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26.09.2015

17:17 Uhr

Politiker und Doktorarbeiten

Von der Leyen im Visier der Plagiatsjäger

Die Politik hat ihren nächsten Plagiatsvorwurf: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen soll bei ihrer Medizin-Doktorarbeit ganze Textpassagen abgeschrieben haben. Die Ministerin lässt die Arbeit bereits prüfen.

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen steht im Fokus der Plagiatsjäger. Ihr wird vorgeworfen, bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. dpa

Ursula von der Leyen

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen steht im Fokus der Plagiatsjäger. Ihr wird vorgeworfen, bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben.

BerlinPlagiatsjäger werfen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Regelverstöße in deren medizinischer Doktorarbeit vor. Die 1990 erschienene Arbeit enthalte „zahlreiche wörtliche und sinngemäße Textübernahmen, die nicht als solche kenntlich gemacht sind“, heißt es auf der Internetplattform „VroniPlag Wiki“, wo Nutzer ihre Erkenntnisse zusammentragen. Bisher seien auf 27 der insgesamt 62 Textseiten Plagiatsfundstellen dokumentiert.

Zuerst hatte „Spiegel Online“ am Samstag darüber berichtet. Ein Ministeriumssprecher teilte mit, von der Leyen wisse seit August davon. „Die Ministerin weist den Vorwurf nicht nur zurück - sie hat noch am selben Tag die Medizinische Hochschule Hannover gebeten, ihre Dissertation durch eine fachkundige und neutrale Ombudsstelle der Einrichtung überprüfen zu lassen“, hieß es. Diese unabhängige Überprüfung sei ihr auch zugesagt worden. Die Hochschule war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Plagiatsvorwürfe haben schon mehrere Spitzenpolitiker in Bedrängnis gebracht - bis hin zum Rücktritt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) musste 2011 sein Amt niederlegen, nachdem ihm die Universität Bayreuth den Doktortitel aberkannt hatte. 2013 trat Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) nach dem Entzug ihres Titels durch die Uni Düsseldorf zurück. Von der Leyens Sprecher erklärte, es sei „nicht neu, dass Aktivisten im Internet versuchen, Zweifel an Dissertationen namhafter promovierter Politiker zu streuen“.

Erwischte Plagiatoren

Andreas Scheuer

Nach Plagiatsvorwürfen gegen den CSU-Generalsekretär begann die Prager Karls-Universität im Januar mit der Prüfung seiner Dissertation. Scheuer, der in Prag 2004 ein „kleines Doktorat“ erwarb, hatte selbst darum gebeten. Da die akademischen Standards beider Länder nicht vergleichbar sind, darf er den „Dr.“ nicht landesweit, sondern nur in Berlin und Bayern führen. Nachdem er wegen der Verwendung auch anderswo kritisiert wurde, verzichtet Scheuer inzwischen ganz auf das Führen des Titels.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Viele Passagen fremder Autoren in der Doktorarbeit des damaligen Verteidigungsministers sorgten im Februar 2011 für Aufsehen. Wenig später erkannte ihm die Universität Bayreuth den Doktortitel ab. Nach heftigen Protesten der Opposition und in der Wissenschaft trat Guttenberg zurück. Die Uni erklärte in ihrem Abschlussbericht, der CSU-Politiker habe vorsätzlich getäuscht.

Silvana Koch-Mehrin

Wegen Plagiaten entzog die Uni Heidelberg der FDP-Politikerin den Doktortitel im Juni 2011. Koch-Mehrin war zuvor als FDP-Vorsitzende im Europaparlament und als dessen Vizepräsidentin zurückgetreten. Ihre Klage wies das Verwaltungsgericht Karlsruhe 2013 zurück. Den Antrag auf Berufung lehnte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg im Februar 2014 ab.

Jorgo Chatzimarkakis

Der FDP-Europaabgeordnete verlor seinen Titel im Juli 2011, da mehr als die Hälfte seiner Arbeit nach Angaben der Universität Bonn aus fremder Feder stammte. Zuvor waren im Internet Plagiatsvorwürfe laut geworden. Im Februar kündigte Chatzimarkakis seinen Austritt aus der FDP an. Grund: der Europa-Kurs der Liberalen.

Aus den Auswertungen auf „VroniPlag Wiki“ geht hervor, dass drei der beanstandeten Seiten zwischen 50 und 75 Prozent Plagiatstext enthalten und fünf Seiten mehr als 75 Prozent. Der Juraprofessor Gerhard Dannemann von der Berliner Humboldt-Universität, der seit Jahren bei „VroniPlag“ mitarbeitet, sagte „Spiegel Online“, von der Leyens Arbeit sei „eher ein mittelschwerer als ein schwerer Fall“. Problematisch finde er allerdings die 23 gefundenen Fehlverweise, also Hinweise auf Quellen, in denen der zitierte Inhalt gar nicht zu finden sei. „Das ist im medizinischen Bereich besonders gefährlich.“

Von der Leyen promovierte im Bereich Frauenheilkunde. Der Titel der Arbeit lautet: „C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung“.

Von

dpa

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