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13.05.2012

20:11 Uhr

Piraten im Aufwind

„Morgen ist der Bundestag dran“

VonJan Mallien

Mit großer Euphorie feiern die Piraten ihr Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen in einer alten Fabrikhalle. Dabei legen sie alle Bescheidenheit ab. Und das nächste große Ziel ist schon klar.

Anhänger der Piratenpartei jubeln in Düsseldorf nach Bekanntgabe der ersten Prognose zur Landtagswahl in NRW. dpa

Anhänger der Piratenpartei jubeln in Düsseldorf nach Bekanntgabe der ersten Prognose zur Landtagswahl in NRW.

DüsseldorfSchon vor der Verkündung des Wahlergebnisses bereitet das Organisationsteam der Piraten die Gäste der Wahlparty auf die erste Hochrechnung vor. „Wir müssen den anderen zeigen, dass wir die geilsten überhaupt sind,“ ruft ein Pirat von der Bühne in den Saal. Deshalb sollen alle Gäste um 18 Uhr, wenn die Fernsehteams ihre Live-Schalte zum Parteitag machen, sich am Balken vor der Bühne versammeln.

Während die meisten Piraten draußen grillen, sind im Partysaal zunächst mehr Journalisten als Piraten. Doch je näher die erste Hochrechnung rückt, desto mehr Piraten drängen sich vor der Bühne. Neben ihr prangt ein großes schwarzes Plakat mit einem Piratenschiff und dem Slogan „Sailling through political Hell“. Große silberne Rohre an der Decke zeugen davon, dass der Saal hier im Zakk in Düsseldorf früher eine Fabrikhalle war. 

Viele Gäste haben sich für den Abend in orange und schwarz - den Farben der Piraten – gekleidet. Ein Mann trägt einen schwarzen Anzug mit orangem Hemd und schwarzer Krawatte. Ein anderer hat sich die Haare orange gefärbt. Die exotischsten Exemplare posieren schon vor den Kameras. Zum Beispiel ein Pirat mit einem Hanf T-Shirt und Rastalocken.

Dann ist es soweit. Lauter Jubel setzt ein, die Gäste reißen die Arme in die Luft, und orange Luftballons fliegen durch die Luft. Auf der Leinwand erscheint das Ergebnis der Piraten. Mit rund acht Prozent der Stimmen zieht die noch so junge Partei locker in den Landtag ein, der dritte in Folge. Der Jubel ist groß, doch bei manchen beginnt nun ein kurzes Bangen.

„Oh, das wird knapp,“ ist die erste Reaktion von Robert Stein. Der 33-jährige Unternehmer  kandidiert auf dem 15. Listenplatz. Damit er sicher in den Landtag kommt, müssen die Piraten fast acht Prozent erreichen. Je nachdem, wie viele Direktmandate die SPD bekommt. Stein will noch nicht ganz glauben, dass er es geschafft hat.

Als der Landesvorsitzende Michele Marsching auf die Bühne ans Mikro tritt, hat er feuchte Augen. Er bedankt sich für einen „geilen Wahlkampf.“  „Wir haben heute Geschichte geschrieben,“ ruft Marsching in den Saal.  Vor zwei Jahren habe es niemand für möglich gehalten, dass es den Piraten gelingen würde, in den Landtag einzuziehen.

Auch der Spitzenkandidat der Piraten, Joachim Paul, legt auf der Bühne jegliche Zurückhaltung ab. „Die Zukunft der Demokratie liegt in Nordrhein-Westfalen,“ ruft er und setzt im nächsten Satz noch einen drauf. „Morgen ist der Bundestag dran.“ Die Wählerinnen und Wähler hätten bestellt, ab morgen werde geliefert. Dann bittet Paul alle Kandidaten auf die Bühne. Dort heben sie ihre Hände für eine La Ola und lassen sich feiern.

Auch Robert Stein ist auf der Bühne. Inzwischen hat sich die Anspannung bei ihm schon etwas gelegt. Es dauert nicht mehr lange bis auch er die Gewissheit hat, dass er im nächsten Landtag vertreten ist.

Das Programm der Piraten

Finanzen

Im Programm tauchen weder Schuldenbremse noch Staatsverschuldung auf. Auch eine Steuerpolitik fehlt.

Grundeinkommen

Unklar ist, wie die Piraten das „bedingungslose Grundeinkommen“ finanzieren wollen. Detaillierte Pläne gibt es nicht. Nur die Überzeugung, dass „die überwältigende Mehrheit der Menschen eine sichere Existenz als Grundlage für die Entfaltung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Potenziale nutzen“ und nicht faulenzen werde.

Verkehr

Die Partei will „die Machbarkeit eines fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehrs“ analysieren – Pilotprojekte „in kleineren und mittelgroßen Städten“ sollen im Erfolgsfall bundesweit ausgedehnt werden.

Wirtschaft

Keine Pläne, denn auf dem Bundesparteitag 2011 wurde das Thema vertagt – zugunsten der Drogenpolitik.

Urheberrecht

Da die Kopierbarkeit im Netz technisch ohnehin kaum zu begrenzen sei, fordern die Piraten eine Legalisierung. Nach dem massiven Protest vor allem der Künstler wollen sie nun mit Betroffenen nach einem modernen Urheberrecht suchen, das die Verwerter schwächt und die Urheber stärkt. Als Vorbild gelten die neuen Lizenzvereinbarungen von Bitkom und Gema.

IHK

Keine Zwangsmitgliedschaft von Unternehmen.

Im Unterschied zu Robert Stein war ein anderer Pirat schon vor der Verkündung des Wahlergebnisses ganz relaxt. Für den Wahlmanager der Piratenpartei, Lukas Lamla, war es heute der erste Tag seit ganz langer Zeit, an dem er ruhig schlafen konnte. Der 28-jährige Berufsfeuerwehrmann hat den Wahlkampf der Piraten organisiert und war dafür zwei Monate im Dauereinsatz. Umso erleichterter war er schon heute Nachmittag. „Heute bin ich mit dem Gefühl aufgewacht, dass ich am Ergebnis nichts mehr ändern kann. Das war sehr beruhigend.“

Kommentare (4)

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Mazi

13.05.2012, 21:29 Uhr

Glückwunsch an die PIRATEN. Sie reiten im Augenblick auf einer Glückswelle, für die sie selbst am wenigsten können.

In meinem Augen sind die Piraten aber einer der Verlierer der Wahl. Die anfänglichen Erfolge, die Aktivierung der früheren Nichtwähler ist Ihnen nicht gelungen. Gerade in diesem Bereich hätten sie Punkten können.

Die Kandidatenkür, die Beschäftigung mit dem Wahlprogramm hat viele unentschlossene Wähler vom Urnengang abgehalten. Das Profil war Stumpf geworden. Das Wahlvolk hat bei den Piraten scheinbar den gleichen Sumpf ausgemacht, den man schon von den anderen Parteien kennt.

So schnell der Aufstieg der Piraten erfolgte, den Abstieg erwarte ich noch viel schneller. Es mangelt ihnen an Stammwählern, die der Partei alles verzeihen. Mein Tipp für die Bundestagswahl: < 5%

Stappel

13.05.2012, 22:56 Uhr

Ist es nicht der vierte Landtag in Folge?

WalterVogel

14.05.2012, 09:24 Uhr

Das ist ja leider eine sehr tendenziöse Berichterstattung. Das Programm sollte sich der Autor auch noch einmal durchlesen, da steht deutlich mehr und deutlich sinnvolleres, als das Handelsblatt einem hier glauben machen will. Es spricht eher die Angst vor diesem unverstandenen Phänomen aus dem Artikel und die ist begründet: Die Freiheit wird sich durchsetzen und ist in unserem demokratischen Land zum Glück nicht so leicht aufzuhalten.

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