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08.03.2016

18:34 Uhr

Polizei Köln

Schon vor Silvester waren Probleme erwartet worden

Nach der Kölner Silvesternacht war bald klar: In der kritischen Phase waren zu wenige Polizisten am Hauptbahnhof. Ein internes Papier zeigt nun, dass die Kölner Polizei sich schon vor Silvester auf Probleme einstellte.

Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht hat die Polizei die Präsenz am Kölner Hauptbahnhof verstärkt. dpa

Hauptbahnhof in Köln

Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht hat die Polizei die Präsenz am Kölner Hauptbahnhof verstärkt.

KölnDie Kölner Polizei stellte sich einem Zeitungsbericht zufolge schon zwei Tage vor dem Jahreswechsel auf einen herausfordernden Einsatz in der Silvesternacht ein. Der Kölner „Express“ berichtete am Dienstag von einem auf den 29. Dezember datierten Schreiben an die Einsatzkräfte, in dem eine „deutlich sichtbare polizeiliche Präsenz im gesamten Einsatzraum“ als erforderlich angesehen wurde.

Hintergrund sei etwa der oft rücksichtlose Einsatz von Feuerwerk und mögliche Panikreaktionen. Ein Polizeisprecher betonte aber, die später erfolgten Übergriffe hätten die Beamten überrascht. Das unkontrollierte Abbrennen von Böllern und Raketen auf dem Bahnhofsvorplatz markierte am 31. Dezember in gewisser Weise den Beginn der Vorfälle am Hauptbahnhof. Im Verlauf der Nacht wurden dort Frauen massenweise sexuell bedrängt und bestohlen.

Die Polizei erwähnte nach Recherchen der Zeitung auch schon potenzielle Täter aus Nordafrika. Wegen der vielen Menschen und des Alkohols sei typischerweise mit vielen Körperverletzungsdelikten zu rechnen. In den vergangenen Jahren habe es aber auch mehr Taschendiebstähle und Straßenraub gegeben: „Dies dürfte maßgeblich auf die Täterklientel NAFRI zurückzuführen sein, die die günstigen Tatgelegenheitsstrukturen nutzen.“ „NAFRI“ steht bei der Kölner Polizei für nordafrikanische Täter.

Missbrauch in der Silvesternacht

Was ist über die Täter bekannt?

Bisher erstaunlich wenig. Zeugen und Opfer berichten - laut Polizei übereinstimmend - von Männern, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. So hat es der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf der Pressekonferenz am Montag formuliert. Demnach soll eine Gruppe von Männern auf dem Domplatz gewesen sein, die meisten von ihnen zwischen 15 und 35. In kleineren Gruppen sollen sie Frauen umzingelt, sexuell belästigt und ausgeraubt haben, in einem Fall auch vergewaltigt. 90 Anzeigen gibt es bis Dienstagmittag. „Wir haben noch keine konkreten Täterhinweise“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität.

Hatten sich die Männer vorab verabredet?

Die Polizei gibt auf diese Frage keine konkrete Antwort. Wenn aber so viele Taten nach einem so ähnlichem Muster verübt würden, liege die Vermutung nahe, dass die Täter in irgendeiner Form miteinander verbunden seien, sagt ein Polizeisprecher lediglich.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben von Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen?

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen erfuhr die Polizei Wurm zufolge größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Was will die Polizei künftig anders machen?

Vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt die Polizei an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Polizeipräsident Albers zufolge soll auch geprüft werden, ob bestimmte Bereiche stärker mit Videokameras überwacht werden. Über weitere Maßnahmen wollen Polizei und Stadt gemeinsam nachdenken.

Ein Polizeisprecher bestätigte am Dienstagnachmittag den Wortlaut der Einsatzplanung. Er relativierte aber die Frage, ob die Polizei wirklich erahnen konnte, was sich in der Silvesternacht abspielen würde. „Dieses massive Auftreten, diese Übergriffe waren nicht vorhersehbar. Das hat uns überrascht“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Im und am Kölner Hauptbahnhof waren Frauen von Männergruppen – nach Angaben von Zeugen vor allem nordafrikanischer oder arabischer Herkunft – umzingelt, sexuell bedrängt und bestohlen worden. Bei der Staatsanwaltschaft Köln sind bislang mehr als 1100 Anzeigen eingegangen. Der Polizeieinsatz löste viel Kritik aus und wird von einem Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags durchleuchtet.

Die Polizei veröffentlichte nun erstmals Fahndungsfotos von Verdächtigen. Die Aufnahmen zeigen fünf Männer. Es sei das erste Mal, dass im Zusammenhang mit den Ermittlungen auf diese öffentliche Form der Fahndung zurückgegriffen werde, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer am Dienstag. Die Ermittler riefen dazu auf, sich bei der Polizei zu melden, sofern man ein Gesicht wiedererkenne oder gar wisse, wo sich der Abgebildete aufhalte.

Von

dpa

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