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04.08.2015

20:47 Uhr

Promis gegen Rechts

„Brauchen keine ewig Gestrigen mit dumpfen Parolen“

VonKathrin Witsch

Rechte Hetze im Netz gegen Flüchtlinge alarmiert nicht nur die Politik. Immer mehr Prominente beziehen Stellung. Bei Handelsblatt Online sprechen Udo Lindenberg, Sky DuMont und die Fantastischen Vier Klartext.

Auf Tour sammeln die Fantas an der Gästeliste fünf Euro pro Gast. Allein bei der Rekord Tour 2014/2015 kamen so 25.000,00 Euro für Projekte und Aktionen des Vereins „Laut gegen Nazis e.V.“ zusammen.

Die Fantastischen Vier

Auf Tour sammeln die Fantas an der Gästeliste fünf Euro pro Gast. Allein bei der Rekord Tour 2014/2015 kamen so 25.000,00 Euro für Projekte und Aktionen des Vereins „Laut gegen Nazis e.V.“ zusammen.

DüsseldorfErst die klaren Worte eines Sängers, dann die Reaktion eines Ministers und nun rollt der Zug – Prominente beziehen Stellung gegen Alltagsrassismus. Einige engagieren sich schon jahrelang in der Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und der zunehmenden rechten Hetze im Netz, andere haben die Debatten der vergangenen Tage aufgeschreckt – jetzt wollen sie nicht mehr nur zuschauen.

„Wenn wir eins nicht brauchen, so sind das ewig Gestrige, die sich mit ihren dumpfen Parolen gegen Flüchtlinge wenden. Ich hätte lieber eine syrische Flüchtlingsfamilie als Nachbarn als einen Nazi“, sagt der Schauspieler Sky DuMont gegenüber dem Handelsblatt.

Migration in Deutschland – die wichtigsten Fragen

Wie viele Zuwanderer leben in Deutschland?

Rund 10,9 Millionen Zuwanderer, Flüchtlinge und Asylbewerber lebten 2014 in der Bundesrepublik. Das ist nach Darstellung des Statistischen Bundesamtes der höchste Stand seit Beginn der Erhebungen 2005. Das Plus zum Vorjahr (2013) beträgt 3,7 Prozent und zu 2011 rund 10,6 Prozent. Zählt man noch die Nachfahren hinzu, dann leben in Deutschland rund 16,4 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Gut jeder Fünfte der rund 80,89 Millionen Einwohner hat somit einen Migrationshintergrund.

Was verstehen die Statistiker unter Zuwanderern?

Der Mikrozensus ist die Grundlage der Statistik. Bei dieser Stichprobenerhebung wird jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung befragt. Dabei werden auch Gemeinschaftsunterkünfte wie Asylbewerberheime berücksichtigt. Die Statistiker fragen aber nicht nach dem rechtlichen Aufenthaltstitel.

Wie steht es um ein Einwanderungsgesetz in Deutschland?

Die Grünen bezeichneten Deutschland schon vor etlichen Jahren als Einwanderungsland und forderten ein Einwanderungsgesetz. Die Union hat sich dem lange verschlossen. Inzwischen spricht zwar auch sie davon, dass Deutschland nach den USA das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt sei. Um ein Gesetz wird in CDU und CSU aber noch heftig gerungen. Die CDU von Kanzlerin Angela Merkel könnte sich im Dezember auf einem Parteitag dafür aussprechen, die derzeit mehr als 90 Rechtsgrundlagen für die Erteilung eines Aufenthaltstitels für Zuwanderer in einem speziellen Gesetz zu vereinfachen und zu bündeln. Die CSU will kein Gesetz mitmachen, das ein Mehr an Zuwanderung bedeutet. Der Koalitionspartner SPD dringt auf ein Einwanderungsgesetz noch in dieser Wahlperiode.

Woher kommen die Zuwanderer?

Seit 2011 ziehen jedes Jahr mehr Menschen nach Deutschland. Besonders deutlich ist der Zuwachs aus der Europäischen Union. Mehr als vier Millionen Zuwanderer stammten 2014 aus diesen Ländern, das waren gut 18 Prozent mehr als 2011. Die meisten kamen aus Polen, Rumänien, Italien, Bulgarien und Ungarn. Aber auch die Zahl der Zuwanderer mit Wurzeln aus anderen Kontinenten nahm deutlich zu. China, Syrien und Indien nennen die Statistiker als Beispiele.

Weshalb kommen die Menschen nach Deutschland?

„Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben sich die Zuwanderungsmotive deutlich verschoben“, stellen die Statistiker fest. Für die seither Zugezogenen war ein Job der wichtigste Grund, nach Deutschland zu kommen (28 Prozent). Mehr als die Hälfte dieser Zuwanderer hatte bei der Einreise bereits eine Stelle. Die Arbeitsaufnahme habe das zuvor dominierende Ziel der Familienzusammenführung abgelöst, stellt Migrationsexperte Ludger Pries fest.

Wie gut sind die Zuwanderer ausgebildet?

„Am oberen Ende sind die Zuwanderer klar besser qualifiziert als die Deutschen“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Das hilft dem Arbeitsmarkt.“ Hochschulabsolventen seien leichter zu integrieren. „Was uns ein bisschen fehlt, ist die Mitte, also die klassischen Facharbeiterqualifikationen.“ Allerdings gebe es auch mehr Zuwanderer ohne Berufsausbildung als Deutsche, die keinen Migrationshintergrund haben. Dies sei aber nicht per se negativ. „Sehr viele Zuwanderer arbeiten in Berufen wie der Gastronomie, der Landwirtschaft und der nicht-examinierten Pflege, wo man nicht unbedingt eine formelle Berufsbildung braucht.“ Dies seien aber auch anspruchsvolle Tätigkeiten mit einer hohen Nachfrage.

Wie gut sprechen die Zuwanderer Deutsch?

Mehr als die Hälfte der rund 16,4 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln (56,0 Prozent) hat einen deutschen Pass. Fast die Hälfte der seit 1960 Zugewanderten im Alter von 15 bis 64 Jahren schätzen ihre Deutschkenntnisse als fließend oder sogar muttersprachlich ein.

Wie wird sich die Zuwanderung entwickeln?

Bis 2014 kamen die Zuwanderer vor allem aus EU und hatten günstige Qualifikationen, wie Brücker sagt. „Dies sieht bei Asylbewerbern und Flüchtlingen anders aus.“ Dies sei jedoch nicht gravierend. „Das Gravierendere ist, dass wir diese Menschen viel schwieriger in den Arbeitsmarkt integrieren können, weil da auch rechtliche Hürden bestehen.“ Daher seien Änderung des Einwanderungsrechts notwendig. Der starke Zuzug aus der EU werde zudem mittelfristig abnehmen.

Auch Sänger Udo Lindenberg macht sich für eine Welt ohne Rassismus stark. „Nazifreie Bunte Republik Deutschland. Müssen wir hinkriegen“, sagte er dem Handelsblatt. Mit seiner Stiftung setzt sich Lindenberg schon seit Ende der 1970er-Jahre für eine gelebte Multi-Kulti-Welt ein.

Angefangen hat der jüngste Aufstand der Aufrechten mit einem Interview von Ärzte-Sänger Farin Urlaub. Er bezog schon im April deutlich Position zum Thema Flüchtlings-Gegner und Alltagsrassismus.

Farin Urlaubs Statement zum Thema Alltagsrassismus. Facebook

Farin Urlaub

Farin Urlaubs Statement zum Thema Alltagsrassismus.

Angesprochen auf Pegida und den Brandanschlag von Tröglitz sagte er dem Veranstaltungsmagazin „Frizz“ aus Halle: „Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie, und halten sich für besser. Oder sie sind bekloppterweise stolz darauf, deutsch zu sein, wozu keinerlei Leistung ihrerseits nötig war.“ Das Zitat verbreitete sich auf Facebook wie ein Lauffeuer.

Klare Kante zeigte auch Schauspieler Til Schweiger. Er rief zu Spenden und einem Engagement für Flüchtlinge in Hamburg auf und kündigte gleichzeitig an, selbst ein Vorzeige-Flüchtlingsheim in einer ehemaligen Kaserne bauen zu wollen.

Für die Aktivisten gab es Lob seitens der Politik. Justizminister Heiko Maas rief via Twitter weitere Prominente auf, es den beiden gleichzutun. Und SPD-Bundesvize Ralf Stegner forderte von Prominenten aus Gesellschaft und Kultur, deutlich Flagge zu zeigen gegen jede Art von Fremdenhass und Rassismus.

„Gegen Intoleranz, Rassismus, verbale Hetze gegen Schwächere und Angriffe auf Flüchtlinge muss sich die Zivilgesellschaft zur Wehr setzen. Wenn das gerade auch die Frauen und Männer tun, die im Sport, in der Musik oder in anderen Bereichen als Idole eine Vorbildfunktion erfüllen können, dann ist das sehr zu begrüßen“, sagte Stegner dem Handelsblatt.

Die Band Fantastische Vier engagiert sich schon viele Jahre gegen Hetze von rechts. Seit elf Jahren unterstützen die Musiker die Kampagne und den Verein „Laut gegen Nazis“. Bandmitglied Smudo hat eine klare Haltung zu dem Thema: „Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus beginnen schon bei der Wortwahl. Man sollte aufpassen, was man sagt.“ Selbst der US-Starinvestor und Börsen-Guru George Soros mit ungarischen Wurzeln ergreift Partei und fordert via Twitter „mehr Menschlichkeit“ in der Debatte.

Das Bewusstsein, etwas gegen die zunehmende rechte Hetze im Netz zu unternehmen, ist groß in Deutschland. Zumal Rassisten die Anonymität des Internets verstärkt für sich nutzen. Viele Kommentare auf Anti-Asyl-Seiten im Netz erfüllen längst Straftatbestände. „Da wird immer mehr gehetzt und gepöbelt. Ich spreche schon gar nicht mehr von sozialen, sondern von unsozialen Medien“, sagt der Sprecher des sächsischen Verfassungsschutzes, Martin Döring. Die Tonlage habe sich in den vergangenen Monaten deutlich verschärft.

Kommentare (9)

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Herr Franz Paul

05.08.2015, 09:56 Uhr

„Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie, und halten sich für besser. Oder sie sind bekloppterweise stolz darauf, (z.B.) Türke zu sein, wozu keinerlei Leistung ihrerseits nötig war.“
Und wenn sie eins können, dann ist es , im Rudel aufzutreten und Wehrlose zusammenzuschlagen.
Oder Ehrenmorde zu begehen. Oder, oder, oder..... Ich bin nicht stolz darauf, Deutscher zu sein. Ich bin nur zufällig hier geboren, und konnte mir das nicht raussuchen. Das gilt aber für ALLE Nationen! Laut "Gut-Mensch-Sprech" dürfen aber alle stolz sein, bloß Deutsche nicht?

Hein Bloed

05.08.2015, 10:47 Uhr

Immer mehr Prominente beziehen Stellung...
Dieser 1967 Käse ist doch längst vorbei. In welcher Zeit leben die Künstler eigentlich ?

Herr Alexander Knoll

05.08.2015, 12:46 Uhr

Herr Paul,

mit dem ersten Teil Ihres Kommentars bin ich einverstanden, aber was soll der letzte Satz. Ich kenne keinen der den Deutschen verwehrt stolz zu sein. Es gibt da ein paar Dumpfbacken aus der rechten Szene, die gerne mal behaupten, dass man den Deutschen den Stolz verwehrt. Die Benutzen dann solche Worte wie rot-grün-sozialistische Gutmenschen oder Lügenpresse oder so. Aber Sie doch nicht. Oder?

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