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19.01.2017

11:28 Uhr

Pflegereform

Fachkräfte am Limit

VonPeter Thelen

Deutschlands Altenpflegerinnen haben Angst vor den Folgen der neuen Pflegereform für die 13.000 Pflegeheime. Sie rechnen mit höheren Anforderungen als bisher, dabei ist die aktuelle Situation schon heikel.

Wie lässt sich dem Fachkräftemangel begegnen? dpa

Pflege am Limit

Wie lässt sich dem Fachkräftemangel begegnen?

BerlinEigentlich waren es nur gute Nachrichten, die Gesundheitsminister Hermann Gröhe aus Anlass des Inkrafttretens seiner großen Pflegereform Angang Januar zu verkünden hatte: Aus den bisher einseitig an körperlichen Gebrechen ausgerichteten drei Pflegestufen sind fünf Pflegegrade geworden, die Hilfe erstmals auch denen versprechen, die aus seelischen Gründen oder wegen nachlassender Denkleistung ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können. Dabei wurden die neuen Leistungen so gestrickt, dass sie den Menschen helfen, möglichst lange in ihrem häuslichen Umfeld zu bleiben.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass ein Pflegebedürftiger mit Pflegegrad 3 (nach altem Recht entspricht das Pflegestufe 1 plus Demenz) seit Januar für seine ambulante Pflege zu Hause 1.298 Euro im Monat von der Pflegeversicherung erhält, 609 Euro mehr als nach altem Recht. Darüber hinaus hat er Anspruch auf weitere 1.298 Euro, wenn er ergänzend teilstationäre Pflege in Anspruch nimmt; etwa, weil die Angehörigen mit der Betreuung in der Nacht überfordert sind (Nachtpflege im Heim) oder am Tag ein paar Stunden Entlastung brauchen. Für den gleichen Patienten zahlt die Pflegeversicherung aber nur 1.262 Euro, wenn er dauerhaft in ein Pflegeheim zieht. Das sind gute Nachrichten für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen.

Pflegebericht: Lieber zu Hause als im Heim

Pflegebericht

Lieber zu Hause als im Heim

Immer mehr Menschen sind pflegebedürftig. 73 Prozent aller Pflegebedürftigen – mehr als zwei Millionen Menschen– werden allerdings mittlerweile zu Hause gepflegt. Ein Erfolg der bisherigen Pflegepolitik?

Doch beim Pflegepersonal lösen diese Veränderung eher gemischte Gefühle aus. Dies belegt eine repräsentative Umfrage des Fachverlags Vincentz. Danach fürchten die Pflegepersonen in den über 13.000 Pflegeheimen in Deutschland, dass sich für sie die Arbeitsbedingungen weiter massiv verschlechtern werden, weil in Zukunft der Anteil der leichteren Pflegefälle in den Heimen deutlich sinken wird. Wer pflegebedürftig ist, werde künftig politisch gewollt so lange wie möglich zu Hause bleiben.

Heute machen Pflegebedürftige mit Pflegestufe 1 noch zwei Fünftel der Heimbewohner aus. Nur 20 Prozent gelten als Schwerstpflegebedürftige. 79 bis 89 Prozent der Befragten erwarten wegen der aktuellen Höherbewertung der ambulanten Pflege, dass in Zukunft deutlich mehr Patienten erst mit schweren kognitiven Einschränkungen und vielen unterschiedlichen Erkrankungen im Heim landen werden. Immer häufiger würden Pflegebedürftige erst kurz vor dem Tod ins Heim wechseln, fürchten sie. Sterbebegleitung werde deshalb zu einem Schwerpunkt der täglichen Arbeit werden.

Was sich für Pflegebedürftige 2017 ändert

Begutachtung und Leistungen für Pflegebedürftige

Zum Jahreswechsel ändern sich Begutachtung und Leistungen für Pflegebedürftige. Für Menschen, die jetzt pflegebedürftig werden, kann sich ein Antrag nach dem alten System auszahlen. Die Bundesregierung steht im Wort: Bei der Umstellung auf ein neues Leistungssystem nach Pflegegraden wird niemand schlechter gestellt. Das gilt für die heute rund 2,8 Millionen Pflegebedürftigen. Doch Menschen, die in diesen Tagen und Wochen einen Erstantrag auf Pflegeleistungen stellen wollen, sollten sich gut überlegen, ob sie das in den letzten Wochen dieses Jahres noch nach dem alten System tun, oder erst 2017 nach dem neuen. Es könnte sich auszahlen.

Was ändert sich für Pflegebedürftige zum 1. Januar?

Die bisherigen drei Pflegestufen werden automatisch - ohne neuen Antrag der heute schon Pflegebedürftigen - übergeleitet in fünf Pflegegrade. So soll die Bedürftigkeit künftig genauer bestimmt werden können. Für heute schon Pflegebedürftige gilt Bestandsschutz.

Was heißt das für die Überleitung in Pflegegrade?

Pflegebedürftige mit körperlichen Einschränkungen erhalten anstelle der bisherigen Pflegestufe den nächst höheren Pflegegrad. Pflegebedürftige mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz wie Demenzerkrankte werden zwei Pflegegrade höher eingestuft. Also: Pflegestufe 1 mit körperlichen Behinderungen kommt automatisch in den Pflegegrad 2. Pflegestufe 1 mit erheblich eingeschränkten Alltagskompetenzen kommt automatisch in den Pflegegrad 3. Pflegestufe 2 bekommt entsprechend automatisch Pflegegrad 3 oder mit eingeschränkter Alltagskompetenz Pflegegrad 4. Und Pflegestufe 3 wird übergeleitet in den Pflegegrad 4 oder mit eingeschränkter Alltagskompetenz in den höchsten Pflegegrad 5.

Wann sollte man nun einen Neuantrag auf Pflegeleistungen stellen - noch 2016 oder erst 2017?

Stichtag ist der Tag der Antragstellung: Wer vor dem 1. Januar 2017 einen Antrag stellt, wird nach der alten Regel begutachtet und eingestuft und dann übergeleitet - auch wenn die Bearbeitung bis ins neue Jahr hineinreichen sollte. Erst im neuen Jahr wird nach dem neuen System begutachtet.

Wenn in diesen Tagen oder Wochen also erstmals ein Antrag auf Pflegebedürftigkeit gestellt werden soll, kann es günstiger sein, dies noch 2016 nach dem alten Stufensystem zu tun, um dann 2017 automatisch in den entsprechend höheren Pflegegrad zu kommen. Das gilt etwa für Menschen, die unter körperlichen Einschränkungen leiden und Pflegestufe 1 mit einem Pflegegeld von monatlich 244 Euro beantragen wollen. Wenn sie diese Pflegestufe erhalten, wechseln sie im kommenden Jahr automatisch in den Pflegegrad 2 und erhalten damit monatlich 316 Euro. Stellen sie ihren Antrag erst 2017, werden sie aller Voraussicht nach nicht den Pflegegrad 2, sondern nur den Pflegegrad 1 erreichen. Dafür gibt es dann nur 125 Euro von der Pflegekasse. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Patientenschutz sind davon schätzungsweise 125.000 Menschen betroffen.

Für wen sind solche Überlegungen noch wichtig?

Eine ähnliche Problematik ergibt sich für Menschen, die einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch nehmen könnten. Nach altem System zahlen die Kassen in Pflegestufe 1 für solche Sachleistungen 468 Euro. Beim Wechsel in den Pflegegrad 2 im neuen Jahr werden es dann 689 Euro. Stellen die Betroffenen aber erst 2017 einen Antrag bei der Pflegekasse, erhalten sie aller Voraussicht nach wieder nur den Pflegegrad 1 mit 125 Euro. Das betrifft diesen Angaben zufolge schätzungsweise rund 50.000 Menschen.

Wie sieht es bei der Pflege in Heimen aus?

Heute zahlt die Pflegekasse für einen Pflegebedürftigen der Stufe 1 mit körperlichen Einschränkungen im Heim monatlich 1064 Euro. Ab 2017 sind das nur noch 770 Euro. Zusätzlich tragen Heimbewohner einen Eigenanteil an den Pflegekosten. Für die Menschen, die schon nach dem alten System Leistungen erhalten, wird im neuen Jahr die Differenz zum neuen Eigenanteil von der Pflegekasse getragen. Der Eigenanteil des Pflegebedürftigen bleibt also gleich. Für Neuanträge im neuen Jahr erhöht sich dagegen entsprechend der Eigenanteil.

Die Leistungen der Pflegekasse sinken bei dieser sogenannten vollstationären Pflege auch in Stufe 2 bei körperlichen Einschränkungen. Bisher zahlt sie hier 1330 Euro. Von 2017 an sind es 1262 Euro.

„Das Personal in den Heimen arbeitet aber heute schon am Limit“, sagt dazu Monika Gaier, Altenpflegespezialistin und Chefredakteurin beim Vincentz-Netzwerk. Tatsächlich fürchten die Befragten, dass die fachlichen Anforderungen steigen werden und, dass dies den schon bestehenden Fachkräftemangel in der Altenpflege weiter verschärfen wird.

Diese Ängste seien alles andere als aus der Luft gegriffen, meint Christel Bienstein, Vorsitzende des Berufsverbands für Pflegeberufe. „Schon heute kommen in der Nacht auf einen Betreuer im Heim im Durchschnitt 52 Pflegebedürftige.“ Die meisten Hygiene-Probleme bei Patienten gebe es aber in der Nacht. Würden sie nicht angemessen behandelt, drohten Druck- und Liegegeschwüre. „Schon heute reicht das Personal nicht, Sterbende angemessen zu begleiten.“

Kommentare (2)

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Herr Bernd Schüßler

19.01.2017, 12:10 Uhr

Den Artikel kann ich nur bestätigen. Ich habe als Unternehmensberater kürzlich ein Studie zum Thema "Marketing für ambulante Pflegedienste" erstellt und dazu rund 20 ambulante Pflegedienste ausführlich interviewt. Eigentlich sollte es nur darum gehen, herauszufinden, durch welche Marketingmaßnahmen ambulante Pflegedienste neue Klienten akquirieren können,durch verschiedenste Marketingmaßnahmen und indem sie z.B. ihre Kundenorientierung verbessern.
Die Studie ging von Nov. 2015 bis Jan. 2016 und es zeigte sich: viele Pflegedienste benutzen ihre Marketingmaßnahmen zwar auch noch zur Kundenakquise, doch in immer stärkeren Maße auch für Mitarbeitergewinnung. Ein Satz wie "Unser Wachstum ist nicht begrenzt durch einen Mangel an neuen Patienten, sondern durch die Akquise von neuen Mitarbeitern. Wir versuchen diese jetzt verstärkt auch aus Pflegeheimen abzuwerben" war typisch.
Es gibt immer mehr einen Qualitätswettbewerb unter Pflegeanbietern - und einen Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte, was stark verbunden ist mit dem Thema Kundenorientierung und Kundenzufriedenheit. Denn zufriedene Kunden sorgen oft auch für zufriedene Mitarbeiter. Wenn Mitarbeiter Zeit für ihre Arbeit haben, sind beide zufrieden. Und genau dies ist ein Argument, damit Pflegekräfte aus Pflegeheimen zu ambulanten Pflegediensten wechseln.
Bernd Schüßler
www.berndschuessler.de
Unternehmensberater aus Freiburg im Breisgau

Account gelöscht!

19.01.2017, 12:40 Uhr

"Herr Fritz Porters - 18.11.2016, 11:43 Uhr

@ Herr Hoffmann

ich habe nicht diesen enormen politischen Sachverstand wie Sie, aber die von Ihnen beschriebene "Grünen-Sozialistischen Vernichtungspolitik".... ist das sowas wie ein "Gemüseauflauf"? :-D
Herrlich, die Kommentare sind echt Comedy... einige Artikel im HB sind echt besorgniserregend, aber die Kommentare können einem das Lachen zurückzaubern. Danke ...muss weiter arbeiten...aber nachher schaue ich noch mal in die Kommentare...will doch auch später noch was zu schmunzeln haben..."

"Herr Fritz Porters23.12.2016, 12:25 Uhr
Liebe komödiantische Kommentatorengemeinde,

es ist mal wieder ein Fest wie lustig hier kommentiert wird ...was wäre mein Tag ohne diese wunderbaren Geistesblitze, die hier gepostet werden. Herrlich :-)"


@Porters

VIELEN DANK Herr Porters,
es ist wirklich ein immenser Zeitaufwand, von morgens bis abends zu jedem Artikel so witzige Kommentare zu schreiben.
Bei manchen Artikeln sogar mehrere.
Schön das Sie das zu schätzen wissen.

Aber die Ehre gebührt nicht mir alleine. An den Comedy-Kommentaren sind noch weitere Leute beteiligt die auch gewürdigt sein wollen:
Paff, von Horn, Vinci Queri, Delli, Bollmohr, Caruso, Mücke, Eibel,Ebsel, Dirnberger,Trautmann....

ohne sie wäre ich hier sehr einsam !

Aber besonders erwähnen möchte einen, der wirklich den ganzen Tag, und damit meine ich von morgens bis abends, aber auch wirklich jeden Artikel kommentiert (er ist fleisiger als ich), und auch die meisten Artikel mehrmals kommentiert.....

das ist unser geliebter

SPIEGEL

Danke

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