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14.11.2013

06:38 Uhr

Prozess um 719,40 Euro

„Wulff kann nur verlieren“

VonDésirée Linde

Zum ersten Mal sitzt mit Christian Wulff ein deutsches Staatsoberhaupt auf der Anklagebank. Er kämpft um seinen Ruf, wird ihn aber nicht retten können. Denn anders als Bayern-Präsident Hoeneß bereute er nicht öffentlich.

Angeklagt wegen Vorteilsannahme beziehungsweise Vorteilsgewährung: Ex-Bundespräsident Christian Wulff (links, Archivfoto von 2011) und Filmunternehmer David Groenewold (Archivfoto von 2010) stehen ab Donnerstag vor Gericht. dpa

Angeklagt wegen Vorteilsannahme beziehungsweise Vorteilsgewährung: Ex-Bundespräsident Christian Wulff (links, Archivfoto von 2011) und Filmunternehmer David Groenewold (Archivfoto von 2010) stehen ab Donnerstag vor Gericht.

Düsseldorf/HannoverVon den Anschuldigungen ist vor Prozessbeginn nicht mehr viel übrig geblieben. Vom Staatsmann Christian Wulff auch nicht. Wenn der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident und Ex-Bundespräsident an diesem Donnerstagmorgen vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover unter ihrem Vorsitzenden Frank Rosenow Platz Platz nehmen muss, geht es „nur“ noch 719,40 Euro – und den verzweifelten Kampf Wullfs um seinen Ruf.

Zum ersten Mal steht ein ehemaliges deutsches Staatsoberhaupt vor Gericht. Schlanker als noch zu aktiven Zeiten, mit neuer Brille, verändert – zumindest äußerlich. 22 Prozesstage sind bislang angesetzt, 46 Zeugen geladen. Nach Auskunft des Gerichts muss Wulff selbst erscheinen, muss sich nochmal dem Rampenlicht aussetzen, das er zuletzt gemieden hatte.

Das Landgericht ordnete Sicherheitsbestimmungen und Akkreditierungsvorschriften an, die eher einem Terroristenprozess entsprechen als einem Prozess um Vorteilsnahme beziehungsweise -gewährung, der normalerweise am Amtsgericht verhandelt worden wäre.

Christian Wulff: Ein Steckbrief

Geburt

Christian Wulff ist am 9. Juni 1959 in Osnabrück als Christian Wilhelm Walter Wulff geboren.

Ausbildung

Sein Abitur bestand Wulff 1980 mit der Note 1,9. Danach studierte Wulff bis 1986 Jura in seiner Heimatstadt Osnabrück.

Beruf

1990 Niederlassung als Rechtsanwalt in Osnabrück .

Partei

1975 CDU-Eintritt, 1978-1980 Bundesvorsitzender Schüler-Union, 1994-2008 Landesvorsitzender in Niedersachsen, seit 1998 stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender.

Abgeordneter

Von 1986 bis 2001 im Rat der Stadt Osnabrück, von 1994 bis 2010 im niedersächsischen Landtag

Wahlen

Niederlagen: 1994 und 1998 erfolglose Kandidatur gegen Gerhard Schröder (SPD) um das Amt des Ministerpräsidenten in Hannover.

Wahlsiege: 2003 Gewinn der Landtagswahl und Ministerpräsident Niedersachsens bis 2010, im gleichen Jahr wird Wulff im dritten Wahlgang zum Bundespräsidenten und somit zum Staatsoberhaupt gewählt.

Familie

Verheiratet: Von 1988 bis 2006 mit Rechtsanwältin Christiane; von 2008 bis 2013 mit Journalistin Bettina.

Kinder: aus erster Ehe Tochter Annalena (geb. 1993), gemeinsam mit Bettina Sohn Linus Florian (geb. 2008); Bettina Wulff hat aus früherer Beziehung Sohn Leander (geb. 2003).

Es geht um die Beteiligung des Filmmanagers David Groenewold an den Kosten für Hotel und Kinderbetreuung, ein gemeinsames Abendessen und einen Oktoberfestbesuch, als die Familie Wulff 2008 zum Filmball nach München gekommen war. Dafür soll Wulff als Ministerpräsident gute Stimmung für Groenewolds Projekte in Politik und Wirtschaft gemacht haben.

Es geht aber längst nicht mehr um Bestechung und Bestechlichkeit. Das Gericht hat die Forderung der Staatsanwaltschaft um eine Stufe auf Vorteilsannahme (Wulff) beziehungsweise Vorteilsgewährung (Groenewold) heruntergesetzt.

So wenig juristisch noch übrig geblieben ist, so wird es doch keine Absolution geben für Wulff. „Er kann nur verlieren“, sagt Wulf-Hinnerk Vauk, Diplom-Betriebswirt, Berater und Coach. Dabei spiele es keine Rolle, ob er zu einer Geldstrafe verurteilt wird, zu einer Haftstrafe – möglich sind bis zu drei Jahren – oder ob er freigesprochen wird. „Seine Reputation kann er zwar juristisch wiedererlangen, moralisch bleibt aber ein Geschmäckle.“

Kommentare (45)

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Account gelöscht!

14.11.2013, 07:48 Uhr

Armes Deutschland !

22 prozesstage, was soll das? Was das den Dt. Staat wieder kostet....

Ich seh selbst wenn alles wahr wäre, kein Zusammenhang, das für Deutschland ein Schaden entstanden wäre!

Das ist alles so lächerlich

icke

14.11.2013, 07:54 Uhr

da hat sich die Staatsanwaltschaft ganz schön zum Deppen gemacht.

apatsche

14.11.2013, 07:56 Uhr

Ganz offensichtlich wird hier einer als warnendes Beispiel fertiggemacht, der sich zu kritisch zum ausbeuterischen Charakter des Finanzsystems geäußert hat. Der Neid des Mobs macht es leicht. Derweil geht die Fahrt in den finanzfaschistischen Überwachungssstaat munter weiter - Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat werden für die Belange der Hochfinanz außer Kraft gesetzt.

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