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12.01.2018

07:12 Uhr

Reaktionen auf Handelsblatt-Umfrage

„Merkel hat ihren Zenit überschritten“

VonDietmar Neuerer, Dana Heide

Die Bundesbürger tun sich immer schwerer mit ihrer Kanzlerin, zeigt eine Umfrage des Handelsblatts. Parteienforscher sehen den Befund als Beleg dafür, dass der Herbst von Merkels Kanzlerschaft angebrochen ist.

Analyse zur Handelsblatt-Umfrage

„Viele sind auf Distanz zu Merkel gegangen“

Analyse zur Handelsblatt-Umfrage: „Viele sind auf Distanz zu Merkel gegangen“

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BerlinSo ernst war die Lage wohl selten für die Kanzlerin: Gelingt es Angela Merkel nicht, den Weg zu Koalitionsverhandlungen mit der SPD einzuschlagen und am Ende ein Regierungsbündnis zu schmieden, ist ihre Kanzlerschaft wohl beendet. Das glaubt zumindest der einstige Vordenker der CDU, Kurt Biedenkopf. Im Falle von Neuwahlen werde Merkel nicht mehr antreten. „Das würde sie sich nicht antun“, sagte der ehemalige Generalsekretär der CDU und langjährige sächsische Ministerpräsident im Interview mit dem Handelsblatt.

Dass die Lage für Merkel alles andere als ideal ist, zeigt auch eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap für das Handelsblatt. Während die Kanzlerin alles versucht, die Gespräche mit den Sozialdemokraten zu einem Erfolg zu führen, erwarten die Bundesbürger ein vorzeitiges Ende ihrer Kanzlerschaft. Gut die Hälfte (56 Prozent) der Befragten geht davon aus, dass Merkel ihr Amt vor dem Ende der Legislaturperiode 2021 aufgibt. Bemerkenswert ist auch: Immerhin 48 Prozent der Unionsanhänger glauben ebenfalls nicht, dass Merkel 2021 noch Bundeskanzlerin sein wird, 46 Prozent der Befragten rechnen dagegen weiter mit ihr.

Für die FDP kommt der Befund nicht überraschend. „Dass sich nach zwölf Jahren die Nachfolgefrage stellt, ist natürlich. Sich damit auseinanderzusetzen, ist Aufgabe der CDU“, sagte die Generalsekretärin der Liberalen, Nicola Beer, dem Handelsblatt. „Offensichtlich traut eine Mehrheit der Deutschen Frau Merkel den Modernisierungsschub, den Deutschland jetzt braucht, nicht zu“, sagte auch der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dem Handelsblatt. „Die Öffentlichkeit sieht die Verdienste der Bundeskanzlerin, aber sie stellt auch die Frage nach der Zukunft.“

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In der Welt eine Instanz, zu Hause ohnmächtig – eine exklusive Handelsblatt-Umfrage zeigt, dass sich die Bundesbürger immer schwerer tun mit ihrer Kanzlerin. Das Vertrauen in Angela Merkel schwindet.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek glaubt allerdings nicht, dass die CDU in absehbarer Zeit zu einem personellen Neuanfang bereit ist. „Dieses Land braucht neue Ideen, etwa wie wir Klimaschutz und Digitalisierung voranbringen. Kaum vorstellbar, dass der CDU nach zwölf Jahren Kanzlerschaft mit Merkel ein Neuaufbruch gelingt“, sagte Janecek dem Handelsblatt. „Ihr Dilemma ist: Ohne Merkel ist sie erst recht kopf- und führungslos.“

In Berlin macht das Wort von der „Kanzlerinnendämmerung“ indes schon länger die Runde. „Kanzlerin Merkel war auf dem Zenit ihrer Macht und ihres Ansehens im Spätsommer 2015, als sie für Geflüchtete die Mutter Theresa gab“, sagte der Dresdner Parteienforscher Werner Patzelt dem Handelsblatt. Die Risiken und Folgewirkungen dieser Rolle habe sie nicht richtig eingeschätzt. „Sie entfremdete große Teile der eigentlich mit der CDU sympathisierenden Wählerschaft und mästete die AfD.“ Das Wahlergebnis vom vergangenen September mit dem schlechtesten Wahlergebnis seit 1949 sei die „bittere Quittung dafür“.

Der Berliner Politik-Professor Oskar Niedermayer wertet denn auch die aktuelle Handelsblatt-Umfrage als klaren Hinweis darauf, dass der Herbst für Merkels Kanzlerschaft angebrochen ist. „Betrachtet man ihre Bewertungen und Zugkraft in der Bevölkerung, so hat Angela Merkel ihren Zenit überschritten“, sagte Niedermayer dem Handelsblatt.

Dabei fallen die Urteile der Bürger über die Kanzlerin durchaus differenziert aus. So wertet etwa jeder fünfte Deutsche ihre Ruhe und Gelassenheit als ihre größte Stärke. Viele Deutsche schätzen ihr internationales Ansehen (10 Prozent), ihre Beharrlichkeit und ihr Durchhaltevermögen (10 Prozent). Doch es gibt auch eine andere Merkel im Bewusstsein der Bürger: 23 Prozent kritisieren ihre Entscheidungsschwäche und die Neigung, Probleme auszusitzen.

Im Kanzleramt wird man nicht gerne hören, dass sich viele Bürger an ihren häufigen Kurswechseln stören und manche ihr sogar die Eignung für das Amt absprechen. Zudem werden ihr fehlende Bürgernähe und Konzeptlosigkeit vorgeworfen, aber auch das Klammern an die Macht und die Weigerung, Fehler einzugestehen. Seit der Flüchtlingskrise polarisiert Merkel nicht nur inhaltlich, sondern auch als Person.

Gleichwohl schätzt der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst Merkel als ehrgeizig genug ein, „um nicht erledigte Aufgaben ihrer bisherigen Kanzlerschaft zu Ende zu bringen“.  Darunter vor allem die Stabilisierung und Weiterentwicklung der europäischen Integration in Zusammenarbeit mit Frankreich. Andererseits ist Probst aber auch überzeugt: „Merkel dürfte bewusst sein, dass ihr politisches Kapital nicht über 2021 hinausreicht und sie in dieser Zeit ihre politische Nachfolge regeln muss.“ Dafür würden auch Kräfte in der Partei sorgen, so Probst, „die jetzt schon mit den Füßen scharren und eine Verjüngung sowie teilweise auch eine Richtungsänderung der Politik der CDU verlangen“.

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Der einstige Vordenker der CDU warnt seine Partei vor zu vielen Kompromissen. Biedenkopf rechnet damit, dass Angela Merkel bei Neuwahlen nicht mehr antreten wird. Sie habe ihren Platz in der Geschichte jedoch sicher.

Doch aktuell, so scheint es, wollen selbst die schärfsten Kritiker Merkels in den eigenen Reihen derzeit nicht an eine Zeit ohne die CDU-Vorsitzende denken. Momentan steht der feste Wille im Mittelpunkt, eine neue GroKo zum Laufen zu bringen. Eine Rebellion gegen Merkel zum jetzigen Zeitpunkt? Undenkbar.

Die CDU-Chefin ist auch keineswegs regierungsmüde.  „Ich habe deutlich gemacht, als ich wieder angetreten bin, dass ich für vier Jahre antrete“, hatte sie kurz vor der Bundestagswahl gesagt. Und daher habe sie „die feste Absicht, das auch genauso zu machen, wie ich es gesagt habe“. Dies gehöre zum Vertrauen dazu.  Im August 2017 versicherte Merkel beim Handelsblatt Deutschland Dinner vor 400 Lesern in Berlin: „Mein Auftrag ist es, dem deutschen Volk zu dienen und Schaden von ihm abzuwehren.“

Doch was, wenn sie am Ende tatsächlich keine Regierung bilden kann? Und Merkel zu dem Schluss käme, dass der auch von ihr selbst angepeilte geordnete Übergang nicht mehr möglich ist? Dann würde sich die engste CDU-Spitze versammeln und die Chancen für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger bei einer Neuwahl ausloten. An ein solches Szenario mag derzeit aber niemand denken. Auch Biedenkopf nicht. 

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Kommentare (37)

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Rainer von Horn

12.01.2018, 08:03 Uhr

Zitat:

"Parteienforscher sehen den Befund als Beleg dafür, dass der Herbst von Merkels Kanzlerschaft angebrochen ist."

Nö, das dürfte wohl eher daran liegen, daß immer mehr Bundesbürger beginnen, die Merkel-Politik abzulehnen und sich verdutzt fragen, wessen Interessen sie denn eigentlich vertritt.

Herr Peter Kastner

12.01.2018, 08:15 Uhr

Wie man liest, wurden direkt vor dem Sondierungsgebäude mehrere Autos aufgebrochen. Sicherheit ist aber kein Thema bei Merkel. Da ist doch alles gut.

Herr Holger Narrog

12.01.2018, 09:00 Uhr

Das Herr Neuerer Fr. Merkels Zukunft bezweifelt ist sehr interessant.

Im Gegensatz zu Herrn Neuerer denke ich, dass der Hauptgrund der abgeklungenen Merkelpopularität in der Umvolkungsideologie der Fr. Merkel liegt.

Ob die seitens Herr Neurerer genannten, sehr links stehenden CDU Funktionäre die Dame beerben werden vermag ich nicht zu beurteilen. Was spräche denn gegen einen CSU Kandidaten, z.B. Söder, als Spitzenkandidaten, oder einen jungen frischen Politiker analog Österreich. Damit könnte die CDU/CSU wieder aus dem 30% Tief finden.

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