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10.04.2006

18:20 Uhr

Platzecks Rücktritt

„Das ist ein schwerer Schlag für die SPD“

Die Nachricht erschüttert die SPD in ihren Grundfesten. Nach nur fünf Monaten im Amt und inmitten einer schweren Identitätskrise der Partei muss Steuermann Matthias Platzeck das Schiff verlassen. Sein Nachfolger Kurt Beck soll es nun richten. Im Präsidium ist sogar schon von einer Kanzlerkandidatur die Rede.

Matthias Platzeck übergibt den SPD-Vorsitz wegen Krankheit an Kurt Beck. Foto: ap

Matthias Platzeck übergibt den SPD-Vorsitz wegen Krankheit an Kurt Beck. Foto: ap

BERLIN. Andrea Nahles kann es zunächst nicht glauben, als sie am frühen Montagmorgen vom bevorstehenden Rücktritt von Matthias Platzeck erfährt: „Das gibt es doch nicht!“ Ähnlich geht es den meisten ihrer Kollegen aus dem SPD-Präsidium, die wenig später ins Berliner Willy-Brandt-Haus eilen. Dort tritt ihnen um 10.00 Uhr ein blasser, um Fassung ringender Parteichef gegenüber. Es fließen Tränen, als Platzeck bestätigt: Er schafft es nicht mehr, er muss zurücktreten. Die Nachfolge soll Kurt Beck übernehmen.

Ministerpräsident von Brandenburg will Platzeck zwar bleiben, der Stress im Berliner Politbetrieb ist ihm aber über den Kopf gewachsen. Zwar gab es nicht wenige, die Platzeck zuletzt vorwarfen, er zeige als Parteichef zu wenig Profil, doch einen neuerlichen Stabwechsel konnte sich niemand vorstellen. „Das ist ein echter Schicksalsschlag - für Matthias Platzeck und für die SPD“, sagt Nahles.

Kaum jemand hat geahnt, wie ernst es um den Brandenburger steht, der stets so dynamisch und unbekümmert auftrat. Platzeck muss schon wenige Tage nach dem zweiten Hörsturz gewusst haben, dass er so nicht weiter machen kann. Noch vom Krankenbett aus hatte er Anfang letzter Woche mit Vertrauten über einen möglichen Rückzug aus der Parteispitze geredet. Am Donnerstag, einen Tag nach seiner Entlassung aus der Klinik, folgte dem Vernehmen nach ein zweites Gespräch, am Sonntagabend fiel in einer Runde, an der neben Platzeck und Beck auch Fraktionschef Peter Struck und Vizekanzler Franz Müntefering teilnahmen, die Entscheidung für den Stabwechsel. Noch am Sonntagabend informierte Platzeck Angela Merkel.

„Vorsitzende haben ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur“

Die Kanzlerin reagiert betroffen, aber auch verständnisvoll: „Wir haben die große Koalition als Chance begriffen, und diese Zusammenarbeit hat mir Spaß gemacht“, erklärt sie. Sie werde natürlich auch mit Beck vertrauensvoll zusammenarbeiten. Gleichwohl wolle sie heute „einfach noch einmal Dankeschön sagen an Matthias Platzeck“ und „auf weitere fruchtbare politische Gespräche mit ihm hoffen“.

Merkel sagte, sie habe Platzecks Rücktritt „mit Respekt, aber auch mit Bedauern zur Kenntnis genommen“. Sie werde aber „natürlich auch mit Kurt Beck vertrauensvoll und im Geiste der großen Koalition“ zusammenarbeiten. Platzeck und Beck hätten deutlich gemacht, dass in der großen Koalition Verlässlichkeit und Kontinuität angesagt seien, sagte die Kanzlerin. „Ich kann das von meiner Seite aus auch nur bestätigen und unterstreichen.“

Auch der CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder erwartet eine gute Zusammenarbeit mit Beck. Er sei sich sicher, dass es bei der SPD „normal und ordnungsgemäß“ weiter gehe.

CSU-Chef Edmund Stoiber erwartet nach dem Rücktritt Platzecks eine Kurskorrektur der SPD. Der bayerische Ministerpräsident hofft darauf, dass die SPD unter Beck neue inhaltliche Akzente setzt. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident sei ein pragmatischer und bodenständiger Politiker, der den Charakter der SPD als Volkspartei hoffentlich wieder stärker in den Vordergrund rücke, sagte der CSU-Chef. „Die SPD sollte die Kraft haben, sich von manchen rot-grünen Fixierungen zu lösen. Dafür ist Beck sicherlich der richtige Mann.“

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