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20.12.2012

14:50 Uhr

Regionale Rangliste

Armes Deutschland!

VonMaike Freund

Deutschland ist reich. Und dennoch sind mehr Menschen denn je von Armut bedroht. Die Schere zwischen Reich und Arm klafft immer weiter auseinander, auch von Region zu Region. Und es gibt ein neues Schlusslicht.

Duisburg-Bruckhausen, mitten im Ruhrgebiet. dapd

Duisburg-Bruckhausen, mitten im Ruhrgebiet.

DüsseldorfWer an Armut denkt, hat vielleicht hungernde Kinder und Flüchtlinge in Krisengebieten wie Syrien vor Augen. Wenn es um Deutschland geht, denkt man vielleicht an Obdachlose. Aber arm in einem reichen Land? Wohl eher nicht. Und doch ist die Armutsgefährdungsquote in Deutschland weiter gestiegen – auf 15,1 Prozent laut einem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der auf dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes beruht. Jeder Sechste in Deutschland ist demnach von Armut bedroht. Ein trauriger Rekord.

Dabei gibt krasse regionale Unterschiede in Sachen Armut in Deutschland: Nach der regionalen Auswertung des Verbandes sind in Bayern und Baden-Württemberg weitaus weniger Menschen von Armut betroffen als in anderen Ländern. Mit einer Quote von 22,3 Prozent landet Bremen zum ersten Mal auf dem letzten Platz des Rankings. Und wie jedes Jahr – auch nach dieser Untersuchung – besetzen der Osten und das Ruhrgebiet die traurigen Spitzenplätzen.

Am schlimmsten trifft es im Westen Dortmund mit einer Quote von 21,6 Prozent, Bremen mit 22,3 Prozent und Hannover mit 22,6 Prozent. Im Osten ist es die Region Vorpommern mit einer Quote von 23,9 Prozent. Im Ländervergleich ist es Bremen, das den traurigen Spitzenplatz einnimmt. Vor allem für das Ruhrgebiet und den Osten gilt: „Der Grund für die schlechten Quoten sind strukturelle Probleme“, sagt Antje Richter-Kornweitz von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen. Arbeitslosigkeit, Niedrigeinkommen und die daraus folgende schlechte Perspektive seien der Grund.

Die Armutsquoten der einzelnen Bundesländer

Platz 16

Baden-Württemberg mit einer Armutsgefährdungsquote von 11,2.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Pforzheim (11,6), am besten steht der Landkreis Biberach da (2,6).

Platz 15

Bayern mit einer Armutsgefährdungsquote von 11,3.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Hof (13,3), am besten steht der Landkreis Eichstätt da (1,2).

Platz 14

Hessen mit einer Armutsgefährdungsquote von 12,7.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Offenbach am Main (18,8), am besten stehen der Main-Taunus-Kreis und der Rheingau-Taunus-Kreis da (5,1).

Platz 13

Schleswig-Holstein mit einer Armutsgefährdungsquote von 13,8.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Neumünster (18,2), am besten steht der Landkreis Stormarn da (5,7).

Platz 12

Hamburg mit einer Armutsgefährdungsquote von 14,7.

Die SGB II-Quote liegt laut Paritätischem Gesamtverband bei 13,0.

Platz 11

Rheinland-Pfalz mit einer Armutsgefährdungsquote von 15,1.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Pirmasens (17,8), am besten steht der Landkreis Trier-Saarburg da (2,9).

Platz 10

Saarland mit einer Armutsgefährdungsquote von 15,6.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Region Saarbrücken (14,6), am besten steht der Landkreis St. Wendel da (5,4).

Platz 9

Niedersachsen mit einer Armutsgefährdungsquote von 15,7.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Delmenhorst (18,5), am besten steht der Landkreis Vechta da (5,0).

Platz 8

Nordrhein-Westfalen mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,6.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Gelsenkirchen (21,6), am besten steht der Landkreis Coesfeld da (4,6).

Platz 7

Thüringen mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,7.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Gera (18,1), am besten steht der Landkreis Hildburghausen da (6,8).

Platz 6

Brandenburg mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,9.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Brandenburg an der Havel und den Landkreis Uckermarkt (beide 13,3), am besten steht der Landkreis Potsdam-Mittelmark da (7,5).

Platz 5

Sachsen mit einer Armutsgefährdungsquote von 19,6.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Leipzig (19,2), am besten stehen der Erzgebirgskreis und der Landkreis Mittelsachsen da (12,1).

Platz 4

Sachsen-Anhalt mit einer Armutsgefährdungsquote von 20,5.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Halle und den Salzlandkreis (20,7), am besten steht der Landkreis Börde da (11,7).

Platz 3

Berlin mit einer Armutsgefährdungsquote von 21,1.

Die SGB II-Quote liegt laut Paritätischem Gesamtverband bei 21,1.

Platz 2

Mecklenburg-Vorpommern mit einer Armutsgefährdungsquote von 22,2.

Die höchste SGB II-Quote vermeldet der Paritätische Gesamtverband für die Stadt Schwerin (20,4), am besten steht der Landkreis Ludwigslust-Parchim da (12,1).

Platz 1

Bremen mit einer Armutsgefährdungsquote von 22,3.

Die SGB II-Quote liegt laut Paritätischem Gesamtverband bei 18,1.

Sie nennt einen weiteren, klassischen Indikator für Armut: den der Säuglingssterblichkeit, von dem man wisse, dass sie sozioökonomisch beeinflusst sei. Eine Studie des Gesundheitsamtes Bremen aus dem Jahr 2010 verglich die Kindesterblichkeit in Bremen zwischen Stadtteilen, in denen eher Mittelschicht zu Hause ist und Stadteilen, die durch Armut geprägt sind. Das Ergebnis: Während im reichen Wohngebiet 1,2 Säuglinge pro 1.000 Lebendgeburten im ersten Lebensjahr sterben, sind es im armen Stadtteil 7,3.

Die wichtigsten Fakten zum Armuts- und Reichtumsbericht

Kinder

Das Risiko von Kinder, arm zu werden, ist dann am höchsten (60 Prozent), wenn sie in einem Haushalt ohne Verdiener aufwachsen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" und nimmt Bezug auf den Armuts- und Reichtumsbericht. Auch Kinder Alleinerziehender haben ein hohes Risiko zu verarmen (55 Prozent), gefolgt von Ausländern (28 Prozent), berichtet die Zeitung.

Kinderbetreuung

Die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder ab einem Jahr hat sich seit 2006 auf mehr als 500 000 verdoppelt. Auch werden doppelt so viele Grundschüler ganztags betreut. Trotz aller Verbesserung: Die eingesetzten Mittel für die frühkindliche Bildung und Betreuung von Kindern unter sechs ist im internationalen Vergleich "immer noch weit unterdurchschnittlich". Sie beliefen sich auf 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "In Ländern wie Dänemark oder Schweden beträgt dieser Anteil das Dreifache", heißt es in der Regierungsanalyse.

Bildung

In Deutschland sind die Bildungschancen von Kindern davon abhängig, was die Eltern gelernt haben und welches Haushaltseinkommen sie erzielen. Und: Für Analphabeten - mindestens 7,5 Millionen in Deutschland - wird nicht genug getan. Immerhin: nur noch 6,5 Prozent schafften 2010 keinen Schulabschluss. 2007 waren es noch 7,7 Prozent.

Minijob und Teilzeitstelle

Teilzeitstelle von bis zu 20 Wochenstunden, Minijob, befristeten Arbeitsverträge oder einer Anstellung als Leiharbeiter: Immer mehr Menschen arbeiten in einer solchen atypischen Beschäftigung. Der Anteil hat sich innerhalb on zehn Jahren von 20 auf 25 Prozent erhöht - und das auch noch auf Kosten normaler Arbeitsverhältnisse. Denn deren Zahl hat sich fast nicht verändert.

Ältere Menschen

"Die Einkommens- und Vermögenssituation der Älteren von heute ist überdurchschnittlich gut", heißt es in dem Bericht laut "Süddeutsche Zeitung". Nur 2,45 Prozent der über 65-Jährigen waren auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen. Als entsprechend niedrig gilt ihr Risiko, arm zu werden. Es liegt bei 14,7 Prozent, bei der Bevölkerung insgesamt bei 15,3 Prozent.

Arbeitsmarkt

Immerhin: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist seit 2007 um 40 Prozent auf im Jahresdurchschnitt 1,06 Millionen 2011 gesunken, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Besonders deutlichen Rückgang gibt es bei Zugewanderten. Zwischen 2008 und 2011 sei deren Erwerbstätigenquote "noch stärker gestiegen als die der Inländer". Auch habe sich die Zahl der hoch qualifizierten Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten kräftig von 1200 im Jahr 1998 auf 27 800 im Jahr 2011 erhöht.

Als Armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zum Leben zur Verfügung hat. Konkret heißt das laut Studie: 2011 lag die Armutsschwelle eines Singles bei 848 Euro. Der Hartz IV-Satz betrug jedoch 374 Euro. Rechnet man Sätze für Miete und anderes hinzu, liegt der Satz immerhin bei 690 Euro – doch immer noch weit unter der Armutsschwelle.

Das gleiche gilt für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Dort liegt die Armutsgrenze bei 1.781 Euro. Der Hartz IV-Satz für die vierköpfige Familie liegt bei 1.213 Euro beziehungsweise bei 1.691 Euro. Wer auf die Stütze des Staates angewiesen ist, ist also automatisch arm.

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Kommentare (65)

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Account gelöscht!

20.12.2012, 15:07 Uhr

Ausgerechnet Bremen! Wo doch derart "soziale" Mentalitäten ihr (Un-)Wesen trieben ....

Und wieder ligen Bayerun und BW vorne, wie ärgerlich für die ganzen Sozialromantiker ....!

Micha

20.12.2012, 15:09 Uhr

Armut in Deutschland ist ja wohl lächerlich! Jedem Hartz-4-Empfänger in Deutschland geht es besser als 90% der Weltbevölkerung. Kostenlose Wohnung, Nahrung, Krankenversicherung,..... Sogar vielen Asylanten geht es hier besser, als in ihren Heimatländern mit Vollzeitjobs. Wer von Armut in Deutschland spricht, sollte sich mal die restliche Welt anschauen und nicht nur auf Malle urlauben. Teilweise genügt schon ein Blick ins "Armenhaus" Europas. Dann wird keiner mehr von Armut in Deutschland reden.

Ich_kritisch

20.12.2012, 15:38 Uhr

ja und?
von der Stütze soll man überleben können - und nicht gut leben. :-)

um anständig zu leben muss man arbeiten gehen, da reicht dann auch kein Minijob oder eine Halbtagsstelle, es muss schon ein Vollzeitjob sein. Gleichzeitig gibt dieser Wert ja auch einen Maßstab für einen Mindestlohn an. Denn mit einem 40 Wochenstd. Job sollte man über 848 Euro netto kommen. Dafür reicht ein Stundenlohn von 6,50 Euro. Gibt 1.126,64 Brutto Durchschnitt bei durchschnittlichen 173,33 Std im Monat. Ergibt Netto für Singles 863,14 Euro im Monat.

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