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11.08.2011

06:30 Uhr

Polizeigewerkschaft

„Deutschland ist auf dem Weg in britische Verhältnisse“

Haben deutsche Chaoten britisches Krawallpotenzial? Der Bundesinnenminister hält das für undenkbar. Die Polizeigewerkschaft widerspricht und warnt vor einer explosiven Mischung, die sich in Deutschland zusammenbraut.

Polizist in London geht gegen Randalierer vor. Quelle: dpa

Polizist in London geht gegen Randalierer vor.

Düsseldorf/BerlinDer Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hat der Einschätzung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) energisch widersprochen, wonach Krawalle wie in Großbritannien in Deutschland nicht möglich seien. „In Wahrheit geht Deutschland mit einer falschen Gesellschaftspolitik den Weg in britische Verhältnisse“, sagte Wendt Handelsblatt Online. „Junge Menschen werden mit ihren Zukunftsängsten allein gelassen, Familien und Schulen sind immer häufiger mit Erziehungsaufgaben hoffnungslos überfordert und gleichzeitig sollen sich alle Bereiche des Zusammenlebens nach den Gesetzen des Marktes organisieren.“ Dabei blieben Schwache auf der Strecke und wachse „immenses Gewaltpotential“ heran.

Der CSU-Politiker Friedrich ist dagegen überzeugt, dass es hierzulande einen Konsens darüber gebe, dass Gewalt gegen unbeteiligte Menschen kein Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen ist. Ähnlich äußerte sich der Berliner Innensenator Ehrhart Körting: „Ich sehe nicht, dass wir eine explosive Mischung in der Bundesrepublik Deutschland haben“, sagte der SPD-Politiker Reuters TV.

Der Polizeigewerkschafter Wendt warf Friedrich und Körtung vor, die „explosive Mischung“ aus Hoffnungslosigkeit, Zukunftsangst und wachsender Wut vieler Menschen nicht zu sehen. „Genau diese Realitätsverweigerung deutscher Politik ist das Problem unserer Zeit“, sagte Wendt. Der Staat, der helfend und deeskalierend eingreifen könnte, habe dieser Entwicklung auch deshalb nichts entgegenzusetzen, weil die entsprechenden durch einen drastischen Stellenabbau „systematisch kaputt gespart“ worden seien. „Privat vor Staat, also Marktinteressen vor sozialer Verantwortung sind für weite Teile deutscher Politik die Handlungsmaxime“, kritisierte Wendt.

Als Beispiele für das große Gewaltpotenzial in Deutschland führte Wendt den Fußball und Demonstrationen an. An jedem Wochenende, wenn Fußball gespielt wird und bei nahezu allen Demonstrationen, wenn linke und rechte Extremisten aufeinandertreffen, könne man beobachten, dass von einem Konsens gegen Gewalt keine Rede sein könne. „Und wenn am 1. Mai, bei Gipfeltreffen von Politikern oder anderen Gelegenheiten unsere Kolleginnen und Kollegen im Steinhagel der Chaoten stehen, zeigen sich dieselben Politiker immer wieder überrascht vom Ausmaß der Gewalt, die jetzt nicht erkennen, dass es solche Potentiale gibt“, sagte Wendt.

Der britische Premierminister David Cameron kündigte wegen Ausschreitungen, Brandstiftungen und Plünderungen die Aufrüstung der Polizei an. Die Sicherheitskräfte sollten mit Wasserwerfern und Gummigeschossen ausgerüstet werden. Zuvor hatte sich die Polizei erneut Straßenschlachten mit Jugendlichen in Manchester und Liverpool geliefert.

Kommentare (34)

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Mollemopp

11.08.2011, 07:37 Uhr

Und wieder einmal zeigen unsere Politiker, dass sie nicht mitbekommen, was um sie herum passiert. Dass es hier noch nicht zu extremen Ausschreitungen gekommen ist, hat damit zu tun dass eine große Anzahl der Menschen, die kaum Zukunftschancen haben noch nicht verstanden haben, wer ihnen das eingebrockt hat. Man kann nur hoffen, dass sie, wenn sie ihre Wut herauslassen, ihre Gewalt nicht an Unschuldige entladen. Ich verstehe sowieso nicht, warum die Menschen dann Geschäfte zerstören. Würden sie ihre Wut gegen Politiker richten, hätte ich vollstes Verständnis dafür.

Hartmut.Rast

11.08.2011, 08:09 Uhr

Wenn ich in diesem Land noch vor einer Institution hohen Respekt habe, dann ist es die Polizei.

Der tägliche Einsatz in den Problemzonen unserer Republik fordert nicht nur Mut sondern mittlerweile auch großen Idealismus. Wie frustrierend muß es sein, täglich zur Arbeit zu gehen in dem Wissen, daß man entweder von Demonstranten verprügelt wird oder von Politikern und Schönrednern weil man nach deren "warmer-Bürosessel-Auffassung" bei einer Chaos-Veranstaltung in der Gefahr mit Brandsätzen beworfen zu werden, angeblich überreagiert hat und auf "arme Demonstranten" losgegangen ist.

Die jüngsten Krawalle in England haben das ganze Ausmaß an Staatsverachtung deutlich gemacht. In Channel 5 hieß es in einem Interview: "We are showing the rich and the police that we do what we want".

Und genau diese Auffassung kenne ich als Mentor von Schülern und Studenten auch aus meiner täglichen Praxis. Heutzutage gibt es keine Regeln mehr nach denen Jugendliche angehalten zu werden zu leben und die sie zu respektieren haben(die Gier und Rücksichtslosigkeit der Wirtschaftsakteure läßt diese im übrigen genauso vermissen). Auch wird ihnen m.E. durch die ganzen "verordneten" Förderprogramme und psychologischen Dienste bei den kleinsten Weh-Wehchen viel zu sehr die Eigeninititatve genommen. Deutschand ist fr mich immer noch das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber man muß auch seinen Hintern hoch bekommen und seine Möglichkeiten wahrnehmen.

Hartmut.Rast

11.08.2011, 08:17 Uhr

Sorry Mollemopp, aber nach meiner Auffassung haben auch Sie selbst "noch nicht verstanden", wer den Jugendlichen was eingebrockt hat, nämlich ausschließlich sie selbst. Deutschland bietet einem die allerbesten Möglichkeiten selbst über den "Vierten Bildungsweg" seine Ziele zu erreichen, aber man muß auch welche haben ohne immer nur auf den Politikern rumzuhacken weil die einem mit dem Führerschein nicht gleich einen Ferrari, den neuesten BlackBerry und gefälligst die Schlüssel für eine Penthouse-Wohnung überreichen. Fangen Sie persönlich auch zunächst einmal an, die Gründe Ihrer Wut bei sich selbst zu suchen. Die meisten Bürger in unserem Land haben immer noch nicht kapiert wie gut es uns hier geht und das Demokratie nicht selbstverständlich sind sondern jeden Tag wieder auf's neue gelebt werden müssen damit sie uns auch erhalten bleibt und nicht von hirnlosen Randalierern genommen wird.

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