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23.11.2015

11:56 Uhr

Rede von Olaf Scholz

„Wir haben einen Giganten verloren“

Hamburg, Deutschland und die Welt nehmen Abschied von Helmut Schmidt: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz würdigt den Altkanzler als Staatmann, Europäer, Weltpolitiker – und Giganten. Seine Rede im Wortlaut.

„Er [Helmut Schmidt]hat Spuren hinterlassen, von denen wir manche erst noch entdecken werden“, sagte der Erster Bürgermeister Hamburgs in seiner Trauerrede. dpa

Olaf Scholz

„Er [Helmut Schmidt]hat Spuren hinterlassen, von denen wir manche erst noch entdecken werden“, sagte der Erster Bürgermeister Hamburgs in seiner Trauerrede.

Hamburg trauert. Und nicht nur Hamburg – Deutschland, Europa, ja die ganze Welt beklagt den Verlust eines großen Politikers und Bürgers. Es ist noch kaum vorstellbar, dass wir künftig gesellschaftliche und politische Debatten ohne ihn werden führen müssen.

Liebe Familie Schmidt, liebe Familie Loah, sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Exzellenzen, sehr geehrte Trauergäste, wir nehmen heute Abschied von Helmut Schmidt. Wohl selten in Deutschland sind einem Politiker so viel Respekt und Vertrauen entgegengebracht worden. Selten hat jemand in solch gelassener Selbstverständlichkeit die öffentlichen Belange, die res publica, verkörpert wie er: ein Staatsmann im eigentlichen Sinn des Wortes.

Als in den Nachrichtensendungen zu seinem Tod die politischen Würdigungen zitiert wurden, hieß es dort auch, dass er ein „erleuchteter Europäer“ gewesen sei. Ich bin mir sicher: Das war ein Übersetzungsfehler und es hieß im Original „enlightened“ – also: aufgeklärt. Das war Helmut Schmidt ohne Zweifel. Aber es ist schon bemerkenswert, dass eine Redaktion auch den „erleuchteten Europäer“ durchaus im Bereich des Möglichen gesehen hat.

Dabei hat Helmut Schmidt wiederholt betont, dass er den Tod für endgültig halte und danach nichts komme. Ich will das nicht ausdeuten, für uns Nachbleibende trifft das jedenfalls nicht zu. Er ist von uns gegangen, aber vieles von ihm bleibt bei uns.

Helmut Schmidts Bekenntnisse

Schmidt spricht...

In dem am Samstag im Verlag C. H. Beck erscheinenden Buch „Was ich noch sagen wollte“ gibt Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) teils sehr persönliche Einblicke. Einige Zitate:

Quelle: dpa

über Loki

„Ich konnte mich in jeder Situation auf sie verlassen. Ich zögere nicht zu sagen: Loki war der Mensch in meinem Leben, der mir am wichtigsten war.“

(Schmidt über seine 2010 verstorbene Ehefrau Loki.)

über die RAF

„Für Loki und mich war klar: Im Falle einer Entführung lassen wir uns nicht austauschen.“

(Schmidt zur Gefahr, von RAF-Terroristen entführt zu werden – eine entsprechende Anweisung ließ er dem Kanzleramt übermitteln.)

über den Sohn

„Im Juni 1944 brachte Loki einen Sohn zur Welt, der nach acht Monaten an Gehirnhautentzündung starb. Der Feldpostbrief, in dem Loki mir vom Tod des Kindes berichtete, war verloren gegangen. Erst aus einem späteren Brief zog ich die Schlussfolgerung, dass der Junge gestorben sein musste. Es war ein schrecklicher Moment.“

(Schmidt zum Tod des Sohnes – er war zu dem Zeitpunkt an der Front.)

über seine Affäre

„In unserer 68 Jahre währenden Ehe hat es ein einziges Mal etwas gegeben, was ein Außenstehender eine Krise nennen könnte. Ich hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau.“

(Schmidt zu seiner Affäre Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre - er musste Loki von einer Trennung abbringen.)

...über die Nazi-Zeit

„Die Heutigen wissen alles viel besser.“

(Schmidt zu Belehrungen wegen seiner Rolle in der Nazi-Zeit.)

über Politik

„Es zeichnet politische Führer wie Churchill, de Gaulle oder Adenauer aus, dass sie nicht nur die nächste Wahl, sondern auch das langfristig Notwendige im Blick haben. Der Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken, hat seither erheblich zugenommen.“

(Schmidt zu Veränderungen in der Politik.)

über Verstädterung

„Hier wächst, potenziert durch die sozialen Netzwerke, die Gefahr der Verführbarkeit. Je mehr Menschen auf einem Fleck zusammenwohnen, desto leichter sind sie massenpsychologisch zu beeinflussen - auch und gerade durch falsche Vorbilder.“

(Schmidt zu den Risiken der weltweit zunehmenden Verstädterung.)

über Erich Ollenhauer

„Er war ein anständiger Mensch, aber ein mittelmäßiger Politiker.“

(Schmidt über den früheren SPD-Chef Erich Ollenhauer, der die Partei von 1952 bis 1963 führte.)

über Kohl

„Ich möchte Kohl zugute halten, dass er im Grunde ein anständiger Politiker gewesen ist.“

(Schmidt zu Kohls Leistungen bei der Deutschen Einheit – er warnt davor, die CDU-Spendenaffäre überzubewerten.)

über den Westen

„Inzwischen haben die Schlafwandler den Ukraine-Konflikt auf das Feld der Ökonomie verlagert; gleichwohl ist die Gefahr eines großen Krieges nicht gebannt. (...) Das Machtgefüge der Welt ist insgesamt in Bewegung.“

(Schmidt zur Rolle des Westens im Ukraine/Russland-Konflikt)

über Gehälter

„Von zehn Jahren wäre keiner auf die Idee gekommen, dem Vorstandsvorsitzenden von VW 15 Millionen Euro Gehalt zu zahlen.“

(Schmidt zur Steigerung der Gehälter für Unternehmenschefs – er wirft den Gewerkschaften vor, dies nicht verhindert zu haben.)

Das gilt, liebe Susanne Schmidt, liebe Ruth Loah, natürlich gerade für diejenigen, die ihm besonders nahe gewesen sind. Wir fühlen mit Ihnen.

Wir alle verlieren einen wichtigen Wegbegleiter. Gemeinsam mit Helmut Schmidt haben wir erlebt, wie aus lebensklugem politischem Pragmatismus scheinbar unbegrenzte moralische Autorität erwachsen kann. Gegründet auf dieses Fundament hinterlässt er uns ein Erbe, das wir annehmen wollen. Wir haben vieles von ihm gelernt. Das bleibt.

Und so mischt sich an diesem Tag in unsere Trauer auch die Dankbarkeit für das, was Helmut Schmidt uns mit auf den Weg gegeben hat. Von Helmut Schmidt haben wir gelernt, was es heißt, in einer demokratischen und offenen Gesellschaft politische Verantwortung zu übernehmen.

Viele, gerade in dieser Stadt, erinnern sich an den beherzten Hamburger Polizeisenator, der 1962 mit Klugheit und Augenmaß eine größere Katastrophe verhindert hat. Als die Dämme brachen, organisierte er die notwendige Hilfe – selbst wenn er den gesetzlichen Rahmen etwas dehnen musste. Viele Geschichten werden darüber erzählt. Am bedeutsamsten aber ist, mit welcher Klarheit Schmidt hier Kants kategorischen Imperativ zur Richtschnur einer verlässlichen Politik in unübersichtlichen Zeiten gemacht hat.

Handelsblatt Sonderausgabe:
Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:
+ Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen.
Von Gabor Steingart
+ „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte.
Von Hans-Jürgen Jakobs
+ Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner.
Von Sven Afhüppe
+ Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht.
Von Arnulf Baring

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15 Jahre später, unter dem Terror der RAF, sollte diese politische Grundhaltung erneut auf die Probe gestellt werden. Dass sich der deutsche Staat nicht hat erpressen lassen, hat ihn gegen den Terror gewappnet. Es hat aber auch den Träger dieser Entscheidungen in Stunden tiefer Verzweiflung gestürzt. Verantwortung muss man bereitwillig tragen, bisweilen auch ertragen.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Der Rigorismus dieser nur scheinbar so formalen Feststellung ist wesentlich dafür, wie Helmut Schmidt von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen wurde.

Er hat vorgelebt, wie anständige und vernünftige Politik aussieht. Seine Geradlinigkeit hat Vertrauen erzeugt und ihn zum Vorbild für viele gemacht.

Unsere freiheitlich demokratische Verfassung fußt auf der Überzeugung, dass jeder Einzelne Verantwortung für sich und für die Gemeinschaft übernimmt und übernehmen kann. Daraus entsteht die offene Gesellschaft, die Helmut Schmidt so am Herzen lag.

Wir erleben heute wie attraktiv diese Offenheit ist. Wir spüren aber auch, dass sie erbitterte Feinde hat. Wir haben das vor zehn Tagen bei den Terroranschlägen von Paris erleben müssen.

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