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24.10.2011

07:09 Uhr

Polit-Talk als Dauerwerbesendung

Schmidts Steinbrück-Show zeigt Jauch die Grenzen auf

VonChristian Bartels

Im Streichelzoo von Günther Jauch haben die Gäste nichts zu befürchten. Auch die zwei Polit-Schwergewichte Schmidt und Steinbrück durften ihre PR loswerden. Ein neuer Tiefpunkt Jauch’scher Interview-Kunst.

Steinbrück, Schmidt und Jauch (v. li.). dpa

Steinbrück, Schmidt und Jauch (v. li.).

BerlinEs war talkshow-strategisch keine gute Idee von Günther Jauch, seine Sendung mit dem Gästeduo Helmut Schmidt und Per Steinbrück mit der Bitte an den Altkanzler zu beginnen, doch mal die Euro-Schulden- und Banken-Krise mit früheren Krisen in seinem 92-jährigen Leben zu vergleichen.

Denn natürlich ist die gegenwärtige Krise weniger schlimm als es Erster und Zweiter Weltkrieg oder Nationalsozialismus waren. Und fortan sprang das gestrige Dreiergespräch immer wieder zwischen unterschiedlichen Vergangenheiten hin und her, von der Regierung Brüning in der Weimarer Republik, "der Zeit von Adolf Nazi" (eine Schmidt-Formulierung, die Steinbrück gerne übernahm), derjenigen Konrad Adenauers sowie den Bundesregierungen Schmidts selber seiner Vorgänger und Nachfolger. Schon damit war jene Aktualität aus der Sendung genommen, die der marktschreierische Titel "Klartext in der Krise" behaupten wollte und Jauch mit seiner Eingangs-Bemerkung, dass derzeit "Regierende und Regierte vor sich hintaumeln" zu stützen versuchte.

Mit Bemerkungen wie "nicht jede Schuldenaufnahme ist im Prinzip von Übel" und der Bitte, auch beim Thema Inflationsraten "die Kirche im Dorf" zu lassen, nahm Schmidt gekonnt weitere Brisanz aus dem Gespräch, das aber nicht nur wegen des Altkanzlers Alter sehr bedächtig verlief. Sondern auch, weil sich Jauch in seinem Frageduktus Schmidts Rhythmus anpasste. Steinbrück wirkte im Vergleich zu beiden dynamisch, gab aber ebenfalls vor allem Allerwelts-Aussagen wie die, dass die Krise noch "weiter eskalieren könnte", sowie tausendmal gehörte Talkshow- und Wahlkampf-Versatzstücke (die Forderung, "den Menschen zu erklären, warum Europa für Deutschland so wichtig ist") zum Besten. Der Ex-Finanzminister, den Schmidt als nächsten Kanzlerkandidaten der SPD vorschlägt, präsentierte sich bereits entsprechend staatsmännisch, ohne dabei auf Hindernisse zu stoßen.

Zwar wurde (anders als bei Maybrit Illner am Donnerstag zuvor) der Einspielfilm, der aus heutiger Sicht klare Fehler der rot-grünen Regierung 2002 antippt, nicht erst am Ende gezeigt. Doch gewundene, nicht weiter hinterfragte Erklärungen wie die, dass die Aufnahme Griechenlands in die Währungsunion sicher "aus heutiger Sicht falsch" war, dass aber damals ja alle dafür gewesen seien, und preiswerte Selbstkritik à la "Wir haben uns dem Zeitgeist auch zu stark gebeugt" reichten Steinbrück, solche Kritik abzubügeln. Dass Nachhaken und das Herauskitzeln spektakulärer Aussagen nicht zu Günther Jauchs Stärken zählen, war die nachdrücklichste Erkenntnis der gestrigen Talkshow.

Kommentare (47)

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smarty_32

24.10.2011, 07:37 Uhr

Deutschland braucht dringender denn je einen durchsetzungsstarken Kanzler mit finanzpolitischem Sachverstand. Frau Merkel konnte sich in der Vergangenheit elegant in parteiinternen Machtkämpfen mit ihrer kalten Nichtbeachtung durchsetzen, trotz geringen rhetorischen Talent.
Im internationalen Geschäft reicht diese Methode nicht und sie wird in den Brüsseler Runden von
Füchsen wie Junkers oder mit Hinterlist von Sarkozy ausgetrickst. Wir brauchen einen Kanzler der endlich deutsche Interessen durchsetzt, das kann nur Hr. Steinbrück. Damit der linke SPD Flügel nicht unkontrolliert rebelieren kann, wäre das ideale politische Gebilde eine große Koalition unter
Kanzler Steinbrück!

Excel

24.10.2011, 07:56 Uhr

Trotz dieser Werbekampagne für mehr Regulierung und weniger Markt und des plattdeutschen Banker Bashing bleibt zu konstatieren, dass: Die Krise ihren Ausgangspunkt vom Staat her hat. 2006/2007 waren es die zu niedrigen Leitzinsen und in 2010/2011 sind es die mangelnde Bereitschaft des Staates an sich selbst zu sparen, sprich Bürokratie, Privilegien und Beamte der schlechten Haushaltslage entsprechend zu reduzieren. Hier wird seit Jahrzehnten über die Verhältnissse gelebt. Stattdessen wird versucht erst mit niedrigen Leitzinsen und jetzt mit weiterer Verschuldung die Konjunktur anzuschieben statt die Tatsache zu akzeptieren: Das die Staaten gefordert sind zu konsolidieren.

Das ältliche Duo Schmidt/Steinbrück hat mehr mit der Ursache zu tun als das es Lösungen bieten kann. Aus.

Arminius

24.10.2011, 08:01 Uhr

@ smarty_32,

was Deutschland braucht ist mehr Weitsicht und weniger deutsch-nationale Gesinnung. Langfristig auf jeden fall, kurzfristig mag das nicht so dringend sein aber die Entscheidungen von heute werden erst in 20 oder 30 Jahren ihre Auswirkungen zeigen. Die Regierung und die Parteien sind gefangen dieser Gesinnung und müssen sie berücksichtigen, obwohl sie genau wissen dass es verkehrt ist. Das Europa der Nationen ist leider noch nicht tod.
Nicht kleinkariert sondern fortschritlich denken!

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