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21.05.2014

20:11 Uhr

Prozess in München

Der Moment, in dem der NSU unterging

Im NSU-Prozess ging es um die letzten Minuten und Sekunden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“: den Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Ein Gerichtsmediziner berichtet, Beate Zschäpe starrt nur ins Leere.

Beate Zschäpe mit starrem Blick. Wie sie vom Tod ihrer beiden Freunde erfuhr, ist bis heute unklar. dpa

Beate Zschäpe mit starrem Blick. Wie sie vom Tod ihrer beiden Freunde erfuhr, ist bis heute unklar.

MünchenBeate Zschäpe zeigt keine erkennbare Regung, als der Jenaer Gerichtsmediziner am Mittwoch im NSU-Prozess das Wort ergreift und über den Tod ihrer beiden Freunde berichtet. In grausigen Details schildert der 66-Jährige, wie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 in einem Wohnmobil in Eisenach starben. Doch die Hauptangeklagte starrt derweil nur in ihren Laptop oder ins Leere.

In typisch rechtsmedizinischer Nüchternheit schildert der Arzt die massiven Verletzungen, an denen die beiden mutmaßlichen Neonazi-Terroristen starben. „Kopfdurchschuss“ steht als Todesursache in beiden Obduktionsberichten. Und die Schilderungen des Gerichtsmediziners lassen keinerlei Zweifel, dass die beiden sofort tot waren. Es gebe auch Bilder, sagt der Arzt irgendwann. Da schüttelt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl energisch den Kopf.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Nachdem das Gericht sich am Dienstag mit der letzten Mundlos und Böhnhardt zugeordneten Straftat - einem Banküberfall in Eisenach - beschäftigt hatte, geht es am Mittwoch nun um die allerletzten Minuten und Sekunden der Terrorgruppe. Denn „mit dem Tod dieser beiden Personen am 4. November 2011 war die terroristische Vereinigung "NSU" aufgelöst“, heißt es trocken in der Anklage der Bundesanwaltschaft.

Was sich in diesen letzten Minuten und Sekunden abgespielt hat, das versucht das Gericht nun genau zu ergründen. Bis dahin sind die Abläufe nämlich klar: Nach dem ihnen zugeordneten Banküberfall flüchten Mundlos und Böhnhardt - wie viele Male zuvor - auf ihren Mountainbikes. Sie verstauen diese in einem Wohnmobil und rauschen davon. Doch ein Zeuge hat sie beobachtet. Wenig später fällt einer Streife das Wohnmobil auf, abgestellt im Eisenacher Stadtteil Stregda. Dort wollten die beiden offenbar die heiße Phase der Polizei-Fahndung abwarten.

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