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27.02.2011

14:02 Uhr

Plagiats-Affäre

Wissenschaftler wütend über Guttenberg

"Betrüger", "Dreistigkeit ohnegleichen": In der Plagiats-Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg melden sich immer mehr Wissenschaftler zu Wort. Sie sehen sich betrogen. Derweil sinkt Guttenberg in der Gunst der Wähler.

Anti-Guttenberg-Demo am Samstag in Berlin: „Betrug ist keine Fußnote“. Quelle: dapd

Anti-Guttenberg-Demo am Samstag in Berlin: „Betrug ist keine Fußnote“.

BerlinNach den Rücktrittsforderungen aus der Opposition schlägt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nun auch heftige Kritik aus der Wissenschaft in der Plagiatsaffäre entgegen. „Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat“, sagte der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater an der Uni Bayreuth, Oliver Lepsius.

Der langjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, betonte, Plagiarismus in der Wissenschaft sei kein Kavaliersdelikt. Als erster Unionspolitiker äußerte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer offen Zweifel, ob der CSU-Politiker die Affäre überstehen wird. „Ich weiß nicht, wie lange er das erträgt und aushalten kann“, sagte Böhmer dem „Tagesspiegel am Sonntag“.

Auch im Internet formiert sich der Protest weiter. Eine Gruppe von Doktoranden unterschiedlicher Fakultäten machen ihrem Ärger in einem Offenen Brief an die Kanzlerin Luft. "Bei der Beachtung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis geht es nicht um ,Fußnoten', nicht um Kinkerlitzchen, die angesichts größerer politischer Probleme vernachlässigenswert sind", heißt es darin. "Es geht um die Grundlagen unseres Arbeitens und Vertrauenswürdigkeit."

Unterdessen hinterlässt die Affäre auch spüren in Guttenbergs Popularität: 46 Prozent der Bundesbürger halten Guttenberg zwar weiter für kanzlertauglich, ergab eine TNS-Emnid-Umfrage für das Magazin „Focus“. Aber fast genauso viele (45 Prozent) meinen, er eigne sich nicht mehr dafür. Laut ZDF-„Politbarometer“ vom Freitag waren 60 Prozent überzeugt, dass Guttenberg noch für höchste Ämter in Frage kommt, 35 Prozent sagten Nein. Zwei Drittel in der „Focus“-Umfrage wollen, dass Guttenberg Minister bleibt. Im „Politbarometer“ hatten sich drei Viertel gegen einen Rücktritt ausgesprochen. Nach einer Emnid-Umfrage für die „Bild am Sonntag“ hoffen 72 Prozent, dass Guttenberg im Amt bleibt.
Inzwischen sind aber 46 Prozent der Meinung, der Minister sei ein Schummler - 47 Prozent sehen das nicht so.

Jura-Professor Lepsius warf Guttenberg in der „Süddeutschen Zeitung“ vor, unter Realitätsverlust zu leiden. „Er kompiliert planmäßig und systematisch die Plagiate, und er behauptet, nicht zu wissen, was er tut.“ DFG-Präsident Matthias Kleiner warnte vor der Verharmlosung von Plagiaten. Wissenschaftler teilten ihre Ideen und Erkenntnisse, „aber sie entwenden sie nicht“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Kleiners Amtsvorgänger Winnacker riet Guttenberg im „Spiegel“, sich zu überlegen, ob er sich noch vor seine Soldaten oder die Studenten der Bundeswehrhochschulen stellen und von Tugenden sprechen könne. „Leute, die so etwas machen, sind in der Wissenschaft erledigt.“ Für die Vorgänge um Guttenbergs Doktorarbeit gebe es weder für den Minister noch für die zuständige Kommission der Uni Bayreuth eine Entschuldigung.

Kommentare (77)

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27.02.2011, 14:53 Uhr

Herrschaften, gemach! Abgesehen von den Fragen um die Dissertation des Herrn zG besteht kein Zweifel, daß da jemand sehr tief geschürft hat, um den unbequemen politischen Newcomer abzusägen. So ist eben der heutige Politikbetrieb.

Aber: gemessen an denselben Kriterien müßten mindestens die Hälfte aller Doktortitel in D eingezogen werden, wenn nicht mehr. Über Habilitationsarbeiten könnte man diskutieren, aber man würde auch sicher einige renommierte Professoren verlieren.

Der Verfasser weiß wovon er spricht. Er hatte einen Dr.Ing. den er freiwillig (!) und ohne àUßeren Druck zurückgegeben hat, weil ihm das ganze Dissertations-System marode und nicht mehr zeitgemäß erschien. Geschadet hat es ihm nichts in seiner beruflichen Laufbahn.

Titelsucht ist ein deutsches (und östereichisches) Problem.

Leser1

27.02.2011, 15:20 Uhr

Was die ganze Medien- und Presselandschaft hier veranstaltet, um Guttenberg aus dem Amt zu schreien/schreiben, kotzt eigentlich nur noch an. Das ist alles billigste Polemik und Wählerbeeinflussung. Die bisherige Meinung der Wähler ist Euch wohl nicht genehm. Wie ich finde, eine eigenartige Form von "Demokratieverständnis".

Ach ja, und vielleicht findet sich ja jemand, der mal die Doktortitel unserer anderen Spitzenpolitiker (gerne auch anderer Parteien) oder von Vertretern aus der Pressezunft bis ins Detail auf Echtheit durchleuchtet. Vielleicht gibt es da auch so manche Überraschung...........

Geheimrat

27.02.2011, 15:23 Uhr

@mondahu
Tja, das ist Logik:
es gibt viele Kriminelle, die man fassen müßte,
deshalb kann man den einen, den man erwischt hat , auch laufen lassen.
Das macht den Kohl nicht fett.

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