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11.02.2016

20:37 Uhr

Politische Kultur

Wenn die Diskussion entgleist

„Drecksnazi“, „Unrechtsherrschaft“, „Pack“: Immer häufiger fallen deutsche Politiker mit sprachlichen Entgleisungen auf. Sprachforscher klagen: Die Verrohung der politischen Kultur spielt Rechtspopulisten in die Hände.

Der Ton in der Flüchtlingskrise wird selbst unter den Koalitionspartnern rauer – allen voran zwischen Horst Seehofer (CSU) und Angela Merkel (CDU). Reuters

Besonnene Worte? Fehlanzeige

Der Ton in der Flüchtlingskrise wird selbst unter den Koalitionspartnern rauer – allen voran zwischen Horst Seehofer (CSU) und Angela Merkel (CDU).

BerlinDerbe Sprüche gehören jedes Jahr zum Politischen Aschermittwoch. Zwar wurden wegen des Zugunglücks in Bad Aibling diesmal die meisten karnevalistischen Veranstaltungen abgesagt, zwei Politiker sorgten dennoch für Aufregung. CDU-Generalsekretär Peter Tauber twitterte in einer Auseinandersetzung mit einem Follower „Drecksnazi“. CSU-Chef Horst Seehofer sprach in einem Interview von einer „Herrschaft des Unrechts“ in Deutschland. Zusammen mit den „Pack“-Äußerungen von SPD-Chef Sigmar Gabriel gegen Rechtsradikale in Sachsen könnte man dies als Symptom dafür sehen, dass in der Auseinandersetzung über die Flüchtlingspolitik derzeit auch bei Politikern sprachliche Hemmschwellen fallen.

Tatsächlich sehen Sprachwissenschaftler wie Alexander Häusler von der Universität Düsseldorf oder Elisabeth Rieken von der Universität Marburg eine Veränderung im Sprachstil von Politikern. „In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatten wir eher einen Schmusekurs in der politischen Auseinandersetzung. Die Empfindlichkeit gegenüber ausfälligen Äußerungen ist extrem gewachsen“, sagt Rieken. Deshalb fielen derzeit Äußerungen besonders auf, die von der Norm abwichen. Gefördert werde dies von einer härteren Auseinandersetzung in den oft anonym geführten Diskursen in sozialen Netzwerken, ergänzt Häusler.

Tatsächlich sehen sich viele Politiker wie Journalisten seit Monaten oft als Opfer, gerade wenn sie sich in der Flüchtlingspolitik für eine Aufnahmebereitschaft aussprechen. Sie werden überschwemmt von einer – oft gut organisierten – Empörungs- und Beleidigungswelle in den sozialen Netzwerken. Zuletzt hat dies die ZDF-Journalistin Dunja Hayali kritisiert. Die verbalen Tiefschläge der oft anonymen Schreiber sind so beleidigend, dass einige Medien wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sie gelegentlich veröffentlichen, um das Ausmaß des Hasses zu zeigen, der ihnen entgegenschlägt.

Andere Journalisten organisieren Lesungen mit ihnen zugesandten Schmähungen, wieder andere klagen wegen Beleidigung. Die etablierten Parteien registrieren in ihren E-Mails nach eigenen Angaben ebenfalls fremdenfeindliche und hasserfüllte Inhalte. Gleichzeitig macht vielen Politikern die ungelöste Flüchtlingskrise sichtlich auch körperlich zu, die politische Klasse ist gestresst.

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