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18.08.2014

15:12 Uhr

Piloten schlagen Alarm

Ticketsteuer bedroht deutsche Luftfahrt

VonDietmar Neuerer

ExklusivKoalitionspolitiker machen sich für ein Ende der Luftverkehrssteuer stark. Doch Schäuble zieht nicht mit. Ein Fehler, sagt die Pilotenvereinigung Cockpit. Sie sieht die Zukunft der deutschen Luftfahrt auf dem Spiel.

Eine Reisende entnimmt ihr Flugticket einem Check-in-Automaten. Die Gewerkschaften machen gegen die Ticketsteuer mobil. dpa

Eine Reisende entnimmt ihr Flugticket einem Check-in-Automaten. Die Gewerkschaften machen gegen die Ticketsteuer mobil.

BerlinDie Pilotenvereinigung Cockpit bangt angesichts der Luftverkehrssteuer und anderer Belastungen um die Zukunft der deutschen Luftfahrtunternehmen. „Wenn die deutsche Luftverkehrswirtschaft eine Chance im hart umkämpften internationalen Wettbewerb haben will, dann darf es zu den Standortnachteilen, die sowieso schon vorhanden sind, keine weiteren Bremsklötze für die deutschen Unternehmen geben, ansonsten bleiben sie bald alle am Boden“, sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg Handelsblatt Online.

Er begrüße daher den Vorstoß der Koalition, die „wettbewerbsverzerrende und geschäftsschädigende“ auch Ticketsteuer genannte Luftverkehrssteuer abzuschaffen. „Eine Abschaffung ist angesichts der offensichtlich schwierigen Lage der Branche überfällig. Die negativen Effekte sind eindeutig.“

Handwerg äußerte vor diesem Hintergrund scharfe Kritik an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der eine Abschaffung der Steuer ablehne, obwohl es doch parteiübergreifend schon seit Jahren die Erkenntnis gebe, dass die Luftverkehrssteuer deutsche Unternehmen schädige und somit Arbeitsplätze gefährde. Aktuell könne man etwa am Einstieg des Air-Berlin-Aktionärs Etihad bei der angeschlagenen Alitalia oder am Etihad-Engagement bei Air Berlin beobachten wie die europäische Luftfahrt zunehmend von Unternehmen aus der Golfregion aufgekauft werde, „die durch subventionsähnliche Stützung ihrer Staaten bereits deutliche Vorteile genießen“, gab der Cockpit-Sprecher zu bedenken.

Die drei großen Airlines vom Golf

Newcomer in der Luftfahrt

Vor allem die Golf-Airlines Emirates, Etihad und Qatar Airways mischen das weltweite Luftfahrtgeschäft auf. Sie zählen zu den Großkunden der Flugzeughersteller Airbus und Boeing.

Emirates mit großer Marktmacht

Schlagzeilen macht vor allem Emirates, die rasant wachsende Airline aus dem Golf-Emirat Dubai. Sie schreckt europäische Konkurrenten wie die Lufthansa auf und spielt auch gegenüber den Flugzeugbauern ihre Marktmacht aus. Emirates ist der weltweit größte Betreiber der Großraumjets Airbus A380 und Boeing 777. Erst im vergangenen Jahr hatte die Gesellschaft ihre Bestellungen für den Superjumbo A380 von 90 auf 140 Maschinen aufgestockt.

Dubai soll zum Weltumsteige-Flughafen werden

Geführt wird die Airline vom Briten Tim Clark, das uneingeschränkte Sagen hat jedoch Scheich Ahmed bin Saeed Al-Maktoum, der zugleich Chef des Flughafens und der Luftfahrtbehörde ist. Er treibt seit Jahren seine Pläne voran, Emirates zur führenden Airline und Dubai zum Weltumsteige-Flughafen zwischen Europa und Asien zu machen. Nach Angaben der Gruppe lag der Jahresumsatz zuletzt bei knapp 24 Milliarden Dollar (rund 18 Milliarden Euro).

Etihad startete auf königlichen Erlass

2003 hob Etihad, die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate, erstmals ab – auf königlichen Erlass. Der Rivale der großen Emirates zählt zu den schnell wachsenden Golf-Airlines. Noch ist die Flotte mit Drehkreuz in Abu Dhabi mit 72 Flugzeugen halb so groß wie die der Air Berlin, schon in sechs Jahren sollen es aber 158 Maschinen sein.

Kräftiges Passagierplus

2013 beförderte Etihad knapp 12 Millionen Passagiere, ein Plus von 16 Prozent. Das wirkt gegen die 31,5 Millionen der Beteiligung Air Berlin auch deshalb bescheiden, weil bei Etihad lange Strecken dominieren. Die knapp 11.000 Beschäftigten erwirtschafteten 2013 6,1 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Qatar Airways Erstkunde bei der A350

Qatar Airways aus dem Emirat Katar komplettiert das Trio vom Golf. Die Fluggesellschaft wurde 1993 gegründet, ebenfalls auf Betreiben der Herrscherfamilie. Die Airline ist Großkunde bei Airbus und Boeing und hat nach eigenen Angaben 280 Flugzeuge bestellt. Beim neuen Airbus-Mittelstreckenjet A350 ist Qatar Airways Erstkunde.

Kritik wegen Arbeitsbedingungen

Zuletzt wurde Qatar Airways wegen der Arbeitsbedingungen kritisiert. Unter anderem wird der Arline vorgeworfen, dass seine überwiegend ausländischen Mitarbeiter unter Aufsicht in Gemeinschaftsunterkünften wohnen und eine Sperrstunde einhalten müssen. Außerdem dürfen sie demnach in den ersten fünf Jahren ihrer Firmenzugehörigkeit nicht heiraten, Schwangerschaften sind ein sofortiger Kündigungsgrund.

Die europäischen und insbesondere die deutschen Luftfahrtunternehmen würden es daher „zunehmend schwerer haben eigenständig und somit selbstbestimmt zu überleben“, sagte Handwerg weiter. „Deshalb wäre es eigentlich notwendig, wie es in anderen Branchen üblich ist die Wirtschaft zu unterstützen, um besser mit Unternehmen die keine Sozialstandards kennen, zu konkurrieren“.

Offensichtlich werde aber „die Brisanz und Dynamik nicht gesehen oder es wird zur Erreichung der Haushaltsziele schlicht in Kauf genommen, dass man dies auf Kosten der Substanz und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Luftfahrtindustrie tut“. Da man an anderen Stellen bereits „Milliardengeschenke“ verteile, sei das Argument der Haushaltsdisziplin jedenfalls inzwischen auch „als nicht glaubhaft entlarvt“.

Der Cockpit-Sprecher sieht darüber hinaus weitere problematische Entwicklungen. „Standortnachteile gibt es in Deutschland schon alleine aufgrund des Nachtflugverbotes an vielen Flughäfen, aufgrund der hohen Infrastrukturkosten und natürlich auch aufgrund der Sozialsysteme, die wir natürlich alle für gut und richtig befinden, trotzdem stellen sie eine Belastung für Unternehmen dar, die es in anderen Teilen der Welt so nicht gibt“, sagte Handwerg. Zudem seien Genehmigungsverfahren für weiteres Wachstum in Deutschland „extrem schwierig“ aufgrund der langen Prozesse und der, zwar von wenigen betriebenen, dafür aber umso vehementer vertretenen, Partikularinteressen.

Kommentare (6)

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Herr Theo Gantenbein

18.08.2014, 16:28 Uhr

Schäuble ist der schlimmste Feind des Steuerzahlers. Aber die Leute haben ihn gewählt, also wollen sie es so.

Ich bin daher für eine Verdreifachung der Ticketsteuer und eine Anhebung der MWST auf 25%!

M. Schmitz

18.08.2014, 16:37 Uhr

Altes Thema! Auf die Steuereinnahmen kann die Regierung garnicht verzichten! Dann kommt eben die Kerosinsteuer! Naiv, wer glaubt dadurch würden mehr Leute fliegen! Die nationalen Fluggastzahlen sind stabil, weltweit ist Deutschland geografisch nicht unbedingt immer ideal. Da nutzt auch die Abschaffung einer Steuer nix!!!

M. Schmitz

18.08.2014, 16:42 Uhr

Altes Thema! Auf die Steuereinnahmen kann die Regierung garnicht verzichten. Dann kommt eben die Kerosinsteuer! Dies wäre gegenüber den PKW Fahrern und der Bahn gegenüber gerechter und würde den Wettbewerbsnachteil von Bus und Bahn ausräumen! Naiv, wer glaubt dadurch würde mehr geflogen werden! Die nationalen Fluggastzahlen sind seit Jahren stabil. International, handelt es sich in Deutschland eher um einen geografischen Nachteil - dies wird man aber durch die Abschaffung einer Steuer nicht korrigieren können!

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