Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.10.2016

12:21 Uhr

Preisbindung für Arzneimittel

Was verdient ein Apotheker?

VonChristoph Schlautmann, Peter Thelen, Carina Kontio

Der Europäische Gerichtshof hat die Preisbindung für Arzneimittel in Deutschland gekippt. Das ist ein Frontalangriff auf das Geschäftsmodell der Apotheken. Doch wie stark trifft das Urteil ihre Inhaber tatsächlich?

Arzneimittel

Apotheker fürchten Preiskampf durch ausländische Internet-Angebote

Arzneimittel: Apotheker fürchten Preiskampf durch ausländische Internet-Angebote

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Frankfurt/BerlinStephanie Röhm, Inhaberin der Ilsen-Apotheke in Köln, kann es kaum fassen. „Wir rechnen damit, dass ein erheblicher Teil unseres Umsatzes jetzt ins Ausland abfließt“, klagt die Chefin von 15 Mitarbeitern. Was ihr große Sorge bereitet: Am Mittwoch hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg entschieden, dass ausländische Versandapotheken wie DocMorris die in Deutschland geltenden Festpreise für verschreibungspflichtige Arzneimittel unterbieten dürfen.

Bestellungen im Ausland werden damit billiger als der Apothekenbesuch. „Viele Apotheker müssen damit rechnen, dass ihnen am Jahresende nur noch 50.000 Euro Verdienst übrig bleiben“, fürchtet die zweifache Mutter. „Das ist die deutsche Durchschnittsapotheke, die nicht im Zentrum eines Ballungsgebietes liegt.“ Als Angestellte in der Industrie würde sie dann am Ende mehr verdienen, sagt sie, „und das ohne Geschäftsrisiko und Personalverantwortung.“

Wie es mit den Verdienstmöglichkeiten der 20.249 Apotheken in Deutschland im Details aussieht, hat das Institut für Handelsforschung (IFH) ermittelt – mit einem auf den ersten Blick ernüchternden Ergebnis: Vom Umsatz blieb den Arzneimittel-Läden, die im Durchschnitt 2,11 Millionen Euro erlösten, zuletzt gerade einmal 1,5 Prozent Betriebsgewinn – also knapp 32.000 Euro.

Für welche Produkte in Deutschland Preisbindungen gelten

Verlagserzeugnisse

Für Produkte wie Bücher, Noten, Landkarten und sogenannte „Buchsubstitute“ wie zum Beispiel E-Books gilt in Deutschland die Buchpreisbindung. Sie schreibt den Verlagen beziehungsweise Buchimporteuren vor, für jedes Buch einen unveränderbaren Preis festzusetzen, der an allen Verkaufsstellen gilt.

Zeitungen und Zeitschriften

Ebenso gelten feste Preise für Zeitungen und Zeitschriften – wenn der Verleger mit dem Großhändler einen entsprechenden Preisbindungsvertrag geschlossen hat. Anders als bei der Buchpreisbindung ist die Festsetzung freiwillig.

Tabakwaren

Die Preise für Tabakwaren wie Zigaretten, Zigarren und Zigarillos werden im Tabaksteuergesetz festgelegt.

Beförderungsentgelte

Auch die Preise für meisten Taxifahrten werden gebunden festgelegt.

Mieten

Nach unten offen, aber nach oben gedeckelt sind die Mieten im sozialen Wohnungsbau. Die Grenze setzt hierbei die sogenannte Kostenmiete, also einen Mietzins, der zur Deckung der laufenden Aufwendungen unter Berücksichtigung der tatsächlichen Finanzierungskosten erforderlich ist. Eine Unterschreitung der Kostenmiete ist indes erlaubt, weshalb es sich nicht um eine Preisbindung im strengen Sinne handelt.

Rezeptpflichtige Arzneimittel

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass ausländische Apotheken die gesetzlich festgeschriebenen Preise für Arzneimittel in Deutschland unterbieten dürfen. Damit gilt die Preisbindung für Arzneimittel lediglich noch vorläufig.

Doch die Zahl ist trügerisch. Denn hinzu kommt stets das Geschäftsführer-Gehalt, das sich der Apotheker aus dem laufenden Betrieb auszahlt. „Betriebsgewinn und Geschäftsführer-Gehalt summierten sich im Durchschnitt auf 118.000 Euro“, ermittelte IFH-Experte Nicolaus Sondermann. Davon aber, schränkt er ein, seien kalkulatorische Zinsen oder Mieten abzuziehen, falls eigene Geschäftsräume genutzt werden.

Apothekerin Röhm ärgert sich, dass die Debatte immer wieder auf die „geldscheffelnden Apotheker“ abziele. Durch die Entscheidung des EuGH sei weniger ihr Geschäftsmodell bedroht. Sie sieht ein ganz anderes Problem: „Können Sie sich vorstellen, was es für die flächendeckende sichere Arzneimittelversorgung bedeutet, wenn diese Durchschnittsapotheken oder auch nur ein Teil davon wegfallen? Die Akutversorgung könnte sehr teuer werden, Apotheken müssten ihre Serviceleistungen stark einschränken – und Arbeitsplätze würden verlorengehen. Und wer macht dann noch die Notdienste?“

In der Tat: Die Spanne zwischen armen und reichen Apothekern ist beachtlich. Arzneimittelhändler mit weniger als einer Million Euro Jahresumsatz – nach Berechnungen des Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) ist dies jeder Zehnte – schrieben laut IFH fast ausnahmslos rote Zahlen. Bei Jahreserlösen von über drei Millionen Euro lagen die Gewinne anderseits weit über dem Durchschnitt.

Allerdings sind Großapotheken in Deutschland eher die Seltenheit. Während 60 Prozent der Arzneimittelhändler weniger umsetzen als den Durchschnittswert von 2,11 Millionen Euro, schafften nicht einmal drei von hundert einen Jahreserlös von mehr als fünf Millionen Euro. Schuld daran ist das Verbot, mehr als drei Filialen zu unterhalten – wobei laut ABDA gerade einmal jede fünfte Apotheke überhaupt eine weitere Geschäftsstelle besitzt.

Hinzu kommt, dass die Verdienstmöglichkeiten der Apotheken streng reglementiert sind – durch die gesetzlichen Vorgaben der Arzneimittel-Preisverordnung. Danach schlägt der Apotheker beim Verkauf von Arzneimittelpackungen drei Prozent auf seinen eigenen Einkaufspreis drauf, zuzüglich eines Fixzuschlags von 8,35 Euro pro Packung. Die gesetzlichen Krankenkassen erhalten von dem Apothekenhonorar jedoch pro Fertigarzneimittelpackung 1,77 Euro Rabatt, den „Apothekenabschlag“.

Für das Asthma-Spray Berodual N, das bundesweit jährlich über eine halbe Millionen Mal abgerechnet wird, zahlt der Apotheker beispielsweise 52,81 Euro im Einkauf. Nach der Formel der Arzneimittel-Preisverordnung bleibt ihm dabei effektiv eine Vergütung von 8,44 Euro. Eine schlechte Marge ist das nicht.

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Holger Narrog

21.10.2016, 12:42 Uhr

Der Gewinn einer Apotheke hängt sicherlich massgeblich vom Standort ab. Wenn die Apotheke in einer gut besuchten Einkaufsstrasse steht, die Kunden Schlange stehen, ist dieses sicherlich nicht schlecht.

Grundsätzlich haben sich die Apotheken mit ihrem Lobbyismus weit von der Marktwirtschaft entfernt.

Was spräche dagegen wenn man die ganzen Regeln abschafft und die Apotheken analog der Drogerien DM, Müller... in den Wettbewerb treten.

Ich vermute die Preise würden sinken und die Öffnungszeiten kundenfreundlicher werden.

Herr Peter Lustig

21.10.2016, 12:57 Uhr

"nur noch 50.000 Euro Verdienst übrig bleiben"
Oh Gott!
Der durchschnittlicher Brutto Jahresarbeitslohn liegt bei aufgerundet 33.000€. Interpretiert man die Zahlen jedoch, dann ist der Realbruttolohn bei den meisten Arbeitnehmern um Welten unter den 30.000€.

Hoffen wir mal, dass die Apotheker ihren Lebensstandard in ihren Villen und Luxuswohnungen halten können. Wäre doch schlimm, wenn die Verkäufer im weißen Kittel noch aufstocken müssten....

Sergio Puntila

21.10.2016, 13:02 Uhr

Versandapotheker können vmtl ebensogut auf ausgebildete Pharmakologen verzichten wie Apothekenketten, die über den Preis regeln, was inhaltlich als nicht erfüllbar gelten könnte: medizinische Kompetenz.
Wer kann denn denn heute noch in einer Apotheke mehr bieten als Markenabverkauf ?

Das ist alles nicht weiter schlimm: schlimm ist lediglich, dass viele sich als Apotheker zu begreifen scheinen, die als Verkäufer mit dem spitzen Bleistift ihrer Kundschaft zu rechnen scheinen.
Mit Gesundheitsvorsorge hat das alles kaum noch etwas zu tun, eher mit kurzfristigen Gewinnerwartungen - Schade?
Überhaupt nicht schade: sie machens halt so, wie es ihnen die Geldbörse vorschreibt.
Gesundheitsbewußtsein hat wenig mit billig zu tun, eher etwas mit Aufmerksamkeit.
Und Aufmerksamkeit ist keine Frage der Geldbörse - odr?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×