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20.04.2011

14:25 Uhr

Plagiatsvorwürfe bei Dissertation

Koch-Mehrin könnte Doktortitel verlieren

Die schöne FDP-Europapolitikerin soll mehr als ein Viertel ihrer Dissertation abgeschrieben haben - deswegen kann auch sie ihren Doktortitel verlieren, meint ein Plagiatsforscher. Koch-Mehrin schweigt weiter.

Die FDP-Europapolitikerin soll mehr als ein Viertel ihrer Dissertation abgeschrieben haben. Quelle: dapd

Die FDP-Europapolitikerin soll mehr als ein Viertel ihrer Dissertation abgeschrieben haben.

BerlinDer Münchner Plagiatsexperte Volker Rieble hält den Entzug des Doktortitels für die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin für möglich. „Nach meiner Auffassung reicht es für den Titelentzug“, sagte Rieble dem Berliner „Tagesspiegel“. Es gebe „doch eine ganze Reihe von Stellen, bei denen zitatlos abgeschrieben worden ist und der zitierte Text  zitatpflichtig“ sei, sagte der Arbeitsrechtsprofessor. „Sei  es, dass vielfach wörtliche Fremdtextwiedergabe ohne Anführungszeichen erfolgt, sei es, dass Zitate vergessen wurden oder die intensive Nähe zum Fremdtext nicht belegt wird“. Koch-Mehrin hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Die Entscheidung darüber treffe aber die Heidelberger Fakultät, die dabei einen eigenen Beurteilungs- und Ermessensspielraum habe. Kritik äußerte der Plagiatsforscher an der Anonymität vieler „Jäger“, etwa auf  Internetseiten wie „vroniplag“. „Hier will niemand Verantwortung für die erhobenen Vorwürfe, für die Sorgfalt der Recherche tragen. Das begründet eine erhebliche Waffenungleichheit, bei der die Zielperson, hier Frau Koch-Mehrin, angegriffen wird, aber sich praktisch nicht verteidigen kann“.

In einem Abschlussbericht sei die Online-Plattform „Vroniplag“ zu dem Schluss gekommen, dass die Europaabgeordnete mehr als ein Viertel ihrer Dissertation abgeschrieben und dabei nicht auf die entsprechenden Quellen verwiesen habe, berichtete die „Frankfurter Rundschau“ am Dienstag. Knapp 28 Prozent aller Seiten seien als „sichere Plagiate“ entlarvt worden. Jede verdächtige Stelle sei von mehreren Mitarbeitern der Plattform untersucht worden, sagte ein anonymer Prüfer.

In der untersuchten Dissertation wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht oder nicht hinreichend als Zitat gekennzeichnet wurden“, hieß es in einem am Dienstag im Internet veröffentlichten Bericht zu der Doktorarbeit. „Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate sowie die Tatsache, dass Plagiate über die gesamte Dissertation hinweg zu finden sind, lassen darauf schließen, dass die Textübernahmen kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden.“  

Im Vergleich zur Doktorarbeit von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sei die Qualität aber nicht nur wegen des geringeren Anteils der Plagiate, sondern auch wegen deren Umsetzung ein andere. „Wenn wir das mit der Tour de France vergleichen, dann können wir sagen, dass wir Koch-Mehrin des Dopings überführt haben, während Guttenberg auf einem Motorrad davongefahren ist“, sagte ein Sprecher der Plattform. „Aber Doping führt auch zur Disqualifikation.“  

Die Universität Heidelberg will die Plagiatsvorwürfe gegen die FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin bis spätestens Ende Mai aufklären. Dann werde ein Ergebnis des Promotionsausschusses erwartet, sagte eine Sprecherin am Mittwoch. Die Vorwürfe der Internet-Plattform würden in die unabhängige Prüfung der Universität einbezogen, sagte die Uni-Sprecherin. Bewertet werde die Arbeit aber nach den Kriterien der Wissenschaft. Erhärte sich der Verdacht gegen Koch-Mehrin, werde sie angehört.  

Die Vorwürfe beschäftigen auch die Heidelberger Staatsanwaltschaft. Sie leitete vergangene Woche eine routinemäßige Vorprüfung wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen ein. Nach wie vor gebe es aber keinen Anfangsverdacht gegen Koch-Mehrin, sagte eine Sprecherin. „Es ist noch kein Fall für uns“. Zunächst würden die Ergebnisse der Universität abgewartet.  Koch-Mehrin, die heute Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments ist, hatte ihre Arbeit „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik“ bei der Uni Heidelberg eingereicht und 2001 in einem renommierten Verlag veröffentlicht.

Kommentare (10)

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Petra

20.04.2011, 15:14 Uhr

Wäre sie unschuldig, könnte sie guten Gewissens Stellung nehmen!

trottellumme

20.04.2011, 15:26 Uhr

Vielleicht sollten es unsere lieben Politiker bei der Politik belassen, und sich nicht noch wissenschaftlich profilieren wollen, woméglich mit Hilfe von Ghostwritern. Das wàre wenigstens ehrlich gegenèber denjenigen, welche sich auf ihren Hosenboden setzen und die Doktorarbeit schreiben nach allen Regeln der Kunst.

soso

20.04.2011, 15:30 Uhr

Nun, Koch-Mehrin liegt einfach im Trend. Denn an der Universität Freiburg gibt’s aktuell auch einen Plagiatsfall, es trifft den Chef der Sportmedizin, Dickhut, vgl.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77299726.html

2007 spielte in Freiburg bereits die Dopingaffäre. Anscheinend waren bereits 2007 Verdachtsmomente vorhanden. Offenbar war aber erst die Guttenberg-Affäre der Auslöser dafür, dass die Uni sich an die Sache dranmachte - anscheinend dämmert es der Unileitung allmählich, was Internet bedeutet.

http://www.sueddeutsche.de/sport/freiburger-dopingsumpf-fuenf-statt-drei-1.267178

Und das ist nicht alles. Es empfiehlt sich die Habilitationsschrift (1999) des Präsidenten am Bundesverfassungsgericht Andreas Vosskuhle näher zu betrachten. Denn Vosskuhle unterhält seit 1999 einen Lehrstuhl an der Uni Freiburg. Und Wissenschaftsbetrug zählt dort quasi zum guten Stil. Denn in Freiburg spielte die grösste Fälschungsaffäre in der Geschichte der Deutschen Forschung (Zitat Prof. Winnacker DFG). Winnacker bezeichnete es als einen "Affront gegen die Wissenschaft", dass die Uni Mertelsmann befördert hatte, als bereits Untersuchungen durch die DFG liefen, vgl. google, Suchbegriff: Mertelsmann Winnacker Fälschungsskandal.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=30683

In zahlreichen Internetforen beklagten Wissenschaftler, dass der Vorfall ohne disziplinarische und juristische Folgen für die Täter blieb. Vosskuhle war vor seiner Berufung Rektor in Freiburg und sitzt bis heute im Universitätsrat.

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