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25.02.2014

00:11 Uhr

Reaktionen

Wie Facebook zu Edathys Sprachrohr wird

VonJohannes Steger

Sebastian Edathy ist abgetaucht, doch über Facebook kommuniziert der Politiker mit der Öffentlichkeit. Und fand sich jetzt in einem SMS-Schlagabtausch mit der Bild-Chefredaktion.

Facebook als Sprachrohr: Sebastian Edathy hat seine SMS-Unterhaltung mit der „Bild“-Chefredaktion gepostet. Quelle: Screenshot.

Facebook als Sprachrohr: Sebastian Edathy hat seine SMS-Unterhaltung mit der „Bild“-Chefredaktion gepostet. Quelle: Screenshot.

DüsseldorfLeverkusen-Stürmer Stefan Kießling hat es getan, Schauspielerin Katja Riemann machte es und der Kölner Zoo ebenfalls: Sie alle haben ihre Facebook-Seite zeitweise vom Netz genommen. Stehen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Unternehmen oder Einrichtungen in der Kritik, entlädt sich die fast immer auch in den Sozialen Netzwerken – gerne auch mal deutlich unter der Gürtellinie. Vielen Seiteninhabern wird das einfach zu viel.

Nach seinem Phantomtor gegen Hoffenheim musste sich Stürmer Kießling wüste Beschimpfungen gefallen lassen. Ähnlich erging es Katja Riemann nach ihrem missglückten „NDR“-Interview. Der Kölner Zoo stand im August 2012 in der Kritik, nachdem der Direktor einen Tiger erschoss, der wiederum eine Pflegerin tödlich verletzt hatte. Sie alle entschieden sich für den drastischen Schritt und schalteten den Facebook-Auftritt zeitweise offline - die Notbremse der sozialen Netzwerke.

Jemand der diese Notbremse bisher nicht gezogen hat, ist Sebastian Edathy. Obwohl deutschlandweit die Diskussion nicht abreißen will, fast täglich kommen neue Erkenntnisse in der Causa Edathy ans Licht. Viele sind über das Verhalten des Ex-Bundestagsabgeordneten schockiert – auch auf Facebook. Doch Edathy hat sein Facebook-Profil nicht vom Netz genommen. Mehr noch: Er nutzt es als Sprachrohr zur deutschen Öffentlichkeit. Er teilt nicht nur Artikel und Kommentare, sondern auch seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und einen SMS-Kontakt mit der „Bild“-Chefredaktion. Auch von einer Presseerklärung erfuhr die Öffentlichkeit via Facebook. Dort kündigte er an, dass er sich am Montag zu den Vorwürfen äußern will.

Dass Edathy wirklich alles teilt, darf nun auch Bild-Chefredakteur Kai Diekmann erfahren. Ein SMS-Duell zwischen seinen Angestellten und Ex-Bundestagsabgeordneten landete am Sonntag auf Facebook. „Wenn das Jagdfieber jedes Anstands-Gefühl überschreitet, hat man´s mit Bild zu tun“, eröffnet Edathy. Nach einem SMS-Schlagabtausch fragt ein namentlich ungenannter Bild-Macher schließlich: „Warum so aggro?“. Einen Screenshot der virtuellen Unterhaltung veröffentlichte Edathy auf Facebook, versehen mit den Worten „Chefredaktion ‚Bild‘ at ist best.“ Inzwischen hat Edathy das Foto wieder entfernt und stattdessen eine Pressemitteilung gepostet.

Die wichtigsten Akteure im Fall Edathy

Heiner Bartling (67)

Der SPD-Politiker – von 1998 bis 2003 Niedersächsischer Innenminister – teilte im NDR mit: Edathy hatte mindestens einen Informanten, der ihn mit Gerüchten über Ermittlungen gegen ihn versorgt hätte. Das habe er von Edathy selbst am Telefon erfahren. Edathy bestritt, dass ihn jemand vorgewarnt hatte.

Sebastian Edathy (44)

Von 1998 bis zu seinem Mandatsverzicht Anfang Februar saß der Niedersachse im Bundestag, wo er sich Ansehen als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses erwarb. In der Affäre um den Kinderpornografie-Verdacht räumte er öffentlich ein, bei einer kanadischen Firma Material bezogen zu haben, das er für legal gehalten habe. Sein Mandat habe er aus Erschöpfung niedergelegt – und weil er Maßnahmen gegen ihn nicht ausschließen konnte. Laut Staatsanwaltschaft Hannover hat Edathy Bilder beziehungsweise Sequenzen von unbekleideten männlichen Jugendlichen bestellt – ein „Grenzbereich zur Kinderpornografie“.

Hans-Peter Friedrich (56)

Ende Oktober 2013 gab der CSU-Mann als Bundesinnenminister einen Hinweis des Bundeskriminalamts zu Edathy an SPD-Chef Sigmar Gabriel weiter. Gegen Friedrich richtet sich der Vorwurf des Geheimnisverrats. Seinen Rücktritt als Agrarminister begründete er am Freitag auch mit schwindendem politischem Rückhalt. Mit Blick auf die Möglichkeit, dass Edathy einen Posten in der neuen schwarz-roten Regierung hätte bekommen können, betonte er, er habe nur seine Pflicht getan.

Klaus-Dieter Fritsche (60)

Der damalige Staatssekretär im Bundesinnenministerium trug Friedrich im Oktober zu, dass Edathys Name bei internationalen Ermittlungen auf einer Liste aufgetaucht sei. Der Hinweis kam laut Regierung vom Bundeskriminalamt. Heute bekleidet Fritsche einen neu geschaffenen Posten im Bundeskanzleramt als Staatssekretär für die Belange der Geheimdienste.

Jörg Fröhlich (53)

Der Leiter der Staatsanwaltschaft Hannover ging am vergangenen Freitag mit Details zu den Ermittlungen gegen Edathy an die Öffentlichkeit. Es gibt nun eine Debatte darüber, ob die Durchsuchungen von Büros und Wohnungen Edathys gerechtfertigt waren, obwohl wohl kein dringender Tatverdacht bestand. Auch dass die Ermittler viele Einzelheiten publik machten, ist eher ungewöhnlich. Edathys Anwalt legte Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Staatsanwaltschaft ein.

Sigmar Gabriel (54)

Friedrich informierte den SPD-Chef im Oktober über den Hinweis des Bundeskriminalamts zu Edathy – Gabriel informierte seinerseits den damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier und den damaligen Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Am Montag reagierte Gabriel auf wachsenden Unmut in der Union, dass in der Affäre bisher alleine Friedrich Konsequenzen zog: Für die SPD gebe es dafür keinen Anlass – man habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Insbesondere habe niemand Edathy gewarnt.

Angela Merkel (59)

Die Kanzlerin erfuhr laut ihrem Sprecher Steffen Seibert erst in der vergangenen Woche aus den Medien über die Ermittlungen im Zusammenhang mit Edathy. Sie selbst teilte mit, erst im Gespräch mit Gabriel am vergangenen Mittwoch davon erfahren zu haben, dass es vorab Informationen über den Fall gegeben habe.

Thomas Oppermann (59)

Am Donnerstag machte der SPD-Fraktionschef den Informationsfluss Friedrich-Gabriel-Steinmeier/Oppermann öffentlich – und löste damit erst die aktuelle Koalitionskrise aus. Von Gabriel informiert, rief der damalige SPD-Fraktionsgeschäftsführer nach eigenen Angaben bei BKA-Präsident Jörg Ziercke an und ließ sich die Angaben nach eigener Aussage bestätigen. Oppermann teilte auch mit, im Dezember Christine Lambrecht als neue Fraktionsgeschäftsführerin informiert zu haben.

Jörg Ziercke (66)

Der Leiter des Bundeskriminalamts widersprach Oppermanns Angaben über das gemeinsame Telefonat: Der oberste BKA-Mann betonte, er habe sich nicht zum Sachverhalt Edathy geäußert. Ziercke und Edathy waren sich im NSU-Untersuchungsausschuss begegnet: Edathy als Vorsitzender, Ziercke als Zeuge. Sie gerieten dort wegen der Rolle des BKA im Fall NSU aneinander.

Doch Edathys Verbleiben auf Facebook hat nicht nur mit Mitteilungsfreude zu tun. Auf dem Sozialen Netzwerk erfährt der ehemalige Bundestagsabgeordnete vor allem eins: Unterstützung. Rund 4.430 Abonnenten zählt seine Seite, knapp 4.560 Menschen sind mit ihm befreundet. Und die scheinen ihm die Treue zu halten.

Der von Edathy veröffentlichte Beitrag eines Kommentars der „Süddeutschen Zeitung“ erreichte 330 Gefällt mir-Klicks, 106 Kommentare. Darunter viele Stimmen wie die von Invi S.: „Was soll Herr Edathy denn noch alles nachweisen, wo doch bereits die Staatsanwaltschaft verfassungswidrig ermittelt? Ein Ermittlungsverfahren hätte gar nicht eröffnet werden dürfen.“ Auch Sören S. findet: „Ja, der Erwerb von Nackbildern von Kindern oder Jugendlichen ist unmoralisch. Aus einen am Boden Liegenden einzutreten, ist es auch! Wenn jeder von uns für die eigenen moralischen Verfehlungen so teuer bezahlen müsste wie Sebastian Edathy, dann Gute Nacht.“

Auch unter der Ankündigung zur Presseerklärung ist der Ton ähnlich: Melanie K. schreibt: „Dem noch hinzu zufügen. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Das wurde in diesem Fall leider vergessen. Sebastian wird jetzt schon wie ein Straftäter behandelt obwohl er bislang keiner ist. Mir fehlen die Worte...“ Martin M. meint: „Ist leider wie bei Wulff. Die Staatsanwaltschaft hat nichts – strafrechtlich Relevantes – in der Hand und um von den eigenen Versäumnissen nun abzulenken wird alles Mögliche vorgekarrt, was sich recherchieren ließ, um einen Menschen zu ruinieren.“ Zwar kommt auch immer wieder in den Kommentaren die Diskussion über eine mögliche Schuld Edathys auf, der große Shitstorm bleibt allerdings aus – zumindest bisher.

Korrektur: In einer älteren Versions dieses Artikels stand fälschlicherweise, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann selbst habe sich per SMS mit Sebastian Edathy ausgetauscht. Das stimmt nicht. Die Nachrichten stammten von einem anderen Mitglied der Chefredaktion des Blattes. Wir haben den Artikel angepasst.

Kommentare (3)

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pwinter@genxpro.de

24.02.2014, 17:26 Uhr

Nicht vergessen, dass Edathy sich beim NSU-Skandal als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses gegen Staatsanwaltschaft und BKA profiliert hat. Jetzt kommt die Retourkutsche. Und es wird darauf rauslaufen, dass Edathy's Leben und Karriere zerstört sind. Wir lernen, das BKA und die Staatsanwaltschaft praktisch ebenso außerhalb parlamentarischer Kontrolle agieren wie die Bild-Zeitung. Wer das nicht wulft, wird es auf die harte Tour lernen.

Kritiker

24.02.2014, 17:56 Uhr

Wo bleibt der Haftbefehl gegen diesen Kriminellen?
Hier besteht doch ganz klar eine Fluchtgefahr.

Th.Schaechter

25.02.2014, 10:02 Uhr

Es ist erschreckend wie wenig die Unschuldsvermutung noch Wert in unserer Gesellschaft hat. Keine Beweise, aber alle verurteilen. das hat schon etwas "Mob-Artiges"! Ich bin mal gespannt wie schnell der Fall Edathy aus der Presse verschwindet, wenn nichts neues kommt! das hat schon etwas von einer Kampagne. Was lernt man im ersten Semester Jura: Im Zweifel für den Angeklagten ... Herr Edathy ist ja nochmal nicht einmal angeklagt! Also liebe Wutbürger: tut euch die Ruhe an. in unserem Staat wird nicht mehr gesteinigt und in diesem Sinne ist die Bibel sehr Weise!!

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