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26.01.2015

10:48 Uhr

Professor Tacheles

Ahnungslos im Religionskrieg

VonMichael Wolffsohn

Westeuropas Naivität im Islam-Umgang ist täglich sichtbar. Auf der Pariser Millionen-Demonstration war sie mit den Händen greifbar. Vorne marschierten die „Eliten“. Harmonie der Nationen und Religionen? Pustekuchen.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Rührend naiv sind unsere Versuche, mit „dem“ Islam ins Gespräch zu kommen. Mit „unsere“ meine ich den Hauptstrom der westeuropäischen, also auch deutschen Politik, Gesellschaft, Medien und, ja, auch Wissenschaft.
Religiöse Ahnungslosigkeit herrscht weit und breit. Nicht nur bezüglich des Islam, sondern auch der eigenen, christlichen Mehrheits-Religion. Diese Unkenntnis wäre folgen- und bedeutungslos, beträfe sie nicht die Frage: „Wie umgehen mit dem islamistischen Terror?“ Wer nämlich weder das Christentum noch Judentum oder gar den Islam kennt, versteht nichts von Religion und kann nicht mit religiös motivierten Menschen kommunizieren. Außerdem sind religiös Ahnungslose unglaubwürdig, wenn sie behaupten (sprich: nachplappern), Islam und Islamismus hätten nichts miteinander zu tun. Wen wundert´s, dass „Volkes Stimme“ den Stimmen dieser sogenannten Eliten schließlich nicht mehr nicht zuhört?

Westeuropas Naivität im Umgang mit dem Islam ist täglich sichtbar. Auch auf der weltweit umjubelten Pariser Millionen-Demonstration gegen den Terror war sie mit den Händen greifbar und mit den Augen sichtbar. Wir haben Augen und sehen nicht, wir haben Ohren und hören nicht.

In der ersten Reihe marschierten die (Positions-)„Eliten“. Eindrucksvoll international und überkonfessionell: Unsere protestantische Kanzlerin, der Jude Netanjahu aus Israel, der Muslim Abbas aus Palästina und der ebenfalls muslimische Präsident Malis. Allen voran schritt Frankeichs zumindest formal katholischer Präsident. Also Harmonie der Nationen und Religionen? Pustekuchen.

Frankreich beharrt seit der Französischen Revolution strikt auf der Trennung von Religion und Politik. Das ist durchaus wünschenswert, aber in diesem Fall nicht sinnvoll und nicht machbar, denn bei den islamistischen Terroristen sind Religion und Politik, ob es uns gefällt oder nicht, ineinander verwoben. Deshalb können wir nicht unseren Wunsch zur Wirklichkeit wenden. Wer in der Diagnose trennt, was bei den Akteuren (sprich: Patienten) zusammengewachsen ist, wird bei der Therapie scheitern.

Kein vernünftiger Mensch wird zudem behaupten, Frau Merkel repräsentiere das evangelische, Hollande das katholische Christentum, Abbas und der Mann aus Mali den Islam oder Netanjahu das Judentum.

Sichtbar unsichtbar, weil abwesend, waren die echten, also religiösen, Vertreter der betroffenen oder getroffenen Religionen: Islam, Christentum, Judentum. Gewiss, es wurde gegen den Terror an sich demonstriert, nicht gegen den Terror von Muslimen, durch Muslime und angeblich für Muslime. Doch unbestreitbar hat der gegenwärtig in Europa tobende Terror zumindest etwas mit Religion zu tun. Folgerichtig ist ein Dialog der Religionen gefordert, eigentlich ein Trialog zwischen Islam, Christentum und Judentum.

Kommentare (21)

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Herr Markus Bullowski

26.01.2015, 11:20 Uhr

Frage: Kann man eine Religion ohne eindeutiges religiöses Oberhaupt (wie den Papst) domestizieren, oder ist der Versuch ohnehin zum Scheitern verurteilt?

Und wäre es nicht sinnvoll, im Umgang mit dem Islam aus der Geschichte anderer Staaten zu lernen, die schon früher mit dem Islam konfrontiert wurden? Oder ist heute eh alles anders?

Herr Goetz Bartscht

26.01.2015, 11:33 Uhr

"In der ersten Reihe marschierten die (Positions-)„Eliten“. Eindrucksvoll international und überkonfessionell: Unsere protestantische Kanzlerin, der Jude Netanjahu aus Israel, der Muslim Abbas aus Palästina und der ebenfalls muslimische Präsident Malis. Allen voran schritt Frankeichs zumindest formal katholischer Präsident."

Absoluter Blödsinn!! Zu keiner Zeit ist bei dieser Demo in Paris iergendeiner der Politoligarchie mitgelaufen. Das von den Medien verbreitete Guppenbild entstand fein abgeschirmt in einer Pariser Nebenstrasse. Recherchiert bitte etwas sorgfältiger, der Bürger ist kein unmündiger BILD-Leser!!!

Herr Wilfried Runft

26.01.2015, 11:48 Uhr

Die Ahnungslosigkeit der Politik hinsichtlich des Islam ist tatsächlich erschreckend. Das Problem des Islam ist unter anderem, dass er nicht nur eine nicht zu durchschauende Anzahl von Glaubensrichtungen aufweist, sondern auch politische Ansprüche stellt, die mit unserem GG nicht vereinbar sind. So hat heute morgen im Fernsehen die Leiterin des Zentralrats ehemaliger Muslime erklärt, dass es in Deutschland Strömungen gibt, welche die Scharia einführen möchten. Es scheint so zu sein, dass der Werteverlust christlicher Ethik ein Vakuum schafft für die Ausbreitung des islamischen Glaubens. Diese Ausbreitung des Islam unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit führt zu politischen Machtansprüchen, vor denen die Politikerkaste ganz Europas die Augen zu verschließen scheint, obwohl man z.B. genau sieht, wie die Islamisierung der Türkei zu politischen Verhältnissen führt, die man aus europäischer Sicht keineswegs als gut empfinden kann. Das Gleiche gilt für die Ausbreitung des IS-Staates, der im Namen des Islam eine Schreckensherrschaft aufbaut und damit das vorhandene Machtvakuum auszufüllen gewillt ist. Manche behaupten ja, dass dies unter tatkräftiger Unterstützung der Türkei geschieht. Es geht also gar nicht um den Glauben an sich, sondern um einen Machtanspruch, der über den Glauben verwirklicht werden soll. Deshalb hört man auch relativ wenig Kritisches von den muslimischen Verbänden in Deutschland. Eine Mahnwache am Brandenburger Tor, tut mir leid, das ist mir zu wenig.

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