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20.05.2012

14:52 Uhr

Private Krankenversicherung

Ein Fall für die Notaufnahme

Privatpatienten waren einmal etwas Besonderes. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurden die Kunden der privaten Krankenversicherer zum Versuchsobjekt der Politik und zum Zahlmeister der Versicherer. Eine Bestandsaufnahme.

dpa

Frankfurt/Düsseldorf/BerlinMike Bödger, Arno Theilmeier und Reinhold Schulte haben sich nie kennengelernt. Dennoch hat das Schicksal sie in eine Gemeinschaft gefügt. Das Schicksal heißt in diesem Fall private Krankenversicherung und zwingt Patient Bödger, Internist Theilmeier und Versicherungschef Schulte in ein gemeinsames Stück, dessen Ausgang ungewiss ist.

Mike Bödger, 41, Job mit Führungsverantwortung, verheiratet, Vater eines vierjährigen Kindes, war ein Wunschkunde, als er beim Anbieter Central im Jahr 2000 einen Antrag auf eine private Krankenversicherung stellte. 285,66 Euro im Monat sollte ihn die kosten. Bödger unterschrieb und freute sich fortan, dass Ärzte immer schnell einen Termin frei hatten, dass das Praxisteam freundlich war, dass er stets die neuesten Behandlungsmethoden bekam.

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Die Freude versiegt, wenn Bödger heute auf seine Rechnung schaut. 676,05 Euro - 136,7 Prozent mehr als bei Vertragsabschluss und 80 Euro monatlich mehr, als er in der gesetzlichen Kasse bezahlen würde. Geld, das Arno Theilmeier hilft. Theilmeier, Ende 50, betreibt eine gastroenterologische Praxis in Mönchengladbach. Die ist Teil eines Ärztezentrums und hat sich auf Magen-Darm-Spiegelungen und Leberpunktionen spezialisiert. Dennoch stehen bei Theilmeier steigenden Ausgaben sinkende Erlöse durch die gesetzlichen Kassen gegenüber. „Wenn ich die privat versicherten Patienten nicht hätte, wäre ich sofort pleite“, sagt er.

Dieses Gefüge möchte Reinhold Schulte ändern. Der Chef der Signal-Iduna sagt: „Wir reden mit der Bundesärztekammer, damit die Gebührenordnung künftig mehr atmet.“ Atmen, das heißt für Schulte sinken. Denn Schultes Ausgaben sind so hoch, dass er die Prämien für seine Versicherten ständig erhöhen muss.

Und er sagt einen Satz, der die Dramatik der privaten Krankenversicherung zusammenfasst: „Man sollte darüber nachdenken, ob man die Pflichtgrenze nicht wieder heruntersetzt, damit mehr die Möglichkeit erhalten, sich privat zu versichern.“ Im Klartext: Auch wer weniger als 50.000 Euro pro Jahr verdient, soll sich privat versichern dürfen. Denn Schulte braucht mehr Nachwuchs für sein System.

Ein Versicherter, dem seine Privilegien zu teuer werden, ein Arzt, der sich über hohe Rechnungen an private Krankenversicherer freut, ein Vorstandschef, der mit dem letzten Aufgebot um neue Kunden wirbt - es ist etwas aus dem Lot geraten im System, mit dem die Deutschen ihre Gesundheit finanzieren. Und zwar nicht, wie oft vorhergesagt, bei den gesetzlichen Krankenkassen. Sondern ausgerechnet bei den privaten Versicherern, die lange Zeit als Zukunftslösung galten.

Kommentare (35)

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Account gelöscht!

20.05.2012, 15:44 Uhr

Dies alles ist Teil einer großen Kampagne, die zum Ziel hat, die privaten Krankenkassen zu verstaatlichen. In Wirklichkeit haben die Gesetzlichen das eigentliche Problem. Nun dreht der Gesetzgeber so lange an den Stellschrauben bis auch die Privaten Geld verlieren.

djr

20.05.2012, 16:10 Uhr

Die private Krankenversicherung ist wesentlich effizienter als die gesetzliche. Das sieht man schon daran, dass die Ärzte sehr häufig das 3,5 fache bezahlt bekommmen k ö n n e n. Es ist sicherlich politisch gewollt, dass die Private das vermoderte System der gesetzlichen Krankenversorgung und damit das Gesundheitssystem finanziert. Der gesetzliche Beitragszahler zahlt halt lieber 50 Euro für die Handy-Flatrate als für seine Krankenversicherung. Leider scheint auch die Presse nicht interessiert zu sein, die Zusammenhänge echt aufzudecken. So wird die Private Krankenversicherung die Beute des Sozialstaats.

Spassvogel

20.05.2012, 16:10 Uhr

Zusatzleistungen wie besonders schöne Zähne oder ein Einzelbett im Krankenhaus müsste jeder Patient über Zusatzversicherungen zubuchen - schon jetzt ein wachsendes Geschäftsfeld für die Versicherer.

Kann ich wenigstens entscheiden, mit wem ich das Bett dann teilen muß? Und haben Ehepartner Mitspracherecht?

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