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09.03.2016

16:31 Uhr

Plagiatsvorwürfe

Darf von der Leyen ihren Doktor behalten?

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen steht im Verdacht, bei ihrer Doktorarbeit geschummelt zu haben. Heute entscheidet die Hochschule über ihren Doktortitel. Die Kanzlerin stellt sich hinter ihre Ministerin.

Darf sie ihren Titel behalten? Die Hochschule Hannover entscheidet über den Doktortitel von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. AFP; Files; Francois Guillot

Ursula von der Leyen

Darf sie ihren Titel behalten? Die Hochschule Hannover entscheidet über den Doktortitel von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

HannoverKanzlerin Angela Merkel hat sich unmittelbar vor der Veröffentlichung des Entscheids in der Plagiatsaffäre um Ursula von der Leyen (beide CDU) hinter die Verteidigungsministerin gestellt. Auf die Frage, ob die Ministerin auch ohne Doktortitel noch das Vertrauen der Kanzlerin habe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin: „Selbstverständlich. Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin, was man gerade in diesen Tagen wieder beim Zustandekommen der Nato-Aktivitäten in der Ägäis gesehen hat.“ Auch von der niedersächsischen CDU bekam von der Leyen Rückendeckung.

Der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) will im Laufe des Nachmittags abschließend darüber beraten, ob von der Leyen der Doktortitel entzogen wird. Für den Abend (18.00 Uhr) wurde eine Pressekonferenz angekündigt. Plagiatsjäger werfen von der Leyen schwere Regelverstöße in ihrer 1990 erschienenen medizinischen Doktorarbeit vor.

Politiker und ihre Doktortitel

Ursula von der Leyen

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kann ihren Doktortitel behalten. Das entschied der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) am Mittwoch nach Prüfung der Plagiatsvorwürfe. Ähnliche Anschuldigungen wie die CDU-Vizevorsitzende erlebten auch andere Spitzenpolitiker bereits – mit unterschiedlichem Ausgang.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Die Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit des damaligen CSU-Verteidigungsministers war ein Skandal, der die Republik wochenlang in Atem hielt. Es traf einen jungen Politiker auf dem steilen Weg nach oben. Ende Februar 2011 erkannte die Universität Bayreuth Guttenberg den juristischen Doktortitel ab, kurz darauf trat der CSU-Politiker als Verteidigungsminister zurück. Er zog daraufhin mit seiner Familie in die USA und begann als Berater zu arbeiten.

Annette Schavan

Ihre erziehungswissenschaftliche Dissertation „Person und Gewissen“ stammt aus dem Jahr 1980. Nachdem die Plagiatsvorwürfe ab Mai 2012 gegen sie erhoben worden waren, leitete die Universität Düsseldorf eine mehrmonatige Prüfung ein – und entzog der damaligen Bundesbildungsministerin am 5. Februar 2013 den Doktortitel. Vier Tage später trat Schavan als Ministerin zurück. Mit ihrer Klage gegen die Entscheidung scheiterte sie. Inzwischen ist Schavan deutsche Botschafterin im Vatikan.

Silvana Koch-Mehrin

Auch die prominente FDP-Europaabgeordnete stolperte über Plagiatsvorwürfe. Im Mai 2011 trat Koch-Mehrin im Zuge der Debatte über ihre Doktorarbeit als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament und als Vizepräsidentin des Parlaments zurück. Gut einen Monat später entzog die Universität Heidelberg ihr den Doktortitel.

Bernd Althusmann

Der CDU-Politiker und frühere niedersächsische Kultusminister wurde 2011 vom Plagiatsverdacht entlastet. Die Uni Potsdam sah nach einer Überprüfung seiner Dissertation kein wissenschaftliches Fehlverhalten, wohl aber „Mängel“.

Norbert Lammert

Plagiatsvorwürfe gegen den Bundestagspräsidenten und CDU-Politiker konnten ebenfalls nicht erhärtet werden. Die Uni Bochum stellte vor zwei Jahren nach einer Prüfung zwar „vermeidbare Schwächen in den Zitationen“ in Lammerts Arbeit aus dem Jahr 1975 fest, aber keine Täuschung.

Frank-Walter Steinmeier

Auch ein Prüfverfahren zur Dissertation des heutigen SPD-Außenministers wurde 2013 eingestellt. Die Uni Gießen sah zwar „handwerkliche Schwächen“, aber kein wissenschaftliches Fehlverhalten in Steinmeiers Promotionsarbeit aus dem Jahr 1992.

Auf der Internetseite Vroniplag Wiki ist von Plagiatsfundstellen auf 27 von 62 Seiten der Dissertation die Rede. Von der Leyen streitet die Vorwürfe ab. Sie selbst bat ihre frühere Hochschule im August um eine Überprüfung der Arbeit.

Die Vertrauensbekundung durch Merkel lässt darauf schließen, dass von der Leyen im Amt bleiben soll - so oder so. Gegen einen Rücktritt spricht die dünne Personaldecke der CDU für Spitzenposten. Von der Leyen wurde in den vergangenen beiden Jahren an erster oder zweiter Stelle genannt, wenn es um die Nachfolge von Kanzlerin Merkel ging. Zudem dürfte die CDU-Chefin Merkel kaum ein Interesse daran haben, angesichts der massiven Verluste ihrer Partei in den Umfragen wegen der Flüchtlingskrise eine weitere Baustelle aufzumachen.

Andererseits wird von der Leyen schon bei einer Rüge der Hochschule ein Problem mit ihrer Vorbildfunktion bekommen. Für einen Soldaten kann mangelnde Sorgfalt im schlimmsten Fall tödlich sein. Außerdem ist von der Leyen auch für die Universitäten der Bundeswehr zuständig.

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