Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.10.2013

19:27 Uhr

Prozess

Verfassungsschützer will NSU-Mord nicht bemerkt haben

Der Auftritt eines ehemaligen Verfassungsschützers im NSU-Prozess lässt Fragen offen - zu unwahrscheinlich klingen seine Angaben. Er wird nochmals aussagen müssen.

Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat, im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern) vor Nebenkläger-Anwälten, an einem Tisch, an dem ein Foto seines Sohnes als Kind sowie die Forderung, die Holländische Straße in Halit-Straße umzubenennen oder den Sohn zurückzugeben, steht. dpa

Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat, im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern) vor Nebenkläger-Anwälten, an einem Tisch, an dem ein Foto seines Sohnes als Kind sowie die Forderung, die Holländische Straße in Halit-Straße umzubenennen oder den Sohn zurückzugeben, steht.

MünchenEr war in unmittelbarer Nähe, als Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel von NSU-Terroristen erschossen wurde - doch der ehemalige Verfassungsschützer Andreas T. will von dem Mord nichts mitbekommen haben. Er habe erst später aus der Zeitung von dem Verbrechen erfahren, sagte der 46-Jährige am Dienstag als Zeuge vor dem Oberlandesgericht München. Er sei dann aber irrtümlich davon ausgegangen, dass er nicht am Tattag, sondern 24 Stunden zuvor in dem Café war. Er habe sich auch deshalb nicht als Zeuge gemeldet, weil er fürchtete, seine Frau könnte von seinen Besuchen in Flirtforen erfahren.

Die Anwesenheit des Verfassungsschützers war Anlass für Spekulationen. Hinzu kam, dass sich die Ermittler vergeblich bemühten, die V-Leute vernehmen zu dürfen, die T. führte. Der damalige Innenminister Volker Bouffier (CDU) entschied, die Enttarnung der V-Leute bedeute ein Sicherheitsrisiko. Die Ermittlungen gegen Andreas T. wurden 2007 eingestellt. Mittlerweile arbeitet er nicht mehr für den Verfassungsschutz. Die Anklage im NSU-Prozess geht davon aus, dass er zufällig am Tatort war.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Der 46-Jährige hatte sich nach dem Mord nicht bei der Polizei gemeldet. Er konnte jedoch über die Internetprotokolle und sein Nutzerkonto in einem Chatforum ermittelt werden. Nach den Ermittlungen der Polizei spricht alles dafür, dass er im hinteren Teil des Cafés saß und im Internet surfte, als Halit Yozgat erschossen wurde. Während andere Gäste zumindest einen dumpfen Knall hörten - den sie aber nicht zuordnen konnten - will T. überhaupt nichts mitbekommen haben. Nachdem er sich ausgeloggt hatte, habe er Yozgat gesucht, um zu bezahlen. Schließlich habe er einfach 50 Cent auf die Theke gelegt.

Die 50 Cent wurden tatsächlich auf dem Tisch gefunden. Dahinter lag der erschossene Halit Yozgat. Laut Anklage haben ihn die Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen. Er war das neunte und letzte Opfer der Mordserie an türkisch- und griechischstämmigen Geschäftsleuten. Beate Zschäpe ist als Mittäterin an sämtlichen Anschlägen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) angeklagt. Sie soll für die legale Fassade des Trios gesorgt haben.

Kommentare (14)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Charly

01.10.2013, 20:13 Uhr

"Er war in unmittelbarer Nähe, als Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel von NSU-Terroristen erschossen wurde - doch der ehemalige Verfassungsschützer Andreas T. will von dem Mord nichts mitbekommen haben. "

Sogenannte Verfassungsschützer sind professionelle Lügner.

Account gelöscht!

01.10.2013, 22:24 Uhr

Partielle Amnesie
----
"Er war in unmittelbarer Nähe, als Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel von NSU-Terroristen erschossen wurde - doch der ehemalige Verfassungsschützer Andreas T. will von dem Mord nichts mitbekommen haben."

Natürlich hat er davon nichts mitbekommn; es könnte ja gegen ihn verwendet werden. Er ist doch ein Spitzel.

Rainer_J

01.10.2013, 23:10 Uhr

Wer glaubt den Scheiß (im Namen des Volkes)?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×