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02.01.2008

17:22 Uhr

Reformen

Die Reform-Dividende des Andreas K.

VonDietrich Creutzburg

Prost Neujahr. Kaum ist die Silvesternacht verraucht, wird für viele Arbeitnehmer eines deutlich: Sie könnten zu den größten Verlierern des Jahres 2008 zählen. Job futsch, Auto futsch – und Rauchen macht auch keinen Spaß mehr. Wie sich die Reformen der Großen Koalition auswirken könnten.

Wenn dieser Raucher auch noch ein altes Auto fährt und bei der Pin Group arbeitet, ist er ein heißer Kandidat für den Titel "Verlierer des Jahres". dpa

Wenn dieser Raucher auch noch ein altes Auto fährt und bei der Pin Group arbeitet, ist er ein heißer Kandidat für den Titel "Verlierer des Jahres".

BERLIN. Nennen wir ihn Andreas K.. Vielleicht wird auch er eines Tages verstehen, was ihm die Bundeskanzlerin als Neujahrsbotschaft mit auf den Weg gegeben hat. Vor allem zwei Aussagen geben ihm Rätsel auf: „Reformen zahlen sich aus.“ Und: „Die Balance von Freiheit und Sicherheit in unserer Sozialen Marktwirtschaft hat sich bewährt.“

Andreas K. ist kein Intellektueller, der über dialektische Spannungsverhältnisse solcher Botschaften grübeln würde. Er ist ein einfacher Bürger aus Berlin, der Politik meist danach beurteilt, was konkret bei ihm ankommt – zum Beispiel mit den vielfältigen Neuregelungen zum 1. Januar. Und da die Kanzlerin für ihn schlicht die wichtigste Politikerin im Lande ist, befasst sich K. auch kaum mit feinen Unterschieden zwischen Bundes- und Länderzuständigkeit. Eines aber sieht er klar: Kaum ist die Silvesternacht verraucht, zählt er schon zu den heißesten Kandidaten für den Titel „Verlierer des Jahres 2008“.

Zugegeben, wir kennen Andreas K. nicht persönlich. Einiges aber glauben wir aus Erzählungen von Bekannten recht genau über ihn zu wissen – auch wenn nichts verbürgt ist. Danach hat der Endvierziger nach einigem beruflichem Auf und Ab seit einem Dreivierteljahr eine Stelle in der Buchhaltung des Briefdienstleisters Pin Group. Weil sein Einkommen keine großen Sprünge erlaubt, ist ein rostroter Ford Fiesta sein bescheidener autofahrerischer Stolz. Und K. – ja, diese Freiheit nimmt er sich – ist leidenschaftlicher Raucher.

Schon am 2. Januar sieht seine vorläufige Bilanz für 2008 so aus: Job futsch, Auto futsch – und außerdem ist auch der Tabak kein Genuss mehr.

Da der Post-Mindestlohn nun tatsächlich in Kraft ist, rechnet K. nur noch in Tagen, bis ihm der Job gekündigt wird. Bekanntlich gab die umstrittene Neuregelung zumindest den letzten Anlass dafür, dass Pin mangels wirtschaftlicher Perspektive der Geldhahn zugedreht wurde. K.s Betrieb, eine Servicetochter, ging kurz vor Weihnachten in die Insolvenz.

Andreas K. ist eigentlich alles andere als ein Berufspessimist. Daher hält er bereits nach neuen Jobs Ausschau und wäre durchaus bereit, eine Stelle im Umland anzunehmen. Allerdings stellt sich dabei schon das nächste Problem, das ihn noch mehr über den Satz grübeln lässt, wonach sich Reformen auszahlen: Der alte Fiesta, der trotz kleiner Macken noch stets zuverlässig anspringt, ist nicht mehr zu gebrauchen – auch nicht für die Fahrt zur erhofften neuen Arbeit.

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