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30.03.2016

21:50 Uhr

Rainer Wendt im Interview

„Es fehlt schlicht an Kapazitäten“

VonAnja Stehle

Die Zahl der Wohnungseinbrüche erreicht laut Kriminalstatistik einen neuen Rekordwert. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, fordert im Interview mehr Investitionen in die innere Sicherheit.

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPoIG), Rainer Wendt, sieht großen Nachholbedarf bei der inneren Sicherheit. dpa

Rainer Wendt

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPoIG), Rainer Wendt, sieht großen Nachholbedarf bei der inneren Sicherheit.

BerlinHerr Wendt, leben wir in unsicheren Zeiten?
Das Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung ist groß. Vor wenigen Jahren haben noch 26 Prozent der Deutschen befürchtet, Opfer einer Straftat zu werden, jetzt sind es 52 Prozent. Das hat zwar nichts zu tun mit der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden. Aber es ist auch Aufgabe des Staates, nicht nur für objektive Sicherheit zu sorgen, sondern auch dafür, dass die Menschen keine Angst vor Kriminalität haben. Das heißt, die Polizei muss auf den Straßen präsent sein und nicht nur von einem zum nächsten Einsatz fliegen. Da gibt es großen Nachholbedarf.

Wie erklären Sie die hohe Zahl an Einbrüchen und Diebstahlsdelikten im vergangenen Jahr?
Viele Polizisten sind durch den Zuzug der Flüchtlinge mit anderen Aufgaben beschäftigt. Unsere Bereitschaftspolizei ist etwa stark eingebunden in den Schutz von Flüchtlingseinrichtungen – das ist auch richtig so, aber diese Kräfte fehlen. Es fehlt schlicht an Kapazitäten, um etwa in Ballungszentren nach Taschendieben Ausschau halten zu können. Die Polizei ist in einer Weise gefordert wie nie. Wir können nicht mehr so präsent sein, wie wir das für richtig halten.

Wie man sich vor Wohnungseinbrüchen schützen kann

Zugang erschweren

Polizeistatistiken belegen, dass Einbrecher keine Zeit vergeuden und Aufsehen vermeiden. Sind sie nicht binnen fünf Minuten in der Wohnung, wird ihnen die Entdeckungsgefahr meist zu groß und sie suchen sich andere Ziele. Empfehlenswert sind daher massive Türblätter, Türschlösser mit Schutzbelag und mehrfach im Mauerwerk verankerte Schließbleche. Polizei und andere Experten raten zu qualitätsgeprüften sogenannten einbruchhemmenden Türen. Die staatliche Förderbank KfW etwa fördert den Einbau solcher Türen und die Nachrüstung mit Rollläden und Zusatzschlössern sogar.

Wertsachen sicher verwahren

Nicht ständig benötigte Wertsachen sollten wenn möglich nicht zu Hause, sondern besser in einem sicheren Bankschließfach aufbewahrt werden. Andernfalls ist eventuell auch die Anschaffung eines fest verankerten Tresors eine Möglichkeit. Wertsachen sollten zudem samt einer genauer Beschreibung oder einem Foto in einem eigenen Verzeichnis katalogisiert werden, um im Fall von Diebstähle eine mögliche Wiederbeschaffung zu erleichtern und den Schaden besser regulieren zu können

Mit Nachbarn zusammentun

Nachbarn und Freunde sollten wissen, wann Bewohner zu einer Reise aufbrechen und wie sie im Notfall erreichbar sind. Die Erfahrungen der Polizei zeigen generell, dass eine aufmerksame Nachbarschaft entscheidend hilft, Einbrechern die Tour zu vermasseln. Sie ruft deshalb dazu auf, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam auf verdächtige Aktivitäten zu achten. Entgegen der weit verbreiteten Meinung schlagen viele Einbrecher auch tagsüber zu, etwa bei kurzen Abwesenheiten. Es gibt sogar professionelle Haushüter, die etwa in Urlaubszeiten engagiert werden können.

Auch Kleinigkeiten bedenken

Alltägliche Gewohnheiten und unscheinbare Details können Tätern mitunter ebenfalls das Leben erleichtern und sollten daher im Zweifelsfall neu überdacht werden. Haustüren sollten laut Polizei-Empfehlung selbst bei kurzzeitigem Verlassen abgeschlossen und nicht nur zugezogen werden. Profi-Einbrecher öffnen sie sonst innerhalb von Sekunden. Fenster sollten nie offenbleiben. Selbst Mülltonnen oder Pflanzenrankgitter können Dieben als Leiterersatz dienen und Einbrüche über die oberen Etagen erleichtern. Anrufbeantworter sollten niemals Hinweise auf Abwesenheit liefern.

Anwesenheit vortäuschen

Überquellende Briefkästen, geschlossene Rollläden und ein ungemähter Rasen signalisieren, dass niemand zu Hause ist und die Bewohner zum Beispiel länger im Urlaub weilen. Daher sollte zum Beispiel die Zeitung abbestellt oder nachgesendet werden. Anwesenheit vorgetäuscht werden kann auch, indem Licht per Zeitschaltuhr regelmäßig an- und ausgeht. Es gibt inzwischen sogar kleine Fernseh-Simulatoren. Das sind kleine LED-Projektoren, die in einem Raum ein möglichst realistisches Fernsehlicht erzeugen. Sie schalten sich dabei zu zufälligen Zeiten ein.

Alarmanlangen

Eine Alarmanlage verhindert zwei von drei Einbrüchen. Bei einer sogenannten Fallenüberwachung werden bestimmte Bereiche im Gebäude-Inneren durch Bewegungsmelder überwacht. Der Alarm wird dabei allerdings erst dann ausgelöst, wenn Einbrecher bereits eingedrungen sind. Eine andere Möglichkeit ist die sogenannte Außenhautüberwachung, bei der die Fenster und Türen mit Kontakten überwacht werden. Diese ist aber in der Regel relativ teuer. Abschreckend wirken können außerdem auch Lichtalarmanlagen, bei denen Bewegungssensoren eine Außenbeleuchtung anschalten.

Die hohe Zahl an Einbrüchen wird aber schon seit Jahren beobachtet.
Allein die Verknüpfung zu den Flüchtlingen herzustellen wäre falsch. Die Polizei ist in den vergangenen Jahren kaputt gespart worden. Das führt zu niedrigen Aufklärungsquoten – mit fatalem Signal. Wir brauchen ein flächendeckendes Investitionsprogramm in die innere Sicherheit. Die Ministerpräsidenten müssten das Thema zur Chefsache machen.

Mit der Flüchtlingskrise wurden die Stellen bei der Polizei schon aufgestockt.
Die beschlossenen Einstellungen mildern lediglich die bisherigen Versäumnisse ab. Die Bundespolizei hat 3000 neue Planstellen bekommen, aber man muss bedenken, dass die Polizisten erst ausgebildet werden müssen. Die Bundespolizei hat schon vor der Flüchtlingskrise einen Personalmangel festgestellt.

Liegt es allein am Personal?
Nein, das große Problem ist nicht etwa der Drogenabhängige, der schnell Geld braucht, sondern die sehr gut organisierten Einbrecherbanden, etwa aus Osteuropa. Die Ermittlungen in diesem Bereich sind sehr aufwendig. Wir müssen vorher schon wissen, wo die Banden zuschlagen und ihre Reisebewegungen überwachen dazu brauchen wir moderne Ermittlungsmethoden. Die Länder brauchen deshalb eine einheitliche IT-Infrastruktur und moderne Recherchesysteme. Noch haben die Länder eigene Systeme, die nicht miteinander vernetzt sind. Die Politiker verhalten sich wie Provinzfürsten, weil sie immer noch daran festhalten. Hinzu kommt ein anderes Problem: Die gefassten Täter werden in vielen Fällen nicht hart genug bestraft.

Woran machen Sie das fest?
Unter den Richtern gibt es viel zu viel Verständnis für irgendwelche Tatgründe. Da fallen die Urteile entsprechend milde aus. Ich kann das oft nicht nachvollziehen. Denn hinter jedem Ermittlungserfolg steckt auch harte Polizeiarbeit. Wenn dann ein Kuschelurteil dabei herauskommt, motiviert das die Polizisten nicht. Und abschreckend wirkt es auch nicht.

Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln wird bei erhöhter Kriminalität schnell die Verbindung zu den Flüchtlingen hergestellt - ist da was dran?
Nein. Natürlich werden auch Flüchtlinge kriminell und es gibt einzelne Bereiche, bei denen Migranten besonders auffällig sind. Zum Beispiel Eigentumsdelikte, wie Taschendiebstahl oder Ladeneinbruch. Aber in der Statistik ist das kaum messbar. Deshalb darf man das Problem der steigenden Kriminalität nicht mit dem Flüchtlingsthema verknüpfen das wäre völlig unseriös.

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