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27.02.2013

20:34 Uhr

Pferdefleisch-Skandal

Lebensmittelpanscher sollen an den Pranger

Schwarz-Gelb arbeitet an einer Novelle des Lebensmittelgesetzes: Hersteller, die Produkte mit falschen Inhaltsangaben verkaufen, sollen künftig veröffentlicht werden. Auch kleine Vergehen sollen geahndet werden.

Lebensmittelbehörden sollen künftig Hersteller von Fertigprodukten auch dann anprangern können, wenn sie wegen des Vergehens mit einem Bußgeld unter 350 Euro oder gar keinem Bußgeld belegt werden. dpa

Lebensmittelbehörden sollen künftig Hersteller von Fertigprodukten auch dann anprangern können, wenn sie wegen des Vergehens mit einem Bußgeld unter 350 Euro oder gar keinem Bußgeld belegt werden.

BerlinDie schwarz-gelbe Koalition hat erste gesetzliche Konsequenzen aus dem Pferdefleischskandal gezogen. Künftig sollen Behörden Hersteller von Lebensmitteln mit falschen Inhaltsangaben veröffentlichen, wie aus einer der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch vorliegenden Novelle des Lebensmittelgesetzbuches hervorgeht. Behörden sollen auch bei vergleichsweise geringfügigen Täuschereien an die Öffentlichkeit gehen können.

Demnach sollen Lebensmittelbehörden die Hersteller von Fertigprodukten auch dann anprangern können, wenn sie wegen des Vergehens mit einem Bußgeld unter 350 Euro oder gar keinem Bußgeld belegt werden. Bei darüber hinausgehenden Strafen müssen die Behörden weiter die Öffentlichkeit informieren.

Wer alles Pferd gefunden hat

Aldi Nord

In „Tiefkühl Penne Bolognese 750 g“ und „Gulasch 540 g Dose, Sorte Rind“ hat Aldi Nord Anteile von Pferdefleisch nachgewiesen. Das Gulasch des Lieferanten Omnimax sei nur in den Regionalgesellschaften im Raum Magdeburg, im Raum Süd-Ost-Berlin, in Süd-Ost-Brandenburg und in Hoyerswerda vertrieben worden. Die „Tiefkühl Penne Bolognese“ eines anderen Lieferanten sei in allen deutschen Filialen von Aldi Nord verkauft worden.

Ende Februar nahm Aldi Nord zudem Zigeuner Hacksteaks des Lieferanten Wingert Foods aus dem Sortiment.

Aldi Süd

Aldi Süd nahm Dosen-Ravioli und -Gulasch aus den Regalen. Bei Analysen wurden bei den Produkten nach Angaben des Discounters "Anteile von Pferdefleisch" nachgewiesen. Es handelt sich demnach um "Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)" der Eigenmarke "Cucina" vom Lieferanten BLM sowie um "Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)" des Lieferanten Omnimax, das ausschließlich in Nordrhein-Westfalen verkauft wurde.

Edeka

Edeka stellte in Stichproben von Lasagne der Eigenmarke "Gut & Günstig" nach eigenen Angaben "geringe Pferdefleisch-Anteile" fest. Der Verkauf des Tiefkühlprodukts wurde gestoppt. Deutschlands größte Supermarktkette prüft weitere Artikel. Bei anderen Produkten liegen demnach aber bislang "keine Hinweise auf vergleichbare Probleme" vor. Laut Verbraucherzentrale Hamburg wurden auch Filialen der regionalen Supermarktkette Konsum Leipzig in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit der Edeka-Lasagne beliefert.

Eismann

Eismann stellte in zwei Lasagne-Produkten Pferdefleisch fest. Den Verkauf der betroffenen Ware stoppte der Tiefkühl-Heimservice nach einem ersten Verdacht. Verbraucher können die Ware Eismann-Verkäufern zurückgeben und bekommen das Geld zurück. Weitere Produkte neben der Lasagne sind laut Eismann nicht betroffen.

Ikea

Tschechische Behörden haben Ende Februar in gefrorenen Hackbällchen („Köttbullar“) Pferde-DNA nachgewiesen.

Kaiser's Tengelmann

Kaiser's Tengelmann nahm Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Verkauf. Die Supermarktkette rechnet inzwischen fest damit, dass das Tiefkühl-Produkt neben Rindfleisch auch Pferdefleisch enthält. Kaiser's Tengelmann wurde eigenen Angaben zufolge vom französischen Hersteller Comigel offiziell informiert, dass die von ihm für seine Kunden hergestellten Fertiggerichte "durchgängig Anteile von Pferdefleisch enthalten". Kaiser's Tengelmann hat auch eigene Tests beantragt, deren Ergebnis noch nicht bekannt ist.

Lidl

Lidl stoppte in Deutschland den Verkauf von Rindfleisch-Tortelloni der Eigenmarke Combino, nachdem Kontrolleure in Österreich darin Anteile von Pferdefleisch gefunden hatten. Der Hersteller der Nudelprodukte, Hilcona aus dem Fürstentum Liechtenstein, erklärte, er verarbeite selbst kein Frischfleisch, sondern beziehe dieses von Lieferanten. Das mit Pferdefleisch durchsetzte Rindfleisch für die Tortelloni lieferte demnach die Firma Vossko aus Ostwestfalen. Sie wiederum prüft nun, welcher ihrer Lieferanten rohes Pferdefleisch als Rindfleisch verkaufte.

Real

Real rief "TiP Lasagne Bolognese, 400g, tiefgekühlt" zurück. Bei Laboruntersuchungen mit dem Produkt der Eigenmarke war in "einzelnen Stichproben" Pferdefleisch gefunden worden.

Rewe

Rewe nahm sowohl Produkte aus dem Sortiment, welche die Supermarktkette unter ihrem eigenen Namen verkaufte, als auch Produkte eines Markenherstellers. Betroffen sind "Rewe Chili con Carne" und "Rewe Spaghetti Bolognese", die laut Rewe vom Unternehmen SGS Geniesser Service hergestellt wurden, sowie "Mou Lasagne Bolognese" und "Mou Cannelloni Bolognese" der Marke Tulip. Bei den Produkten der Eigenmarke und des Markenherstellers konnten die Produzenten Rewe zufolge nicht ausschließen, dass diese Anteile von Pferdefleisch enthalten.

Nestlé

Bei Tests sei Pferde-DNA in zwei Nudel-Produkten nachgewiesen worden, für die ein deutsches Unternehmen Fleisch geliefert habe, teilte der Schweizer Konzern in einer Erklärung mit. Die in Italien und Spanien verkauften Sorten Buitoni-Rindfleischravioli und Rindfleisch-Tortellini seien daraufhin sofort freiwillig vom Markt genommen worden. In Deutschland würden diese Gerichte nicht vertrieben.

Dies könnte für große Einzelhandelsketten wichtig sein, die Fertigprodukte unter eigenem Namen verkaufen, aber nicht selbst herstellen, sondern von anderen Unternehmen kaufen. In diesen Fällen liegt keine Täuschung vor, da sie nicht - wie im Pferdefleischskandal - nicht angegebene Zutaten in die Fertiggerichte gemischt haben. Allerdings kann ihnen der Vorwurf der Fahrlässigkeit gemacht werden.

Fleischklöße: Keine Köttbullar in Ikea-Restaurants

Fleischklöße

Keine Köttbullar in Ikea-Restaurants

In Tschechien hatte man in den Fleißklößen Spuren von Pferdefleisch gefunden.

„Die Skandale um Pferdefleisch und Bio-Eier haben gezeigt, dass es hier eine Rechtsunsicherheit gab", erklärte der Lebensmittelexperte der FDP-Fraktion, Erik Schweickert. Die Länder würden sich zukünftig nicht mehr herausreden können, wenn sie von einer Veröffentlichung absähen.

Das Bundesagrarministerium teilte unterdessen erste Ergebnisse der Lebensmitteluntersuchungen mit. Demnach wurden bislang 1323 Proben analysiert, wobei in 79 Fällen Pferdefleisch nachgewiesen wurde. 33 Proben wurden auf Medikamenten-Rückstände untersucht, die Tests verliefen negativ.

Antworten zum Pferdefleisch-Skandal

Wie kam der Skandal ans Licht?

Mitte Januar entdeckten irische Lebensmittelinspekteure bei Routinekontrollen zunächst Spuren von Pferdefleisch in Rindfleisch-Hamburgern. Es ging um Fertigprodukte der britischen Supermarktketten Tesco, Iceland, Aldi (UK) und Lidl (UK). Anfang Februar wurde in einer Fertigungsanlage und in einem Fleischlager in Irland weiteres Rindfleisch mit Pferdefleischspuren entdeckt. Daraufhin ordnete die britische Lebensmittelaufsicht umfangreiche Untersuchungen an. In der Folge wurden mit Pferdefleisch versetzte Rindfleischprodukte auch in Frankreich und Schweden entdeckt. Mittlerweile wurden auch in Deutschland in vielen Fällen falsch deklariertes Pferdefleisch gefunden.

Um welche Produkte geht es?

Es geht um Tiefkühl-Fertigkost aus Hackfleisch, die größtenteils bei Discountern verkauft wird, darunter Rindfleisch-Lasagne, Spaghetti Bolognese und fertige Hamburger-Frikadellen. In den Produkten wurden teilweise zwischen 30 und 100 Prozent Pferdefleisch gefunden.

Wie kam Pferdefleisch in den Produktionskreislauf?

Laut britischen Medienberichten handelt es sich um eine kriminelle „Pferdemafia“ in Rumänien. Das Fleisch wird demnach vor Ort verarbeitet und an französische Fleischverarbeitungsfirmen exportiert, die es nach Firmenangaben ohne Wissen darüber, dass es sich eigentlich um etwas Anderes handelt, als Rindfleisch verarbeitet haben. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass in den Pferdefleisch-Skandal europaweit mehr Unternehmen verwickelt sind, als bislang vermutet. Darunter auch deutsche Hersteller.

Welche Firmen sind in welchen Ländern involviert?

In einem Fall geht es um den Tiefkühlhersteller Findus in Großbritannien (der nichts (mehr) mit Nestlé zu tun hat, auch wenn der Konzern eine gleichnamige Tochterfirma in der Schweiz hat). Er vertreibt Fertigkost der französischen Firma Comigel, die wiederum einen Teil ihres zu verarbeitenden Fleischs aus Rumänien bezieht und damit bei der luxemburgischen Firma Tavola produzieren lässt. Zwischen November 2012 und Ende Januar 2013 kamen mindesten 359.722 Packungen Lasagne und Cannelloni aus dem verdächtigen Betrieb in Luxemburg nach Deutschland. Comigel gibt an, das Fleisch vom französischen Lieferanten Spanghero bezogen zu haben. Dieser weist wiederum auf einen rumänischen Zulieferer hin. Eine weitere Spur führt laut französischen Regierungsangaben vom französischen Hersteller Poujol zu einem Händler nach Zypern.

Sind die Produkte gefährlich?

Die Behörden sehen keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr durch den Verzehr von Pferdefleisch. Das Fleisch kann jedoch unter Umständen Spuren von Medikamenten enthalten. Es wird auf Rückstände des Schmerzmittels Phenylbutazon getestet. Erste Test-Resultate bestätigen den Verdacht. In französischen Tiefkühlprodukten sind Reste von Phenylbutazon enthalten. Es wird bei Pferden häufig therapeutisch angewendet, teilweise auch als Doping-Mittel im Pferdesport. In der Medizin ist es ein Medikament gegen Rheuma.

Wieso wurden Pferdefleischspuren nicht schon vorher entdeckt?

In Großbritannien wurde Rindfleisch nach Angaben der Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA in den vergangenen zehn Jahren nicht routinemäßig auf Pferdefleischspuren getestet. Eigentlich sollen solche Fälle durch das Passsystem verhindert werden. Seit 2009 braucht jedes Pferd in der Europäischen Union einen sogenannten Equidenpass, der unter anderem über Herkunft und Impfung des Tieres Auskunft geben soll. In Deutschland werden die Pässe auch durch Pferdezüchter- oder Reitsportverbände vergeben, was das System manipulationsfähig macht.

Wie haben die Firmen reagiert?

Die Firmen haben die fraglichen Produkte sofort aus dem Handel genommen. In Deutschland waren bereits Aldi Nord, Aldi Süd, Eismann, Edeka, Kaiser´s, Kosnum Leipzig, Lidl, Metro, Real, Rewe und Tengelmann betroffen.

Wie reagieren die Behörden?

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will Konsequenzen aus dem Skandal mit falsch deklariertem Pferdefleisch in Fertigprodukten ziehen. Bei einem Treffen der Verbraucherminister von Bund und Ländern hat sie einen Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan vorgelegt. EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg spricht indes von einer dauerhaften Einführung von DNA-Tests für Fleisch auf EU-Ebene.

Wie viel Pferdefleisch ist als Rindfleisch verzehrt worden?

Die Behörden in Frankreich und anderen EU-Staaten wissen bisher nicht, seit wann und in welchem Umfang Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft wurde. „Das kann man nur sehr schwer feststellen“, sagte der Leiter der luxemburgischen Veterinärinspektion, Felix Wildschütz, der Nachrichtenagentur dpa. Vor allem in Frankreich suchten die Behörden ältere Lagerbestände von Tiefkühlkost, um Proben zu entnehmen und auch die möglicherweise verwendeten Mengen von Pferdefleisch abschätzen zu können.

Wie ist Deutschland betroffen?

In Deutschland sind seit Mitte Februar Fälle bekannt, in denen Händler mit Produkten beliefert wurden, die Pferde- statt Rindfleisch enthalten. Auch die britische Regierung gerät weiter unter Druck. Ein früherer Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht FSA will schon im April 2011 geholfen haben, einen Brief des größten britischen Pferdefleisch-Exporteurs High Peak Meat Exports an den damals zuständigen Minister aufzusetzen, in dem auf unzureichende Kontrollen in der Pferdefleischverarbeitung hingewiesen wurde.

Von

rtr

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

27.02.2013, 22:07 Uhr

in welchen Takt wollen die Behörden veröffentlichen? Im Minutentakt?

Alle Lebensmittel sind gepanscht.

nur_mal_so

28.02.2013, 08:17 Uhr

Selten so gelacht. 50000€ Strafe für einen Geflügelmastbetrieb welcher jedes Jahr Millionen verdient.
Es ist leider immer noch so das ein nicht bezahlter Strafzettel für den kleinen Bürger wesentlich schärfere Konsequenzen nach sich zieht als die Gesundheit von 1000.Bürgern zu gefähreden.
Es würde schon ausreichen wenn man damit beginnen würde dafür zu sorgen dass auf den Verpackungen drin ist was drauf steht. Und nicht der "Schrott" welcher Laut Norm erlaubt ist. Bis eine große Handelskette den Fleischbedarf für 1 Monat zusammengekauft hat, sind die Tiere wohl schon durch 15 verschiedene Hände gegangen. Mir sind jedenfalls keine bvauern in dt. Bekannt welche mal kurz hunderte Rinderhälften verkaufen könnten. Viel spass bei Kontrollieren.
Vollkornbrot ohne Vollkorn
Geflügelwurst mit Schwein und Rind
Schokolade ohne Schokolade
Safran aus Spanien (Anbaufläche tatsächl. max. 10%der verk. Menge)
Olivenöl aus Italien (Anbaufläche 20% der verk. Menge)
Bio Eier, Bio Möhren, Chinesische Erdbeeren, Erdbeer-Joghort ohne Erbeeren (aber natürlichen Aromen)
Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.
Obwohl ich noch nicht so alt bin kann ich schon längst die Inhaltsstoffe in Schriftgröße 4-6 Weis auf Weis gedruckt nicht mehr lesen. Aber so lange unsere Verbraucherschutzministerin stets betrügerische Absichten vermutet und jedes mal einen neuen 10 Punkte Aktionsplan auflegt können wir ja alle beruhigt.
Es hilft nur eins. Die Politiker müssen den Dreck jeden Tag im der Bundestagskantine serviert bekommen. Man könnte davon ausgehen dass dann innerhalb einer Woche für die Verursacher Gesetze mit harten Gefängsnisstrafen und Beschlagnahme des Gesamten Familien-Vermögens beschlossen würden.

Account gelöscht!

28.02.2013, 08:53 Uhr

Die Ankündigung von Schwarz/Gelb die Schwarzen Schafe an den Pranger zu stellen ist ungefähr so erfolgreich als wenn unsere Aigner ohne Hilfe der Lebensmittel Lobby ihr Amt ausüben müsste. Die Menschen müssen essen und am besten billig. Wer sich mit Lebensmittel beschäftig wird feststellen was wir
uns jeden Tag schreckliches antun und getan haben. Afrikaner würden aber wohl
sagen immer noch besser als verhungern.

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