Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2003

14:44 Uhr

Reformstau und Wachstumsschwäche schaden dem Ansehen

Deutschland hat ein Imageproblem

Die Euphorie war von kurzer Dauer. "Das ist wie nach einer Geburt", jauchzte ThyssenKrupp-Vorstand Eckhard Rohkamm nach der Jungfernfahrt der Magnetschnellbahn Transrapid in Schanghai. Über ein "Signal für Deutschland" freuten sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD).

Doch wenige Tage später ist das Signal vergessen, die Begeisterung verflogen: Nun streiten sie wieder, die deutschen Manager und Minister - über mögliche Trassen in Deutschland, über Kosten und Subventionen. Der Bund will kein Geld mehr locker machen, die Industrie fordert neue Vorleistungen - ganz so, als sei der Transrapid noch immer im Planungsstadium. Der Zug der Zukunft, der in China erfolgreich abgefahren ist, kommt in seiner Heimat nicht voran.

Immerhin - der Transrapid ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten "made in Germany", mit der sich Politik und Wirtschaft derzeit brüsten können. Der Milliarden-Deal in China beendet eine Serie von Negativ-Meldungen, die das deutsche Image im Ausland in den vergangenen Monaten erschüttert hat.

Besonders heftig erwischte es Klaus-Peter Müller, den Chef der Commerzbank: Müller vermutete eine Konspiration der Londoner City gegen den Finanzplatz Frankfurt, als im Spätsommer ein Mail an die Öffentlichkeit drang, in dem ein Analyst von Merrill Lynch bei der Nachrichtenagentur Standard&Poor s (S&P) die Liquidität der Commerzbank in Zweifel zog.

Nicht minder erbost waren die Verwalter der deutschen Staatsschulden in Frankfurt und Berlin, als es ein anderer S&P-Experte einige Wochen später wagte, ein Fragezeichen hinter das AAA-Rating des Schuldners Bundesrepublik zu setzen.

Ähnlich erging es kurz darauf auch dem neuen Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke: Die Ratingagentur Moody s kündigte an, bis Mitte Januar 2003 eine Entscheidung über eine mögliche Herabstufung des deutschen Telekom-Riesen zu treffen. Zuvor waren bereits deutsche Großbanken und Lebensversicherer herabgestuft worden.

Diese drei Beispiele symbolisieren einen unerfreulichen Trend: Im Ausland gärt Mißtrauen gegenüber Deutschland, gegenüber dem Staat ebenso wie der Wirtschaft. Fälschlicherweise zwar, wie die Betroffenen immer wieder bekräftigen. Dennoch hält sich der Eindruck hartnäckig, dass die einstige "Lokomotive Europas" von "Mattigkeit und Wehmut" befallen sei, wie "Le Monde" zur Jahreswende schrieb.

Während Deutschland früher als Garant für Qualität und Innovationskraft galt, genießt das Land heute den zweifelhaften Ruf des Schwächlings und Bremsers, das mal mit England vor der Ära Thatcher, mal mit Japan verglichen wird. Zu diesen wenig schmeichelhaften Vergleichen haben nicht nur der chronische Reformstau, die schwache Konjunktur und das überbordende Budgetdefizit beigetragen. Auch der transatlantische Streit um einen möglichen Irakkrieg hat am deutschen Image gekratzt.

Vor Schröders Zerwürfnis mit US-Präsident George W. Bush wurde Deutschland in den USA, Frankreich und anderen befreundeten Ländern mit einer rosaroten Brille betrachtet. Den Deutschen schien alles zu gelingen: das Wirtschaftswunder, die Wiedervereinigung, schließlich auch der Wiederaufstieg zu einem weltpolitischen Akteur ersten Ranges. Schattenseiten des "Modells Deutschland" wurden im Ausland kaum wahrgenommen, kritische Fragen selten gestellt. Doch nun ist die rosarote Brille einer graugetönten Lupe gewichen. Dass der Ruf gelitten hat, belegen die Herabstufungen der Rating- Agenturen ebenso wie das Ausbleiben ausländischer Direktinvestoren und Kapitalanleger. Am Ende kann es teuer werden für Deutschland - Vertrauen, das einmal weg ist, lässt sich nur mühsam wieder aufbauen. Ein nachhaltig angekratztes Image könnte sich vor allem für ein Exportland wie die Bundesrepublik bitter rächen.

Wie stark die Vorbehalte bei ausländischen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft sind, bemerken derzeit vor allem Teilnehmer internationaler Konferenzen. Etwa bei der letzten IWF-Herbsttagung in Washington: Das Thema Deutschland stand zwar nicht auf der Tagesordnung, aber deutsche Banker konnten sich bei den Empfängen kaum der besorgten Nachfragen zum Zustand des Landes, unserer Banken und Unternehmen erwehren. Viele kehrten damals erschüttert zurück - auch in der Furcht, hinter diesen Nachfragen könnte eine geschäftspolitische Strategie der Konkurrenz stecken: Geschäfte, die etwa deutsche Banken nicht mehr oder nicht mehr gut machen, könnten künftig anderen in den Schoß fallen.

Ähnliche Fragen werden sich auch die deutschen Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums Ende Januar anhören müssen. Unter dem Titel "Building Trust" geht es vor allem darum, neues Vertrauen zwischen den Nationen, Regionen und Religionen aufzubauen. Das wachsende Mißtrauen in Deutschland ist da gewiss ein Randthema, dürfte aber für Gesprächsstoff sorgen - trotz des Erfolgs mit dem Transrapid in China.

Deutschland - er kranke Mann Europas

Dass er sich im Ausland ständig recht- fertigen muss, daran hat sich Joachim Scheide inzwischen gewöhnt. Ganz egal, wo der Konjunktur-Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft einen Vortrag hält - immer wird er auf die deutsche Wirtschaftsmisere ange- sprochen. Die Fragen sind überall die gleichen: Warum läuft die deutsche Wirtschaft so schlecht? Wie kommt es, dass die Politik die Probleme nicht anpackt? "Man muss sich mittlerweise fast entschuldigen, dass man aus Deutschland kommt", sagt Scheide.

Ähnlich sind die Erfahrungen von Holger Schmieding, Deutscher und Volkswirt bei der Bank of America: "Wenn Sie im Ausland auf die Euro- Zone zu sprechen kommen, gibt es fast nur noch ein Thema: Deutschland." Vor allem in den USA hätten zahlreiche Menschen good Old Germany längst abgeschrieben. "Dort halten uns viele inzwischen für das zweite Japan."

Auch wenn die meisten Volkswirte diese Sicht der Dinge für etwas übertrieben halten - das schlechte Image Deutschlands hat etliche gute Gründe. Denn spätestens seit Mitte der neunziger Jahre leidet die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone vor allem im europäischen Vergleich unter einer chronischen Wachstums- schwäche. Besonders krass zeigt sich die Misere beim Blick auf die Entwicklung des Pro-Kopf- Einkommens, den besten Maßstab für den Wohlstand eines Landes: Bis 1991 wuchs das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner in Deutschland noch genauso schnell wie im Rest der Euro-Zone, die alte Welt stellte damals sogar die USA in den Schatten.

Der Einkommensvorsprung schmilzt

Seit Anfang der 90er Jahre verliert Deutschland aber zunehmend an Anschluss - sowohl gegenüber den anderen Ländern der Euro-Zone wie auch gegenüber den USA. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre ist das Pro-Kopf-Einkommen hier zu Lande laut Sachverständigenrat 0,7 Prozentpunkte langsamer gewachsen als das der restlichen Euro-Zone. Auf Dauer hat dies dramatische Folgen für den Wohlstand: Heute liegt das hiesige Pro-Kopf- Einkommen noch 27 % über dem Durchschnitt der Euro-Zone ohne Deutschland - sollte sich an der Wachstumsschwäche nichts ändern, würde unser Lebensstandard innerhalb von 50 Jahren 10 % unter dem Schnitt der Euro-Zone liegen. "Deutschland ist nach wie vor ein wohlhabendes Land, aber der Einkommensvorsprung schmilzt", warnen die fünf Weisen.

Schon seit Mitte der 70er Jahre hat Deutschland massiv an Boden verloren. Damals war das Pro-Kopf- Einkommen in Großbritannien laut Ifo-Institut nur halb so hoch wie hier - heute liegt es über dem deutschen. Berechnungen des Sachverstän- digenrates offenbaren die Hauptur- sache des Niedergangs: die Massen- arbeitslosigkeit. So verdankt die USA in den 90er Jahren einen Prozentpunkt ihres durchschnittlichen Wachstums von 3,4 % pro Jahr dem Beschäftigungsanstieg - bei uns lag das Wirtschaftswachstum im Schnitt nur bei 1,5 %, der Faktor Arbeit trug gerade einmal 0,1 Punkte dazu bei.

"Arbeitslosigkeit bedeutet einen Verzicht auf produktive Tätigkeit von Menschen", erläutert Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts. "Eine wertvolle Ressource wird nicht in den Produktionsprozess eingebracht." Daher sind Wirtschaftsleistung und Wohlstand geringer, als sie sein könnten. Dass Deutschland nach wie vor Export-Vizeweltmeister ist, ist nur ein schwacher Trost. Denn der Weltmarkt- Anteil der deutschen Exporte ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken - von über 11 % im Jahr 1990 auf jetzt nur noch etwas mehr als 8 %. Und Sinn macht sich keine Illusionen: Die Misere überdauert jede Erholung der Weltwirtschaft. "Wenn die Konjunktur wieder anziehen sollte, werden die deutschen Probleme nicht verschwinden, sondern allenfalls temporär überdeckt."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×