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20.10.2015

18:06 Uhr

Prozessauftakt

Beute aus Kirchen-Einbrüchen für den Dschihad

Laut Anklage plünderten sie Opferstöcke und Klingelbeutel aus Kirchen, stahlen Laptops und Bargeld aus Schulen. Acht junge Männer sollen mit dem Diebesgut einer Einbruchserie Islamisten in Syrien unterstützt haben.

Acht Angeklagte müssen sich in dem Prozess wegen einer Einbruchsserie zur Finanzierung des Terrors verantworten. dpa

Prozess gegen mutmaßliche Salafisten

Acht Angeklagte müssen sich in dem Prozess wegen einer Einbruchsserie zur Finanzierung des Terrors verantworten.

KölnEine Bande soll über Jahre im Großraum Köln in Schulen und Kirchen eingebrochen sein, um mit dem Diebesgut den Dschihad in Syrien zu unterstützen. Acht junge Männer mutmaßlich aus der Salafisten-Szene müssen sich seit Dienstag vor dem Kölner Landgericht verantworten. Sie alle kamen aus der Untersuchungshaft zu dem Prozess, der unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen begann.

Die Anklage hält ihnen schweren Raub und Diebstahl in Köln und Siegen vor. Die Erlöse sollten als Spenden nach Syrien an Kämpfer gehen, die dort einen islamischen Gottesstaat errichten wollen, sagte Staatsanwältin Nadja Gudermann zum Start des Mammutverfahrens.

Die Beschuldigten plünderten laut Anklage Opferstöcke und Klingelbeutel, stahlen Gegenstände, die „dem Gottesdienst gewidmet sind und der religiösen Verehrung dienen“ – also auch etwa Kreuze oder Messbecher. Bei Einbrüchen in mehreren Schulen erbeutete die Bande demnach auch Laptops, Bargeld oder eine EC-Karte, die sie mehrfach genutzt haben soll.

Die Männer kamen bei ihren Einbrüchen zwischen 2011 und 2014 auf rund 19.000 Euro und errichteten zudem erhebliche Schäden in den Gotteshäusern und Schulgebäuden an, wie Gudermann betonte. Wie viel Geld tatsächlich bei den Kämpfern ankam, ist nicht Gegenstand des Strafprozesses.

Islamistische Szene in Deutschland

Salafisten in Deutschland

Der Verfassungsschutz rechnet mehr als 43.000 Menschen zur islamistischen Szene in Deutschland. Diese ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen - vor allem durch den starken Zulauf bei der Gruppe der Salafisten, einer besonders konservativen Strömung innerhalb des Islam. Rund 7000 Leute werden inzwischen der Salafisten-Szene zugerechnet. 2011 waren es noch etwa halb so viel. Besonders stark sind die Salafisten in Nordrhein-Westfalen vernetzt.

Millitante Islamisten

Mindestens 600 radikale Islamisten aus Deutschland sind bislang in das Kampfgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist. Die Zahl geht seit langem kontinuierlich nach oben. Viele haben sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen.

Kämpfer kehren zurück

Etwa 200 der Ausgereisten sind inzwischen wieder in Deutschland. Aber nur von einem kleinen Teil davon – etwa 35 Personen – ist bekannt, dass sie aktiv am bewaffneten Konflikt beteiligt waren. Rund 60 Islamisten aus Deutschland sind laut Verfassungsschutz in Syrien und dem Irak gestorben. Mindestens zehn sprengten sich bei Selbstmordanschlägen in die Luft. Dies sind aber nur die bekannten Fälle.

Diese Islamisten sind gefährlich

Die Sicherheitsbehörden stufen viele Islamisten als gefährlich ein. Etwa 1000 Menschen in Deutschland werden dem „islamistisch-terroristischen“ Spektrum zugeordnet. Darunter sind 260 sogenannte Gefährder, also Menschen, denen die Polizei zutraut, dass sie einen Terrorakt begehen könnten. Die Zahl ist so hoch wie nie zuvor. Zum Teil sind auch Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten darunter. Diese machen den Sicherheitsbehörden große Sorgen, weil sie oft radikalisiert zurückkommen - und zum Teil kampferprobt.

In den Mittelpunkt rückte ein Deutsch-Marokkaner, der ein Video auf Youtube eingestellt haben soll, in dem er zur Teilnahme am bewaffneten Dschihad aufruft. Er sei selbst in dem deutschsprachigen Teil des Videos zu sehen, sagte die Staatsanwältin. Einem Gerichtssprecher zufolge werden auch Symbole der IS-Terrorgruppe Islamischer Staat eingeblendet. Der 26-Jährige habe sich auch selbst militärisch ausbilden lassen in einem Ausbildungslager in Syrien, um sich später an Kampfhandlungen zu beteiligen, hieß es in der Anklage.

Drei der Kölner Beschuldigen sind zudem vom Generalbundesanwalt wegen Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung angeklagt und werden sich demnächst vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten müssen. Der Vorsitzende Richter Ralf-Peter Sossna sagte in Köln, im kommenden Jahr hätten sich diese drei Betroffenen damit wohl parallel zwei Prozessen zu stellen. Die große Strafkammer in der Domstadt hat bis März 2016 bisher 47 Verhandlungstage angesetzt.

Von

dpa

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