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20.01.2016

18:38 Uhr

Pharmadialog

Krankenkassen warnen vor Kostenschock bei Arzneien

VonPeter Thelen

Unter den Krankenkassen geht die Angst um: Sie fürchten, dass sich die Bundesregierung von der Pharmaindustrie zu weiteren teuren Reformen überreden lässt. Das könnte den nächsten Kostenschock nach sich ziehen.

Aus Sicht der Krankenkassen ist daher völlig klar, was im Arzneimittelneuordnungsgesetz 2.0. vor allem stehen muss. dpa

Arzneimittel

Aus Sicht der Krankenkassen ist daher völlig klar, was im Arzneimittelneuordnungsgesetz 2.0. vor allem stehen muss.

BerlinDas Szenario ist düster. Auch ohne weitere kostentreibende Gesetze, drohen diese zum 1. Januar um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent im Durchschnitt angestiegenen Zusatzbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung schnell weiter zu steigen. Um jährlich 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte, rechnete am Mittwoch der Vorsitzende des Verbands der Ersatzkrankenkassen Christian Zahn vor. Käme es so, läge bereits 2020 der durchschnittliche Zusatzbeitrag bei zwei Prozent und der durchschnittliche Gesamtbeitragssatz bei 17,7 Prozent. Die teuersten Kassen – der derzeit geforderte Höchstbeitrag liegt schon bei 16,3 Prozent, dürften dann bereits fast so viel kosten wie die Mitgliedschaft in der Deutschen Rentenversicherung (18,7 Prozent). Eine Ursache ist die aktuelle Gesundheitspolitik der Bundesregierung. Allein ihre Reformen, so führte Zahn weiter aus, würden die Krankenkassen bis Ende 2020 mit zusätzlich 16 Milliarden Euro belasten.

Doch damit nicht genug. Es droht neues Ungemach und zwar bei den Arzneimittelausgaben: Nach den Sparreformen unter der schwarz-gelben Koalition im Arzneimittelbereich führt die Bundesregierung nämlich bereits seit einigen Monaten einen Dialog mit der Arzneimittelindustrie. Beteiligt sind Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und Forschungsministerin Johanna Wanka. Am Donnerstag dieser Woche kommt man erneut zusammen. Ziel dieses Pharmadialogs ist es den deutschen Pharmastandort zu stärken. Und weil das so ist, waren die Krankenkassen bisher auch nur bei einer einzigen Verhandlungsrunde mit am Tisch.

Zusatzbeiträge Krankenversicherer 2016

Knappschaft

1,42 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,3 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,9 Prozent

AOK Niedersachsen

1,79 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,4 Prozent

AOK Nordwest

1,96 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015:15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,1 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,7 Prozent

AOK Rheinland/Hamburg

2,04 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,4 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 16,0 Prozent

AOK Plus

2,29 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,3 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 14,9 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 0,3 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 14,9 Prozent

IKK Classic

2,6 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,4 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 16,0 Prozent

AOK Baden-Württemberg

3,046 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,0 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,6 Prozent

AOK Bayern

3,33 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,1 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,7 Prozent

DAK

4,89 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,5 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 16,1 Prozent

Barmer GEK

6,7 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,9 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,5 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,1 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,7 Prozent

Techniker Krankenkasse

6,87 Millionen Mitglieder

Grundbeitrag: 14,6 Prozent des Arbeitsentgelts
Zusatzbeitrag 2015: 0,8 Prozent
Gesamtbeitrag 2015: 15,4 Prozent

Zusatzbeitrag 2016: 1,0 Prozent
Gesamtbeitrag 2016: 15,6 Prozent

Quelle

Unternehmen

Genau deshalb geht unter den Krankenkassen daher zurzeit die Angst um, die Bundesregierung könnte sich in diesem Dialog zu weiteren kostspieligen Reformen überreden lassen, nur um der wichtigen Branche einen Gefallen zu tun. „Dies ist nicht die Zeit für neue Geschenke an die Pharmaindustrie“, warnte daher gestern die Vorstandschefin des Ersatzkassenverbands, Ulrike Elsner, zu dem Marktführer unter den Krankenkassen wie die Barmer GEK oder die Technikerkrankenkasse gehören. „Was wir brauchen sind ganz im Gegenteil neue Spargesetze. „Wir brauchen ein Arzneimittelneuordnungsgesetz 2.0.“

Mit dem ersten Arzneimittelneuordnungsgesetz, kurz AMNOG genannt, hatte die schwarz-gelbe Koalition erstmals auch für Deutschland eine Nutzenbewertung von Medikamenten eingeführt. Seit 2011 wird jedes neue zugelassene Mitte binnen eines Jahres darauf untersucht, ob es besser hilft als ältere Medikamente gegen die gleiche Krankheit. Hat es keinen Zusatznutzen, darf es nicht teurer angeboten werden, als vergleichbare ältere Medikamente. Gibt es einen Zusatznutzen, handeln Hersteller und Spitzenverband der Krankenkassen einen Preis aus. 600 Millionen Euro hat das die Krankenkassen seither gespart. Eigentlich hätten es aber zwei Milliarden Euro sein sollen.

Dieses Ziel aber wurde nicht erreicht, weil das Reformgesetz nachträglich verwässert wurde. Ursprünglich war geplant gewesen, schrittweise auch alle älteren noch unter Patentschutz liegenden Medikamente auf ihren Nutzen zu prüfen und gegebenenfalls ihre Erstattungspreise auf dem Verhandlungsweg zu senken. Dies unterblieb dann aber, weil die technische Abwicklung angeblich das für die Nutzenbewertung zuständige Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) und den Gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen überfordert hätte. Gleichwohl wurde 2014 der Zwangsrabatt, den die Hersteller patentgeschützter Mittel den Krankenkassen gewähren müssen, deutlich gesenkt. Die Folgen: Die Arzneimittelausgaben stiegen bereits 2014 sprunghaft um zehn Prozent auf 33,4 Milliarden Euro. Für dieses Jahr wird ein weiterer Anstieg auf dann 35 Milliarden Euro erwartet. Medikamente kosten die Beitragszahler damit heute wieder mehr als die gesamte ambulante ärztliche Versorgung.

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