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29.05.2015

16:08 Uhr

Posse um den Paternoster

Die nostalgische Liebe zum „Beamtenbagger“

Arbeitsministerin Nahles will eine Benutzungsbeschränkung für Paternoster, die alterwürdigen Behördenaufzüge, einführen. Doch die Verordnung löste so massiven Widerstand aus, dass die ganze Dache nun neu aufgerollt wird.

Wegen einer novellierten Verordnung der Bundesregierung drohen drastische Einschränkungen für die Nutzung der Retro-Umlaufaufzüge. dpa

Für Paternoster soll es abwärts gehen

Wegen einer novellierten Verordnung der Bundesregierung drohen drastische Einschränkungen für die Nutzung der Retro-Umlaufaufzüge.

München"Beamtenbagger" taufte der Volksmund einst den Paternoster, weil der offene Aufzug in den Behörden weit verbreitet war. Dieser Tage nun löste der alterwürdige Fahrstuhl eine veritable Posse aus. Eine von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zum 1. Juni eingeführte Benutzungseinschränkung, die Besuchern von Behörden und Firmen die Paternoster-Nutzung verbietet, löste derart massiven Widerstand aus, dass sich Bundesregierung und Bundesrat nun nochmals mit der Angelegenheit befassen müssen.

Auf das "Vater unser" spielt der lateinische Name Paternoster an, weil bei dem Aufzug die Fahrkabinen an Seilen aufgefädelt sind und damit an die aneinandergereihten Perlen des zum Gebet genutzten Rosenkranzes erinnern. Wieviele der Fahrstühle, die seit 1974 in Westdeutschland und nach der Wiedervereinigung auch in ganz Deutschland nicht mehr neu in Betrieb genommen werden dürfen, noch existieren, ist unklar. Die private Internetseite www.flemming-hamburg.de zählt noch 231 laufende Paternoster auf.

Vermutlich hat das Arbeitsministerium bei seiner Verordnung übersehen, dass in Deutschland über die Jahrzehnte eine Art nostalgische Liebe zum Paternoster entstanden ist - auch wenn so manchem beim Betreten der langsam fahrenden Aufzugskabinen ein mulmiges Gefühl beschleicht. Wer an Doris Dörries Kinoklassiker "Männer" denkt, hat etwa das lustige Bild der Hauptdarsteller Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht in Unterhosen im Paternoster vor Augen.

Und der Radiosender WDR 2 pflegt erfolgreich die Interviewsendung "WDR 2-Paternoster". Der verstorbene Sänger Udo Jürgens oder der Schauspieler Mario Adorf gaben dort Interviews, die durch das Rattern der Aufzugsketten und die wechselnden Zwischengeräusche der Etagen eine besondere Akustik bekamen.

Dies dürfte ab Juni nicht mehr so einfach sein. Zwar gebe es kein Betriebsverbot für Paternoster, heißt es im Arbeitsministerium. Aber: "Nach Anhang 1 Nummer 4.4 der ab dem 1. Juni geltenden Betriebssicherheitsverordnung dürfen Personen-Umlaufaufzüge (Paternoster) nur noch durch vom Arbeitgeber eingewiesene Beschäftigte verwendet werden." Im Klartext: Für alle Gäste von Behörden oder Unternehmen ist das Betreten der Paternoster verboten.

Kommentare (1)

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29.05.2015, 17:28 Uhr

Viel Sinnlosigkeit würde vermieden, wenn vor einer "Regulierung" der gesunde Menschenverstand eingeschaltet würde.
Wem der Paternoster nicht behagt kann immer noch über das Treppenhaus gehen. Ebenso wer in Aufzügen Platzangst bekommt - oder sind diese im Regulierungswahn auch nur noch nach einem ärztlichen Attest (wer prüft das) zu betreten?

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