter im Auge von Enders den Balken im eigenen Auge nicht sieht. Dabei entspricht Enders nicht dem Vorurteil eines Vorstandschefs ohne Bodenhaftung: Er lebt in einem alten Bauernhof, extravagante Auftritte auf roten Teppichen hasst er, offen spricht er über seine Herkunft aus einer Westerwälder Schäferfamilie, er ist Protestant, und als ehemaliger Assistent von Bundestagsabgeordneten sowie vom ehemaligen Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg kennt er die Sachzwänge der Politik. Außerdem ist er Patriot - als die Mauer fiel, reiste er extra nach Berlin.

Gegen wen EADS und BAE antreten

Umkämpfter Markt

Die Politik spielt immer eine große Rolle bei Rüstungsfirmen, schließlich ist sie nicht zuletzt der wichtigste Kunde. Das spiegelt sich auch in der Konkurrenzsituation der Konzerne wieder. Ein Überblick.

Boeing

Der Erzrivale von EADS und dessen Tochterfirma Airbus, momentan vor allem bei Verkehrsflugzeugen mit über 100 Sitzplätzen. Die beiden Konzerne sind führend auf dem Weltmarkt. Verkaufsschlager sind die Mittelstreckenflieger der Baureihen A320 und B737. Airbus hatte in den vergangenen Jahren die Nase vorn, doch Boeing konnte den Konkurrenten im ersten Halbjahr bei den Auslieferungen überholen.

Boeing

Boeing liefert gleichzeitig so etwas wie die Blaupause für die geplante Fusion der Europäer. Der Konzern hatte 1997 den heimischen Wettbewerber McDonnell-Douglas übernommen und damit sein militärisches Standbein ausgebaut. Im ersten Halbjahr steuerte das Rüstungs- und Sicherheitsgeschäft zusammen mit der Raumfahrt knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz bei. Zu den Produkten gehören Kampfhubschrauber (AH-64 Apache), Kampfjets (F/A-18), Transportflugzeuge (C-17 Globemaster III) sowie unbemannte Drohen und Aufklärungsmaschinen (E-3 Awacs).

Boeing

Vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erwies sich die Rüstungssparte als wertvoll. Boeing profitierte von den steigenden Militärausgaben der USA und konnte damit die Bestelleinbrüche bei den Passagiermaschinen abfedern. Momentan sind Verkehrsjets die Renner, während das Rüstungs-Standbein mit Einschnitten in den Militärbudgets vieler Staaten klarkommen muss.

Lockheed Martin

Amerikas größter Rüstungskonzern. Das Unternehmen stellt die Kampfjets F-16, F-22 und F-35 her sowie die Transportflieger C-130J Super Hercules und die riesige C-5 Galaxy. Daneben baut Lockheed-Martin unter anderem gepanzerte Fahrzeuge, Raketen, Hubschrauber und Radaranlagen. Weitere Standbeine sind die Raumfahrt- sowie Informationstechnik.

Northrop Grumman

Hersteller von unbemannten Drohnen wie dem Global Hawk, von Radaranlagen, Steuersystemen oder Raketen. Bekanntestes Produkt ist der futuristisch aussehende Tarnkappenbomber B-2.

General Dynamics

Der Konzern baut unter anderem Kriegsschiffe und U-Boote, stellt Artilleriesystem und Munition her und steckt hinter dem US-Kampfpanzer Abrams. Ziviles Standbein sind die Gulfstream-Geschäftsflugzeuge.

Hintze dürfte ein anderes Problem mit Enders haben: Der Manager gibt Politikern Widerworte und spielt nicht die Rolle, die man in Berlin von Unternehmensvertretern erwartet, nämlich alle Vorgaben der Politik brav abzunicken.

Hintze wird sich wohl nicht von seiner Kritik an dem Deal abbringen lassen. Und das macht ihn für Enders so gefährlich: Denn der Staatssekretär ist am Hofe der Kanzlerin geschätzt. Entweder Hintze und Enders führen ein klärendes Männergespräch - oder Merkel übergeht ihren wichtigen Berater. Letzteres wäre neu.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

17.09.2012, 17:36 Uhr

Vielleicht hat Hintze den Braten gerochen. Man versucht sich die Filetstücke deutscher Luft- und Raumfahrttechnik einzuverleiben. Das ist es was die Franzosen und Angelsachsen können.
Welche Fusion war denn erfolgreich übernational? Na?
Keine Einzige. In jedem Fall würden die deutschen Konzerne ausgebootet, Abermilliardenverluste, der Steuerzahler hat diese mittels Arbeitsplatzverluste und Subventionen bezahlt. Die Geschäfte machen die anderen. Die Franzosen und Briten verkaufen über die deutschen Köpfe hinweg und kassieren.
Plötzlich ist ein amerikanisch-jüdischer Investor der (Haupt-)
anteilseigner wie bei PRO//SAT1/Kabel etc..
Daimler mit Chrysler, BMW mit Rover, die Chemiesparte Aventis etc. etc. Jeder möchte mal gerne International Manager vor g a u c k e l n.
Zahlen dürfen andere. Patente weg, Arbeitsplätze weg, Geld weg.
Diesmal ist es bestimmt anders, ja die goldene Aktie, aber bei unseren rückratlosen Politikern egal welcher Couleur ist das for the a.hole.

Dieser Artikel wurde wiedermal lanciert. Was steckt wohl dahinter. Eine Pseudoauseinandersetzung?

da kommt mir doch der Fall Vodafone/Mannesmann in den Sinn. Der Geschäftsführer bzw. der Gewerkschaftsverteter im Aufsichtsart hat sich anfangs gewehrt und danach kassiert...
Früher nannte man das Korrruption oder Vaterlandsverrat

Als ob die Deutschen keine Flieger alleine bauen und verkaufen könnten. Der Koordinierungsaufwand ist größer als der Synergieeffekt.

Aber das Handelsblatt, meine Güte....ein Niveau...

Account gelöscht!

17.09.2012, 17:55 Uhr

Lieber Pastor Hintze sie haben bereits vor 5 Jahren versagt und können diese alten Fehler nicht mehr korrigieren, jetzt ist das die logische Konsequenz. Einzisgt die Verlegung des juristischen Hautpsitzes der Gruppe von Amsterdam nach München sowie des Aufsichtsrates nach München, wäre noch eine Bedingung die machen fordern sollte.
Wenn schon keine operativen Hauptsitze, dann wenigstens ein Kontrollsitz! Mal schauen ob das unser Pfarrer hinkriegt...

Account gelöscht!

17.09.2012, 19:14 Uhr

Koordinator für Luft-und Raumfahrt
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ein gelernter Pfarrer und Stromlinienförmiger hat ganz sicher viel Ahnung von Luft- udn Raumfahrt udn von Wirtschaft.
Er ist das beste Beispiel, wie es in der Politik zugeht. Da ist kein Fachwissen gefragt. Hauptsache man hat seine Freunde gut mit Pöstchen versorgt
Und wir wundern uns über so viel Mist, der in usnrem Land abläuft? Da müssen wir uns doch nicht wundern

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