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18.02.2011

17:02 Uhr

Plagiatsvorwürfe

Die Uni Bayreuth zittert mit Guttenberg

VonIngrid Schneider

Deutschland redet über Schummel-Minister Guttenberg - doch was bedeuten die Vorwürfe für Bayreuth und seine Universität, an der er promovierte? Eine Reise zum Ursprung der großen Mogelei.

Campus der Universität Bayreuth: Der gute Ruf der Hochschule ist in Gefahr.

Campus der Universität Bayreuth: Der gute Ruf der Hochschule ist in Gefahr.

BayreuthDie Wagnerstadt Bayreuth – normalerweise ist das "Tristan und Isolde" im August auf dem grünen Hügel samt schwitzender Politprominenz in mehr oder minder schmückenden Abendgarderoben. Doch in diesem Jahr spielt sich in dem beschaulichen oberfränkischen Städtchen ein Drama ab, das den Familienfehden des Wagner-Clans den Rang ablaufen könnte. Denn Oberfranken hat mit zu Guttenberg den Minister der Herzen und Wunschkanzlerkandidaten vieler Deutschen hervorgebracht hat, der jetzt unter Schummelvorwürfen leidet. Hat der Verteidigungsminister in seiner Doktorarbeit ungeniert bei fremden Autoren abgeschrieben? Und hat die Universität einen Hochstapler promoviert? Die Fragen rütteln die beschauliche Festspielstadt aus dem Winterschlaf.

Gebetsmühlenartig wiederholt Universitäts-Präsident Rüdiger Bormann seit dem Ausbruch der Plagiat-Affäre, dass es „keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in Herrn zu Guttenbergs Promotionsverfahren“ gebe. Alle offenen Fragen sollen klar beantwortet werden. Bormann weiß: Nicht nur der Minister, auch seine Hochschule hat einen Ruf zu verlieren.

Plagiats-Vorwürfe: Guttenberg hält Rücktritt für Unsinn

Plagiats-Vorwürfe

Guttenberg hält Rücktritt für Unsinn

Trotz der Plagiats-Vorwürfe stützen viele Deutsche Karl-Theodor zu Guttenberg und wollen, dass er Verteidigungsminister bleibt. Der selbst hält einen Rücktritt für "Unsinn".

An diesem Freitag treffen Journalisten den Präsidenten allerdings nicht in seinem Büro an der Universitätsstraße 30 in Bayreuth. „Dienstreise“, erklärt er Handelsblatt Online am Telefon. Wegen Guttenberg? „Das tut jetzt nichts zur Sache.“ Ist dann vielleicht der Ombudsmann zu sprechen? „Der soll und darf dazu jetzt gar nichts sagen.“ Keine Angst um das Image der Hochschule? „Wir nehmen Qualitätssicherung sehr ernst – auf allen Ebenen.“ Und dann räumt Bormann ein: „So einen Fall hat es in meiner zweijährigen Amtszeit noch nicht gegeben.“

Man ist nervös in Bayreuth. Die Lage ist ernst auf dem Campus der kleinen Universität mit den sternförmig angeordneten, zweckmäßigen Klinkerbauten. Ausgerechnet die Juristen hat es getroffen. Ausgerechnet das Institut der Universität, das junge Menschen aus der gesamten Bundesrepublik in diesen entlegenen Winkel des Landes lockt. „Natürlich bin ich vor allem wegen des guten Rufes gekommen“, erklärt ein Student im Foyer der Rechts- und Wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät. „Seit Mittwoch gibt es hier kein anderes Thema mehr.“ Guttenberg, der sei neben dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes Andreas Voßkuhle das Aushängeschild in Bayreuth. Peter Häberle, Guttenbergs Doktorvater, gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Das zieht Prominenz an. Erst im Dezember habe der frühere Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck einen Vortrag gehalten. Auch Gerhard Schröder sei schon da gewesen. Ob die künftig auch noch kommen? „Ich kann Ihnen sagen“, zischt ein weiterer angehender Jurist durchs Foyer, „genau darüber macht sich hier gerade jeder richtig Sorgen.“

Kommentare (13)

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B.Mensching

19.02.2011, 13:33 Uhr

Ein Teufel ist’s, der Gutes dabei denkt…

Der jüngste Zwischenfall ereignete sich nur einen Tag, nachdem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei seinem Blitzbesuch auf eben diesem gefährlichsten Stützpunkt der Bundeswehr in Afghanistan übernachtet hatte.
[Zwei deutsche Soldaten sterben nach Schießerei, welt-online, 18.02.2011]

Grundsätzlich werden dabei alle Afghanen kontrolliert. Von Soldaten hieß es jedoch am Freitag, es habe schon vorher Bedenken gegen den Einsatz der Afghanen innerhalb des Sicherheitsrings um das Camp gegeben. Diese seien aber von der Lagerleitung nicht ernst genommen worden.
[Afghanischer Soldat tötet zwei Deutsche, spiegel-online, 18.11.2011]

Wie bestellt zu Guttenbergs Schlussworten, er müsse sich um die schwierigen Aufgaben des Verteidigungsministers kümmern, dann die Nachricht eines erschossenen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Hoffentlich ein Zufall.
[Die Manöver des Ministers, dradio, 18.11.2011]

B.Mensching

Peter

19.02.2011, 13:57 Uhr

Lieber Rainer_J,
mit Wissenschaft haben Sie wohl nichts zu tun? Schon einzelne nicht gekennzeichnete Zitate, die man als die eigene Leistung darstellt und entsprechend nicht kenntlich macht, sind als Täuschungsversuch zu werten. Bisher ist schon bekannt, dass es bei Guttenbergs Arbeit sogar viele Langzitate sind, die eigentlich in einer Dissertation überhaupt nichts zu suchen haben. Einige Worte wurden verändert, offensichtlich um die Herkunft der Zitate zu verschleiern und die Arbeit stilistisch nicht so uneinheitlich erscheinen zu lassen. Damit handelt es sich definitiv nicht um einige vergessene Fußnoten, sondern um eine klare Täuschungsabsicht. Wenn Guttenberg der Titel nicht aberkannt wird, entstünde ein schwerer Schaden für den Wert eines Dr. Titels in Deutschland. Was sollte man Studenten in Zukunft entgegnen, wenn sie Seminararbeiten aus dem Internet zusammenstückeln? Noch größer dürfte der Schaden für die Uni Bayreuth und insbesondere ihre juristische Fakultät sein.

Unpolitisch

19.02.2011, 14:00 Uhr

Sollte Herr zu Guttenberg seinen Dr. Titel behalten, mit welcher Begründung auch immer, so werde ich keinen Absolventen der Universität Bayreuth mehr einstellen.
Denn dann legt diese Universität offen, einen nicht ausreichenden Qualitätsanspruch und Qualitätssicherungsprozess (noch nicht einmal nachträglich) zu haben. Es ist dann davon auszugehen, dass Vorgänge, wie bei der Dissertation von Herrn zu Guttenberg nicht die Ausnahme, sondern die geduldete Regel sind.
Im übrigen kann ich die Argumentation der Vorverurteilung nicht nachvollziehen. Es sind inzwischen genügend Fakten auf dem Tisch (die nicht einer professoralen Interprtation bedürfen), sodass man sich mit einer akademischen Vorbildung durchaus ein qualifiziertes Bild machen kann.

Wie Studenten dieser Universität nach diesen Vorgängen noch voll hinter der Dissertation von Herrn zu Guttenberg stehen können, ist mir schleierhaft, spricht aber für das Denkniveau an dieser Universität.

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