Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.01.2013

13:44 Uhr

Piratin Julia Probst

Die Lippenleserin

Für Julia Probst war das Internet eine Revolution. Als Gehörlose gab es ihr neue Möglichkeiten der Kommunikation. Nun will sie eine eigene Revolution wagen und als erste gehörlose Abgeordnete in den Bundestag einziehen.

Die Bloggerin Julia Probst will für die Piraten in den Bundestag einziehen. Das wäre eine Neuerung: Sie wäre die erste gehörlose Abgeordnete. dpa

Die Bloggerin Julia Probst will für die Piraten in den Bundestag einziehen. Das wäre eine Neuerung: Sie wäre die erste gehörlose Abgeordnete.

BerlinJulia Probst kann Angela Merkel ihre Forderungen von den Lippen ablesen. Ihre eigenen Wünsche im Parlament äußern kann sie bislang nicht. Das soll sich 2013 aber ändern. Dann will Julia Probst für die Piratenpartei in den Bundestag einziehen – als erste Gehörlose in Deutschland. Den rund 80 000 Deutschen ohne Gehör möchte die 31-Jährige damit eine Stimme geben.

Probst wurde im September von den Piraten in Baden-Württemberg auf Landeslistenplatz drei gewählt. Mit ihr will die Partei wieder über die Fünf-Prozent-Hürde kommen. „Die würden mir reichen, dann wäre ich direkt dabei.“ Auf ihrer Agenda stehen Themen, die Menschen mit Behinderung helfen sollen – etwa die Einführung eines SMS-Notrufs für Gehörlose und Stotternde oder die Befreiung von GEZ-Gebühren für Blinde und Schwerhörige.

Die Kernpunkte im Programm der Piraten

WIRTSCHAFT

Die Piraten wollen eine „Ordnung, die sowohl freiheitlich als auch gerecht als auch nachhaltig gestaltet ist“. Die Ausrichtung an Wachstumspolitik wird ebenso wie das Ziel der Vollbeschäftigung als überholt bezeichnet.

ARBEIT

Ein bundesweiter gesetzlicher Mindestlohn wird als Zwischenlösung zu dem mittelfristig angestrebten System einer „bedingungslosen Existenzsicherung“ für alle befürwortet.

RENTE

Rentner sollen nach dem Willen der Piraten eine Mindestrente erhalten. Das bisherige Rentensystem müsse so umgestaltet werden, dass „die Stärkeren sich angemessen mit Beiträgen an der Rentenversicherung beteiligen“. Alle Rentensysteme, auch die Pensionen im öffentlichen Dienst, sollen zu einer Rentenkasse zusammengeführt werden.

WISSENSCHAFT

Die Piraten fordern den freien Zugang zu Forschungsergebnissen aus steuerlich finanzierten Projekten („Open Access“). Die Förderung der Wissenschaft sei „eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht durch kurzsichtige wirtschaftliche Interessen gesteuert werden darf“.

AUSSENPOLITIK

„Leitmotiv des globalen Handelns der Piratenpartei ist das Engagement für Menschenrechte und eine gerechte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.“ In den Grundsätzen zur Außenpolitik wird „die Teilhabe am digitalen Leben“ als „weltweites Gut“ bezeichnet.

EUROPA

Die Piratenpartei will eine gemeinsame europäische Verfassung. Sie fordert eine weitere europäische Integration und eine bessere Bürgerbeteiligung auf europäischer Ebene.

UMWELT

Bei der Umwelt- und Energiepolitik halten die Piraten den Ausstieg aus der Kernenergie binnen drei Jahren für möglich. Grundsätzlich treten sie ein für einen „verantwortungsvollen und generationengerechten Umgang mit den zum allgemeinen Wohlergehen notwendigen Ressourcen immaterieller oder materieller Art“.

JUGENDSCHUTZ

Gefordert wird eine Lockerung des gesetzlichen Jugendschutzes. Die Regelungen seien „zu streng, überbürokratisiert und nicht mehr zeitgemäß“. Es dürfe keinen Missbrauch von Jugendschutzargumenten für Zensurzwecke geben.

LANDWIRTSCHAFT

Die Piraten lehnen die industrielle Massentierhaltung ab. Sie fordern ein Netzwerk gentechnikfreier Regionen. Auch Kleinbetriebe müssten gleichberechtigt an der Produktion teilnehmen können.

TRANSPARENZ

Die Piratenpartei fordert die Offenlegung der Einflussnahme von Interessenverbänden und Lobbyisten auf politische Entscheidungen. Sie tritt dafür ein, das Abgeordnetengesetz an die Anforderungen der UN-Konvention gegen Korruption anzupassen. Die Annahme von Spenden durch Abgeordnete soll untersagt werden.

DATENSCHUTZ

Die Piraten wollen, dass das im internationalen Vergleich hohe deutsche Schutzniveau nicht nur erhalten bleibt, sondern ausgebaut wird - auch nach der Überarbeitung des EU-Datenschutzrechtes.

Probst zählt zu den wenigen Gehörlosen, die nicht in Gebärden, sondern verbal kommunizieren. „Meine Stimme ist nicht perfekt – aber sie ist eben meine Stimme“, sagt Probst. Das gefällt nicht jedem: Nach einem Auftritt in der ZDF-Sendung „Log in“ Ende November beleidigten sie einige Twitter-User wegen ihrer leicht verzerrten Sprechweise. Sie spielte mit dem Gedanken, sich wieder zurückzuziehen. Probst wurde daraufhin auf Twitter in „Flausch“ gepackt – so bezeichnen die Piraten nette und aufbauende Kommentare. Führende Piraten wie der politische Geschäftsführer Johannes Ponader stellten sich hinter sie.

Dabei ist das Internet gerade das Werkzeug, das für viele Gehörlose eine „Revolution“ gewesen sei, sagt Probst. Sie selbst wurde durch Twitter einem breiteren Publikum bekannt. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 las sie den deutschen Spielern ihre Flüche von den Lippen ab und twitterte sie. Begeisterte Fans folgten ihr – bis heute hat Probsts Account „EinAugenschmaus“ mehr als 23 000 „Follower“.

„Ohne Social Media wäre ich nicht so weit gekommen“, sagt die Gehörlose. Plötzlich konnte sie ihre Meinung für alle verständlich mitteilen. Sie wurde so bekannt, dass sich Twitter-Erfinder Jack Dorsey mit ihr zum Abendessen traf.

Lippenlesen konnte Probst schon als Kind. Auf einer normalen Schule in ihrem Heimatstädtchen im Kreis Neu-Ulm perfektionierte sie es dann. Die Gebärdensprache lernte sie erst mit 17. Nicht viele Gehörlose können auf hohem Niveau von den Lippen ablesen. Politische Debatten seien für Menschen ohne Gehör deshalb nur schwer nachzuverfolgen – vor allem auch, weil die Debatten bisher nicht mit Untertiteln oder in Gebärdensprache angeboten werden, sagt Probst. Niemand habe in Themen wie der Eurokrise mehr einen Durchblick – wie sollen das dann Gehörlose verstehen, wenn es ihnen niemand erklärt?

Zur Politik kam sie ausgerechnet durch CSU-Chef Horst Seehofer. Dass er den Fiskalpakt für mehr Haushaltshilfe mit Gegenleistungen bei der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen verknüpfte, hat sie erbost. Seitdem ist Probst aktive Piratin. Ihre Vorbilder sind US-Präsident Barack Obama und Martin Zierold, der als gehörloser Grünen-Politiker im Bezirksparlament in Berlin-Mitte sitzt.

Von

dpa

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kah7

05.01.2013, 13:59 Uhr

Hoffentlich hat sie erfolg! Sie wäre eine Bereicherung fuer die Politik!!

sehe_ich_anders

05.01.2013, 14:33 Uhr

Auf ihrer Agenda stehen Themen, die Menschen mit Behinderung helfen sollen – etwa die Einführung eines SMS-Notrufs für Gehörlose und Stotternde oder die Befreiung von GEZ-Gebühren für Blinde und Schwerhörige.


...mit allem Respekt der Person gegenüber, aber ich glaube, es gibt noch andere Themen, die dem Gemeinwohl gerade jetzt wesentlich zuträglicher wären und die scheinbar nicht auf ihrer Agenda stehen. Sie ist 31 und Blogger....für mich nicht unbedingt eine Qualifikation, um in den Bundestag einziehen zu können.
Was natürlich nicht bedeutet, dass man sich ihre Argumente nicht anhören sollte, doch deshalb direkt in den BT?
Es ist genau dieser Mechanismus, warum wir jetzt soviele unterqualifizierte Menschen am Ruder haben.

aletheia53

05.01.2013, 15:02 Uhr

Qualifizierte im Bundestag haben wir viele, die Frage ist nur, über welche Qualifikationen die MdBs verfügen. So was wichtiges wie Fußball gehört sicher dazu (siehe Anzahl der Abstimmenden im Bundestag während des WM-Spiels gegen Italien!!) Ob die meisten MdBs die Komplexität des wirtschatflichen Problems und die Verbindung mit der Währung verstanden haben, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist es deshalb gut, wenn jetzt jemand dazukäme, der dem Problem der Teilhabe an diesen Diskussionen für die Menschen ein Gesicht gäbe, die sich nicht so einfach an den verbalen Diskussionen beteiligen können. Sie sehen, Ihre Bemerkung ist vielleicht etwas "unelegant", denn die Qualifikationsfrage (wofür haben Sie auch nicht ausgeführt) wurde bisher nicht gestellt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×